Plastikfrei leben im Selbstversuch

Im Unverpacktladen in Backnang fand ein Online-Workshop zum Thema „Plastikfrei leben“ statt. Für die Teilnehmer gab es nicht nur viele konkrete Alltagstipps zur Müllreduktion, sondern auch eine gesunde Portion Humor.

Plastikfrei einkaufen ist ein guter Schritt, um den eigenen Plastikverbrauch einzuschränken. Bei einem Online-Workshop im Backnanger Unverpacktladen gab es noch weitere Alltagstipps für die Teilnehmer. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Plastikfrei einkaufen ist ein guter Schritt, um den eigenen Plastikverbrauch einzuschränken. Bei einem Online-Workshop im Backnanger Unverpacktladen gab es noch weitere Alltagstipps für die Teilnehmer. Foto: A. Becher

Von Gabriella Lambrecht

Backnang. Wie kauft man eigentlich plastikfrei ein? Und an welche alltäglichen Hürden stößt man beim Versuch, Plastik zu reduzieren? Vergangenen Freitag führte das Projekt „PrimaKlima“ aus dem Weissacher Tal einen anregenden Online-Workshop zum Thema „plastikfrei leben“ im Backnanger Unverpacktladen durch und beantwortete solche und weitere Fragen. Die Teilnehmer konnten sich über viele Alltagstipps zur Müllreduktion, aber auch eine gesunde Portion Humor freuen.

Den Auftakt zur Veranstaltung gab die Initiatorin und Projektleitung Silke Müller-Zimmermann mit ihrer Kollegin, verkleidet als die Reinigungskräfte „Frau Blaschtigg“ und „Frau Jute“, die sich über den „Öko“-Lebenswandel von Frau Jute unterhielten, während sie den Unverpacktladen inspizierten: Unverpackt einkaufen – wie soll das gehen? Worin transportiert man dann die Lebensmittel? Ist das nicht viel zu anstrengend? Und in welche Tasche packe ich dann die ganzen Sachen – so ganz ohne Plastik und Polyester?

Beim Selbstversuch stößt man schnell auf unvorhergesehene Hürden

Einige Antworten auf die Fragen gab der im Anschluss folgende Erfahrungsbericht von Susanne Enchelmayer-Kieser. Ihr Motto trug sie direkt auf das T-Shirt gedruckt: „Plastik ist nur was für Barbies“. Enchelmayer-Kieser berichtete, wie sie vor einiger Zeit mit ihrer Familie den Selbstversuch wagte, plastikfrei zu leben, dabei aber häufig an unvorhergesehenen Hürden im Alltag kapitulieren musste: die Lichtschalter im Haus – aus Kunststoff, die Klobrille ebenfalls, genauso wie die Kaffeemaschine und etliche weitere Alltagsgegenstände.

Jedoch gelang es Familie Enchelmayer-Kieser den Plastikverbrauch bei Einkäufen einzuschränken, indem sie ihre eigenen Stoffbeutel verwendeten, eigene Aufbewahrungsbehälter nutzten statt abgepackter Wurst und Käse zu kaufen und etwa auf Bambuszahnbürsten umstiegen. Das Fazit: Komplett plastikfrei lässt es sich nur schwer leben, wenn man auch komfortabel leben möchte. Allerdings dürfe man auch die kleinen Schritte eines jeden Einzelnen nicht unterschätzen: „Wenn jeder ein bissle weniger Plastik verwenden würde, kommen wir wahrscheinlich weiter, als wenn sich eine Person beim Verzicht verkrampfen würde“, resümieren Silke Müller-Zimmermann und Susanne Enchelmayer-Kieser.

Die Botschaft für die Workshop-Teilnehmer lautet also, zu versuchen, möglichst nachhaltig zu leben. Zumindest da, wo es eben geht und zusammen den Schritt weg von einer Wegwerfgesellschaft zu gehen.

Aus zwangsläufig nachhaltigeren Zeiten berichten die Zeitzeugen Gisela (85) und Udo (81, gelernter Kunststofftechniker), die noch den Zweiten Weltkrieg und deren Konsequenzen miterlebt haben: Milch gab es damals nicht im Tetrapak, sondern in der Metallkanne vom Milchmann in individuellen Mengen. Und statt mit Klemmbausteinen aus Plastik wurde zum Beispiel mit Holzspielsachen gespielt.

Doch keineswegs darf heutzutage der Versuch, nachhaltig zu agieren, mit einem nostalgischen Abgesang auf frühere, vermeintlich bessere Zeiten verwechselt werden, betonen die Expertinnen von Prima Klima: „Wir wollen ja nicht zurück in die Steinzeit“, so Müller-Zimmermann. Stattdessen wolle man ganz individuell Alternativen ausloten, in denen ein Verzicht auf Plastik möglich wäre. Dass die Einführung von Kunststoff durchaus auch Positives mit sich brachte, leugnet niemand der Anwesenden. Udo gibt etwa die Pandemie als konkretes Beispiel: Ohne Einwegspritzen wären weder das Impfen noch die medizinische Versorgung in dem aktuellen Maße aufrechtzuerhalten.

Plastikfrei Einkaufen ist ein erster Schritt, es gab aber noch weitere Tipps

Ein erster Schritt zum plastikreduzierten Leben kann durchaus der plastikfreie Einkauf sein – etwa im Backnanger Unverpacktladen, in welchem sich neben Lebensmitteln auch Seifen, Deos und Kerzen finden (ganz ohne Aluminium). Neben Einkaufstipps für Unverpacktläden, Bioläden und Märkte erhielten die Zuhörer auch praktische Alltagstipps, beispielsweise zur plastikfreien Seifenlagerung.

Bei so viel interaktivem Austausch und alltagspraktikablen Anregungen hätte man den Organisatorinnen durchaus noch mehr Zuhörer gewünscht. Wer möchte, hat aber die Möglichkeit, sich im Nachhinein die Aufzeichnung des Online-Workshops unter https://www.kubusev.org anzusehen.

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Erstellt:
6. Dezember 2021, 06:00 Uhr

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