Lost Place
Portugiesisches Fort auf Hormus – vergessen im roten Staub
Wo einst ein Imperium herrschte, pfeift der Wind zwischen rostigen Kanonen und zerfallenen Torbögen. Heute bedrohen die iranischen Revolutionsgarden von dort die Weltwirtschaft.
© imago/ZUMA Press
Blick auf Festung und Straße von Hormus.
Von Markus Brauer, Michael U. Maier
Der Wind pfeift unerbittlich vom Persischen Golf herüber und trägt den feinen, roten Staub der Insel durch die zerfallenen Torbögen. Wo einst die stolze Flagge des portugiesischen Weltreichs im Wind flatterte, herrscht heute eine fast unheimliche Stille – die Ruhe vor dem Sturm?
Wer die Faszination verlassener Orte kennt – sei es eine stillgelegte Fabrik in der Region Stuttgart oder ein alter Bunker auf der Schwäbischen Alb – der wird auf Hormus die ultimative Steigerung des „Lost Place-Gefühls“ finden: Eine Festung, die nicht nur von der Zeit, sondern auch von der Geopolitik am Golf verschluckt wird. Eine spezialisierte US-Guerilla-Einheit aus der Panzerkaserne in Böblingen könnte hier womöglich ebenfalls eingesetzt werden, wenn es demnächst hart auf hart käme.
Das Forte de Nossa Senhora da Conceição de Ormuz an der Nordspitze der iranischen Insel Hormus ist nicht nur ein historisches Denkmal – es ist ein faszinierender, melancholischer Lost Place, an dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Die portugiesische Kontrolle über wurde maßgeblich durch den Entdecker und Eroberer Afonso de Albuquerque (1453-1515) begründet.
Ästhetik des Verfalls auf der Insel Hormus
Wer die bröckelnden, aus rötlichen Felsblöcken und Korallenkalkstein errichteten Mauern betritt, spürt sofort die Vergänglichkeit der Macht, heißt es unter den wenigen fremden Besuchern, die schon dort gewesen sind. Die Natur und das Küstenklima haben in den letzten 400 Jahren ganze Arbeit geleistet. Das salzige Meerwasser nagt beharrlich an den Fundamenten, während die unbarmherzige Sonne den Stein rissig gemacht hat.
Im staubigen Innenhof liegen schwere, gusseiserne Kanonen, zum Teil achtlos auf dem Boden verstreut. Sie sind tiefbraun verrostet, halb im roten Sand versunken und wirken wie gestrandete eiserne Relikte, die längst ihren Zweck vergessen haben. Sie sind die letzten stummen Wächter einer Festung, die schon lange niemand mehr verteidigt. Oder doch?
Lost-Place-Echos in der Dunkelheit
Das wahre Lost-Place-Gefühl entfaltet sich laut Eingeweihten, wenn man tiefer in die Eingeweide der Ruine vordringt. Dunkle, kühle Gänge führen in das einstige Herz der Anlage. Man streift durch die Überreste der alten Kasernen, blickt in die gähnende Leere der riesigen, unterirdischen Zisternen, in denen das Echo der eigenen Schritte unnatürlich laut widerhallt.
Schlacht um Hormus im Jahr 1622
Beklemmend wirken laut historischen Reiseberichten die Reste des alten Kerkers und der verfallenen Kirche. Die Decken sind teilweise eingestürzt, und das grelle Sonnenlicht fällt in harten Strahlen durch die Risse im Gewölbe, wodurch der rote Staub in der Luft manchmal wie ein feiner Nebel tanzt.
Es ist leicht, sich in diesen Schatten zu verlieren und sich einzubilden, das gedämpfte Klirren von Rüstungen oder die fernen Befehle der Kommandeure aus dem 16./17. Jahrhundert zu hören.
Im Jahr 1622 eroberten die Perser mit Hilfe der britischen Ostindien-Kompanie das strategisch gelegene Eiland von Portugal zurück. Ein Wendepunkt in der Geschichte des Kolonialismus – und ein Faustpfand auf den Seeeweg zu den reichen Ressourcen Indiens, die Grundlage der Weltmacht Großbritanniens.
Von der Natur besiegtes Imperium
Das portugiesische Fort von Hormus ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich die Erde zurückholt, was der Mensch ihr abgerungen hat. Die rote Erde der Insel scheint die Ruine förmlich verschlucken zu wollen. Es gibt keine Absperrungen aus Glas, keine polierten Museumsvitrinen. Nur nackten Verfall – und womöglich geheime Militäranlagen.
Für Liebhaber verbotener Orte hat diese Festung eine fast magische Aura. Sie ist ein steinernes „Memento Mori“ am Rande des Persischen Golfs. Ein Ort, der beweist: Egal wie dick die Mauern sind und wie mächtig ein Imperium einst war – am Ende bleiben nur Ruinen im Wind.
