Psychotherapeuten fordern legale Zuflucht für Flüchtlinge

dpa Berlin. Nicht nur in ihrem Herkunftsland, auch auf ihrer Flucht erleben Flüchtlinge traumatische Erfahrungen. Das muss mit sicheren Zugangswegen verhindert werden, fordern Deutschlands Psychotherapeuten.

Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer und Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg. Foto: Marijan Murat/dpa

Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer und Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg. Foto: Marijan Murat/dpa

Die neue Bundesregierung muss nach Ansicht von Deutschlands Psychotherapeuten legale Zugangswege für Flüchtlinge eröffnen.

„Menschen auf der Flucht erleben nicht nur im Herkunftsland und auf dem Fluchtweg lebensbedrohliche Ereignisse, die psychisch schwer verletzen, sondern auch die Erfahrungen an den europäischen Grenzen traumatisieren viele Menschen zusätzlich“, sagte der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Dietrich Munz, der Deutschen Presse-Agentur.

„Wer die Grenzen schließt, muss Türen schaffen, durch die Zutritt erlaubt ist“, forderte er von den potenziellen Koalitionären SPD, Grüne und FDP. Notwendig sei eine Möglichkeit in Deutschland Asyl zu beantragen, „und wir brauchen Kontingente, die politisch festlegen, wie viele Menschen wir aufnehmen“.

Neue Regierung muss beim Zugang zur Behandlung nachjustieren

Auch beim Zugang zur Behandlung müsse die kommende Regierung dringend nachsteuern, sagte Munz. Bislang hätten Flüchtlinge in den ersten 18 Monaten in aller Regel keinen rechtlichen Anspruch auf eine Psychotherapie. Psychisch kranke Flüchtlinge müssten aber versorgt werden.

Am 6. November hatte ein aus Syrien eingereister Flüchtling in einem ICE vier Männer mit einem Messer verletzt. Er wurde in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Nach Auswertung von Datenträgern des Täters wird ein islamistisches Motiv für die Attacke, die für die Betroffenen völlig unvermittelt kam, jedoch nicht ausgeschlossen. Aufgrund früherer Gewalttaten von Flüchtlingen, bei denen Symptome einer psychischen Erkrankung sowie Hinweise auf eine Radikalisierung festgestellt worden waren, beschäftigen sich Extremismus-Experten aktuell verstärkt mit diesem Phänomen.

„Die Erlebnisse auf der Flucht führen häufig zu schweren psychischen Erkrankungen“, sagte Munz. Dazu könnten auch psychotische Erkrankungen gehören, bei denen die Betroffenen von Wahnvorstellungen verfolgt würden - „solche Erkrankungen könnten rechtzeitig erkannt und behandelt werden, wenn Flüchtlingen grundsätzlich psychotherapeutische Hilfe angeboten würde“.

© dpa-infocom, dpa:211123-99-104215/3

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Erstellt:
23. November 2021, 04:13 Uhr

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