Pfarrermangel: Bleiben die Kanzeln künftig leer?

Interview Weniger Zeit für mehr Aufgaben — Pfarrer Martin Kaschler kann gut verstehen, warum immer weniger junge Menschen in den Kirchendienst möchten. Trotzdem übt er seinen Beruf weiter mit Leidenschaft aus und sucht nach neuen Lösungen für seine Gemeinde.

Die evangelische Kirche von Großaspach ist der Arbeitsplatz von Martin Kaschler.

© Alexander Becher

Die evangelische Kirche von Großaspach ist der Arbeitsplatz von Martin Kaschler.

Wann beginnen Ihre Sommerferien, Herr Kaschler?

Übermorgen. Ich nehme mir drei Wochen Urlaub, weil zwei kaum Erholungswert bieten würden.

Wie sehen Sie die Situation im Kirchenbezirk Backnang?

Wir sind ein richtig guter Bezirk. Das hat viel mit dem Engagement von Herrn Braun, unserem Dekan, zu tun. So eine Führungsperson kann viel prägen und den Pfarrern Wertschätzung vermitteln. Ich habe den Vergleich, weil ich schon in fünf Kirchenbezirken angestellt war. Unser großes Problem ist, dass in den nächsten Jahren die zahlenmäßig stärksten Jahrgänge der Pfarrerschaft in den Ruhestand gehen, da gehöre ich in sechs Jahren selber dazu. Und parallel dazu gibt es auf der anderen Seite ein großes Loch an Theologiestudenten. Mit mir hatten damals fast 300 Studenten gleichzeitig an der Universität Tübingen begonnen. Heute sind es im besten Fall ein paar Handvoll und die wollen noch nicht mal alle in den Pfarrdienst.

Warum ist der Kirchendienst für junge Menschen so unattraktiv geworden?

Das hat wohl auch damit zu tun, dass sie die Pfarrer in der Regel gehetzt und ohne Freizeit erleben. Vielleicht bin ich auch selbst schuld daran, aber in dem Beruf will ich einfach keine Abstriche machen. Eine Bestattung zum Beispiel benötigt einen ganzen Arbeitstag, wenn man sie befriedigend umsetzen will. Und zwar einen Arbeitstag von mehr als zwölf Stunden – man braucht ja auch emotionalen Raum, um der Person und den Angehörigen gerecht zu werden.

Für Pfarrer Martin Kaschler sollte die Kirche „Salz der Welt“ und nicht „Zucker der Erde“ sein. Fotos: Alexander Becher

© Alexander Becher

Für Pfarrer Martin Kaschler sollte die Kirche „Salz der Welt“ und nicht „Zucker der Erde“ sein. Fotos: Alexander Becher

Es fehlt den Pfarrern also vor allem an Zeit?

Unter den richtig engagierten Pfarrern kenne ich kaum welche, die einen freien Tag in der Woche haben. Spaßeshalber habe ich das mal zusammengerechnet: Ich bin jetzt 32 Jahre im Dienst – wenn ich alle verfallenen Urlaube und alle nicht genommenen freien Tage zusammenzähle, könnte ich fünf Jahre am Stück Urlaub machen. Einfach weil ich ihn nicht untergebracht habe. Da wir in den Schulen unterrichten, würde jeder Pfarrer gerne so lange wie möglich in den Sommerferien Urlaub machen. Aber wer übernimmt dann die Vertretung?

Gerade haben Sie den Schulunterricht erwähnt. Neben den Aufgaben in der Gemeinde gehören ja auch immer mehr Nebentätigkeiten zu Ihrem Beruf.

Es ist tatsächlich so, dass mehr als die Hälfte unserer Zeit für reine Verwaltung draufgeht. In den letzten 30 Jahren ist das drastisch angewachsen. Da geht es zum Beispiel um Datenschutz oder auf welcher Höhe unsere Feuerlöscher hängen. Letzte Woche musste ich mich um einen Sonnenschutz im evangelischen Kindergarten von Großaspach kümmern, einfach weil es auf die Schnelle nicht anders gegangen wäre. Auch die Flut an E-Mails, die heute ankommt, macht viel aus.

Wann wird die nächste Pfarrstelle in unserer Umgebung abgebaut?

Alle paar Jahre macht der Oberkirchenrat einen neuen Pfarrplan und kürzt Stellen. Der nächste tritt 2024 in Kraft, dann gibt es in Rietenau nur noch eine gedachte Pfarrstelle von 25 Prozent und das Pfarrhaus bleibt leer. Gleichzeitig wird die Pfarrstelle in Kleinaspach auf 75 Prozent gekürzt. Man könnte jetzt sagen, dann ist doch alles in Butter – ein Pfarrer kann beide versorgen. Aber so einfach ist das nicht, weil die Gemeinde Kleinaspach jetzt schon aus zwei Predigtstellen besteht: Kleinaspach und Allmersbach am Weinberg.

Drei Predigtstellen sind also nicht machbar für einen Pfarrer?

Welcher junge Mensch soll sich auf so eine Konstruktion bewerben? Das sind ja auch Gemeinden mit unterschiedlichen Traditionen, die man zusammenhalten muss. In Aspach haben wir uns jetzt auf den Weg gemacht, das Problem durch eine fusionierte Gesamtgemeinde aus Rietenau, Klein- und Großaspach zu lösen. Diese große Kraftaufgabe können dann zwei Pfarrer gemeinsam stemmen. Das braucht viel Vorlauf, weil man die Menschen mitnehmen und einen Konsens schaffen muss.

Wie lange kommt eine Gemeinde ohne Pfarrer klar?

Das hängt natürlich stark von der Gemeinde ab. Bei einer lebendigen Gemeinde wie Kirchberg an der Murr mit Dutzenden Gruppenangeboten geht das gut. Aber es gibt genügend Gemeinden, die unglaublich pfarrerzentriert sind. Etwa weil wenig ehrenamtliche Mitarbeiter da sind. Außerdem hängen viele an der traditionellen Erwartungshaltung, dass der Pfarrer alle vernetzt und jeden im Blick hat.

Viele sagen, mit den sinkenden Mitgliederzahlen der Kirchen nimmt auch das Arbeitspensum der Pfarrer ab.

So ist die Theorie, die Realität entspricht dem aber nicht. Weil wir die Kirche auch in Zukunft stark über die Gemeinde vor Ort wahrnehmen werden — da, wo alles fußläufig erreichbar ist. Das heißt, man muss die alten Strukturen weiter bedienen, um die Kirchenglieder zufrieden zu machen. Die Theorie, dass weniger Gemeindeglieder zu weniger Arbeit führen, stimmt auch deswegen nicht, weil in unserer überalterten Gesellschaft immer mehr Beerdigungen anfallen. Das ist ein intensiver Teil der Arbeit.

Wäre es eine Perspektive, die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche zu verstärken?

Das ist natürlich eine gute Idee. Aber die katholische Pfarrerschaft muss mit ihren Seelsorgeeinheiten erst mal viel größere Gebiete abdecken als wir. Ich kriege von verschiedenen Seiten mit, wie schwierig das ist. Ein Pfarrer muss ja auch eine persönliche Figur sein vor Ort, eine Vertrauensperson. Ich glaube, dass es da wenige Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit gibt, die beide Seiten entlastet.

Wie blicken Sie auf Ihre letzten sechs Dienstjahre, die noch vor Ihnen liegen?

Das Reizvolle an den vielen aktuellen Baustellen in der Kirche ist, dass es uns nie langweilig wird. Ich glaube, es gibt kaum einen Beruf, wo man so kreativ sein kann. Ich hätte gar keine Lust, jetzt schon in den Ruhestand zu gehen.

Das Interview führte Valentin Schmid.

Kirche vor Ort

Pfarrer Martin Kaschler wurde 1962 in Welzheim geboren und wusste schon mit 16 Jahren, dass er Pfarrer werden will. Seit neun Jahren ist er in der evangelischen Kirchengemeinde Großaspach angestellt. Spätestens mit 67 Jahren muss er in den Ruhestand gehen, so sieht es die württembergische Landeskirche vor.

Evangelischer Kirchenbezirk Backnang Von Großerlach im Norden bis Allmersbach im Süden gehören 22 Kirchengemeinden mit insgesamt rund 42000 Mitgliedern zum Evangelischen Kirchenbezirk Backnang. Sah der Pfarrplan 2006 hier noch 31,25 Pfarrstellen vor, liegt der Zielwert für 2024 bei nur noch 22,75. Auch 2030 soll weiter gekürzt werden.

Katholisches Dekanat Rems-Murr Auf der katholischen Seite reagierte man schon in den 90er-Jahren mit einer Strukturumwandlung auf die sich verändernden Umstände. So wurden jeweils zwei oder mehr Pfarreien zu einer sogenannten Seelsorgeeinheit zusammengelegt, um der Personalknappheit vorzubeugen.

Aktuell sind alle fünf Seelsorgeräume, welche die Umgebung von Backnang abdecken, mit leitenden Pfarrern besetzt. Jedoch fehlen vermehrt Seelsorger aus der „zweiten Reihe“: Diakone, Pastoralreferenten und Gemeindereferenten.

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Erstellt:
6. August 2022, 06:00 Uhr

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