Public Viewing mit strengen Regeln

Große Erleichterung bei den Wirten, dass der 3-G-Nachweis im Außenbereich wegfällt. Für Gastronomen, die EM-Spiele übertragen wollen, steht und fällt alles mit anhaltend niedrigen Zahlen. Sie haben bis zuletzt gebibbert, ob sich der Aufwand lohnt.

Da war die Welt noch in Ordnung, beim WM-Endspiel 2014 wie hier im Merlin. Heuer gelten noch die AHA-Regeln, das heißt: Maske tragen und Abstand halten ist Pflicht. Archivfoto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Da war die Welt noch in Ordnung, beim WM-Endspiel 2014 wie hier im Merlin. Heuer gelten noch die AHA-Regeln, das heißt: Maske tragen und Abstand halten ist Pflicht. Archivfoto: A. Becher

Von Heidrun Gehrke

BACKNANG. Public Viewing – ist das bei der Fußball-EM möglich? Vesna Stanimirovic jubelt lange bevor das erste EM-Tor fällt. „Wir sind so froh um die Lockerung, und unsere Gäste sind es auch“, sagte die Inhaberin des „Waldheims“ im Plattenwald gestern am Telefon. Das Telefongebimmel sei den Vormittag über kaum mehr abgeebbt, kaum dass der Öffnungsschritt feststand. „Viele reservieren, fragen fürs Wochenende an, es sieht gut aus mit den Gästezahlen.“

Die ersten Tage nach der Wiedereröffnung seien eher ernüchternd gewesen. „Viele hatten keinen Bock, sich testen zu lassen, nur um ein Bier zu trinken und was zu essen.“ Das könne sie durchaus nachvollziehen. Null Verständnis habe sie allerdings für Kommentare, die ihr in den sozialen Medien um die Ohren gehauen wurden: „Viele haben geschimpft oder gefragt, warum wir das mitmachen und uns bieten lassen.“ Dazu falle ihr nichts mehr ein: „Wir sind nicht schuld, sondern setzen geltendes Recht um, damit wir für unsere Gäste weiterhin da sein können.“

Am Dienstag vorsorglich

drei neue Fernseher besorgt.

Mit der Wiedereröffnung habe sie bis Fronleichnam gewartet, doch am Brückentag und am langen Wochenende ging zunächst mal nicht viel. Trotzdem hätten sie am Plan festgehalten, zur EM aufzumachen. Am Dienstag habe sie mit ihrem Team darum vorsorglich drei neue Fernseher besorgt und zu deren Schutz Holzboxen gebaut, damit die Gäste ab dem heutigen Eröffnungsspiel im Biergarten die EM-Partien anschauen können. Die große Leinwand wird es nicht geben – zu hell, die Sonneneinstrahlung sei ungünstig, das habe in den Vorjahren für schlechte Sicht gesorgt. Außer am kommenden Montag will sie jedes Spiel zeigen, auch die Vorrundenspiele nachmittags. „Wir hoffen jetzt einfach, dass die Infektionszahlen unten bleiben.“ Alles andere wäre Arbeiten mit angezogener Handbremse gewesen. „Mit halb vollem oder fast leerem Biergarten macht es keinen Sinn, zu öffnen, alleine schon wegen dem Personaleinsatz, der immer da sein muss, auch wenn nichts läuft.“ Die anfängliche Zurückhaltung der Gäste könne sie verstehen.

„Viele möchten spontan entscheiden können und nicht extra eine Teststation anfahren.“ Zumal sie keine Teststation anbiete und in unmittelbarer Nähe keine zur Verfügung stehe: Extra Schulungen für die Schnelltestunterweisung als sogenannte „Geschulte Dritte“, wie es andere Gastronomiebetriebe tun, haben sich für sie nicht gelohnt. „Als sich Anfang der Woche allmählich abgezeichnet hat, dass die Zahlen runtergehen, haben wir noch abgewartet und einfach gehofft, dass die Zahlen sinken.“ Vesna weist darauf hin: „Wer in den Gasträumen bei uns sitzen will, für den gelten weiterhin die 3-G-Regeln.“ Die drei Gs stehen für getestet, geimpft und genesen.

Das Motto dieser EM wird wohl trotz Lockerungen lauten: „Mit Vorsicht und Abstand genießen.“ So sieht es Christos Kiroglou, der Inhaber des „Merlin“ in Backnang, den die meisten „Taki“ nennen. Sein Restaurant mit Wintergarten und Außenterrasse zählt seit Jahren zu den „Hotspots“ in Sachen Public Viewing. Und so ist auch er erleichtert, dass jetzt Land in Sicht ist. „Es ist träge angelaufen, das Mittagsgeschäft hat komplett gefehlt“, sagt er über die ersten Tage nach Wiedereröffnung am 1. Juni. „Abends ist es gut belegt, aber wer lässt sich extra testen, nur um mittags kurz was zu essen“, sagt er.

„Wir spüren auch das Homeoffice, viele Stammgäste etwa von Tesat fehlen, weil sie daheim essen.“ Durch die jetzt aufgehobene Test- und Nachweispflicht nehme die Frequenz spürbar an Fahrt auf. „Ohne Test geht es sofort“, sagt er gestern, als zur Mittagszeit zum ersten Mal alle Tische besetzt sind. Nun ruhen alle Hoffnungen, dass auch das gemeinsame Fußballschauen was wird, auf einem weiterhin niedrigen Inzidenzwert.

Vor Corona gab’s bis zu 600 Gäste, jetzt ist bei 200 das Limit erreicht.

„Und darauf, dass Deutschland gut spielt“, fügt Taki an. Vor Corona hätten bis zu 600 Gäste die Partien angeschaut, heuer sei bei 200 Fußballguckern das Limit erreicht. Er klingt darum noch etwas vorsichtig. „Ich glaube nicht, dass es dieses Jahr das große Wumm gibt mit der EM“, meint er. „Viele haben sich während Corona für daheim gute Fernseher gekauft und sind es gewohnt, mehr daheim zu sein.“ Er habe durch die lange Schließung „manchmal auch kein Gefühl mehr“, das Hin und Her und die monatelange Planungsunsicherheit seien mühsam gewesen. So hoffe er, dass sich alles zum Guten wendet. „Wir sind gut vorbereitet, die Mitarbeiter sind am Start und wir lassen alles auf uns zukommen.“

„Mir ist es noch zu heikel“, so Klaus Noller, der Wirt des „Jolly“ in Murrhardt. Er hatte bis jetzt noch geschlossen. „Ich hätte eh erst zur EM-Eröffnung wiedereröffnet und als Service für die Gäste den Fernseher eingeschaltet.“ Steigende Zahlen hätten ihm einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht. „Ich mache nur auf, wenn ich für draußen keinen Nachweis mehr brauche“, sagte er. Ihm stehe die Bevormundung quer: „Mir hätte es nicht gefallen, ich will niemanden kontrollieren.“

Nicht mit aller Gewalt wollten auch Michael und Diana Hägele ihre fußballaffine Kneipe „Kick&Rush“ in der Wilhelmstraße in Backnang öffnen. „Die Regel am Anfang mit der Sperrstunde um 21 Uhr wäre widersinnig gewesen, ich hätte die Leute ja quasi in der Halbzeit nach Hause schicken müssen.“ Nun kann in dem beliebten VfB-Fantreff bis zum Ende der Partie mitgefiebert werden, wenn nötig inklusive Verlängerung und Elfmeterschießen. Da er keine Außenwirtschaft hat, gelten im Innenraum die Bestimmungen für das Gastgewerbe. Neben den AHA-Regeln auch weiterhin der 3-G-Nachweis und eine begrenzte Personenzahl. Bei ihm sind es maximal 25 Gäste, für die die geforderten 1,5 Meter Mindestabstand gewährleistet werden können. Die Sorge, Fans mitten im Fußballspiel vor die Türe setzen zu müssen, habe sich zum Glück nun aufgelöst. „Wir haben bis 1 Uhr offen und zeigen alle Spiele, auch nachmittags.“ Nun hoffe er auf gute Partien. „Die Euphorie kommt hoffentlich auf, vor allem, wenn Deutschland gut spielt, dann wird’s gut.“

Keine drei Gs mehr, aber AHA!

Weil die Inzidenz in Backnang seit fünf Tagen in Folge unter 35 liegt, kommt es gemäß Coronaverordnung zu den von der Gastronomie ersehnten Regelungen: Gäste im Außenbereich müssen kein Coronatestergebnis oder einen Genesenen- oder Impfnachweis vorlegen (kein 3-G-Nachweis).

Abstandhalten und die Pflicht zum Tagen einer Maske bestehen weiterhin. Auch die Kontaktdaten werden erfasst – wie im Vorjahr (AHA-Regeln gelten für alle).

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Erstellt:
11. Juni 2021, 06:00 Uhr

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