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Pflegekraft wird erneut vernommen

Im Aspacher Entführungsfall bringen die Fragen der Verteidiger das Entführungsopfer in Bedrängnis

Das opfer des Aspacher Entführungsfalls musste nun ein zweiteas

© BilderBox - Erwin Wodicka

Das opfer des Aspacher Entführungsfalls musste nun ein zweiteas

Von Hans-Christoph Werner

Aspach/Stuttgart. Die entführte Pflegekraft ist ein zweites Mal aus Polen angereist. Bei ihrer ersten Vernehmung am fünften Verhandlungstag (wir berichteten) blieb keine Zeit für Staatsanwalt, psychiatrischen Gutachter und die Verteidiger Fragen an die Betroffene zu richten. Auch diese zweite Befragung zieht sich über fünfeinhalb Stunden hin. Wieder wird das Geschehene in der 48-Jährigen aufgewühlt. Sie schluchzt, putzt sich die Nase, ihre Stimme zittert, das Sprechtempo wechselt. Je länger die Befragung dauert, desto mehr verfällt sie in den Hang, Dinge zu erzählen, die gar nicht gefragt wurden. Aber auch die Verteidiger der beiden Angeklagten machen es der Zeugin nicht leicht. Energisch, mitunter mehrfach fragen sie nach Einzelheiten des Geschehens. Mühsam, so scheint es, muss die 48-Jährige in ihren Erinnerungen suchen. Aber auch Angst schwingt mit. Mehrmals erwähnt die Pflegekraft, dass sie fürchtet, ihr Ex-Partner könne sich nach Verbüßung einer Gefängnisstrafe an ihr rächen.

Erneut ist der Beginn des ganzen Geschehens Thema. Ihr überraschend in Deutschland aufgetauchter Ex-Partner hatte die Pflegerin um 200 Euro gebeten. Sie war bereit, diese ihm zu leihen. Warum hat sie das Geld, am Bankautomat abgehoben, nicht gleich übergeben? Stattdessen fand sie sich zu einem Gespräch bereit, ließ sich von dem locken, dass Maciej I. angab, er und sein Kompagnon hätten etwas für sie gekocht.

Für den psychiatrischen Gutachter ist der angebliche Drogenkonsum des älteren Angeklagten ein Thema. Begleitet von den Worten „Du Hure, wegen dir bin ich zu einem Junkie geworden“ soll er mit weißem Pulver hantiert haben. Ob die Zeugin eine Veränderung bei ihrem Peiniger bemerkte habe? Wie ein Energieschub habe das Pulver gewirkt. Während der Tage in den französischen Wäldern inszenierte Maciej I. einen Selbstmordversuch. War das für die Gefangene gleich als Inszenierung erkennbar? Offenbar war es das.

Kurz wird auch die Rolle des mitbeteiligten Krzystof T. gestreift. Befreundet mit dem Sohn der Pflegekraft soll er gesagt haben: „Wenn du nicht die Mutter meines besten Freundes wärst, würde ich dich erschießen.“ Zweimal wurde die Entführte von ihren Peinigern alleine im Wald zurückgelassen. Warum sie nicht geflohen sei, will der Verteidiger des jüngeren Angeklagten wissen. Durch die Verbrühungen am Knöchel im Gehen beeinträchtigt war offenbar die Angst der Gefangenen so groß, dass sie fürchtete, beim Misslingen ihrer Flucht von ihrem Ex-Partner und seinem Helfer sofort getötet zu werden. Mit hartnäckigen Fragen untersucht die Verteidigerin von Maciej I. die Beziehung der Zeugin zu ihrem Ex-Partner. Warum sie sich mit Maciej I. in Aspach überhaupt traf, wo sie doch im Sohn der Pflegefamilie einen neuen Partner gefunden hatte. Einen Ring habe ihr, der Zeugin, Maciej I. in der ersten Jahreshälfte 2019 geschenkt. Und sie habe ihn entgegengenommen. Verbunden war damit offenbar die Ankündigung, ihr bei nächster Gelegenheit einen Heiratsantrag zu machen.

Dem steht entgegen, dass die 48-Jährige angibt, sie habe sich von Maciej I. im März 2019 getrennt. Dann soll die Zeugin am 30. Mai, also unmittelbar vor der Entführung, eine Kurznachricht geschickt haben des Inhalts: „Guten Morgen, Bärchen, ich gehe jetzt duschen. Danach rufe ich dich an.“ Aber da greift dann der vorsitzende Richter ein. In dem ihm vorliegenden Chatprotokollen findet sich diese Nachricht nicht. Im Übrigen, so die Rechtsanwältin, sei die 48-Jährige doch von ihren Entführern all die Tage in den französischen Wäldern stets versorgt worden. Auch die Szene, als Maciej I. während der Entführungsfahrt der 48-Jährigen ein Messer an den Hals hielt, will die Rechtsanwältin nochmals genau analysieren. Hat Maciej I. sie wirklich verletzt oder hat sich die Pflegekraft während der Aktion unglücklich bewegt? Stimmt es, dass die Frau nach ihrer Befreiung durch die französische Polizei ihren Peiniger nochmals sehen wollte? Auch dass die Pflegerin mit Maciej I. 26 Jahre lang zusammenlebte, kreidet die Verteidigerin der Zeugin an. Warum ist sie nicht schon früher geflohen? Die 48-Jährige weist darauf hin, dass Maciej I. ihr erster Mann gewesen sei und ein Künstler darin war, große Versprechungen zu machen. So habe sie einfach die Jahre gebraucht, um sich von ihm wieder zu lösen.

Am Ende der Vernehmung ganz durcheinander, entschuldigt sich die Zeugin: „Ich habe Chaos im Kopf.“ Erneut gibt es während der Verhandlung Schwierigkeiten mit dem technischen Equipment. In die Übertragung der Zeugenvernehmung für den in einem anderen Saal befindlichen Maciej I. hat sich plötzlich der Teilnehmer einer Videokonferenz eingeloggt. Die Verwirrung entlockt dem vorsitzenden Richter die stöhnende Bemerkung „Justiz und Technik!“

Am nächsten Montag wird die Verhandlung fortgesetzt. Der psychiatrische Gutachter wird seine Stellungnahme abgeben. Der vorsitzende Richter will sodann mit den Verfahrensbeteiligten eine Verständigung erörtern. Mit einem Geständnis könnten die Angeklagten eine erhebliche Milderung des Strafmaßes erreichen.

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Erstellt:
25. Juli 2020, 06:00 Uhr

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