Putin, Papst und Plagiate

Der Stuttgarter Kabarettist Mathias Richling kommentiert bei seinem Auftritt in Murrhardt mit satirischer Vielstimmigkeit das aktuelle Zeitgeschehen. Auch zum Umgang mit Impfskeptikern weiß er Rat.

Mathias Richling ist in Bestform in der Murrhardter Festhalle. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Mathias Richling ist in Bestform in der Murrhardter Festhalle. Foto: J. Fiedler

Von Ute Gruber

Murrhardt. Zweifelsohne hätte man der schwäbischen Ikone des politischen Kabaretts in Murrhardt ein volles Haus gewünscht, zumal Mathias Richling eine besondere Beziehung zur Stadt hat. Denn die vor wenigen Jahren verstorbene Künstlerin Trude Schüle war eine glühende Verehrerin seiner Politsatire, teilte dessen Faible für die griechische Insel Santorin und wäre sicherlich aus dem Häuschen gewesen.

Stattdessen ist die Bestuhlung der Stadthalle mit rund 50 Zuschauern nicht einmal zur Hälfte besetzt. „Vorher hieß es immer: Oah, Theater mit Maske?! Da hab ich keine Lust drauf. Jetzt heißt es: Oah, im Theater ohne Maske?! Das ist mir zu gefährlich“, konstatiert der Stuttgarter Kabarettist amüsiert und gibt gelassen Weisung an sein Publikum, das sich munter plaudernd in der Mitte der Halle kumuliert hat: „Sie müssen jetzt halt einen vollen Saal mit 1000 Leuten simulieren.“ Und er verbucht damit schon den ersten Lacherfolg.

Der Stimmung tut’s keinen Abbruch, 90 Minuten lang (aus „urologischen Gründen“, da keine Pause vorgesehen sei) bekommen die Murrhardter in Richlings aktuellem Tourneeprogramm namens #2022 ein Feuerwerk aus brandaktuellen Stellungnahmen prominenter Personen vorgespielt, die der Verwandlungskünstler originalgetreu imitiert in Sprache, Redeweise, Gestik und Aussage. Dabei bringt er deren Aussagen überspitzt auf den Punkt und entlarvt damit verdeckte Widersprüche und Schönmalerei – Satire vom Feinsten also. Kaum sei das Thema Corona halbwegs überwunden, schon sei die „nächste Seuche im Anmarsch“, nämlich „eine Pandemie namens Putin“. Den russischen Staatsmann habe er schon parodiert, bevor „der sich selber parodiert hat“, so Richling, der Putin mit rollendem R sagen lässt: „Wir lieben Demokratie. Demokratie lebt durch Opposition. Aber wir in Russland müssen nicht alles haben. Wir lieben auch Mona Lisa, aber wir müssen sie nicht haben.“ Immerhin sei Europa noch nie so einig gewesen wie durch diesen Krieg: „Weltpolitik ist so einfach! Wenn mich nur einer fragen würde.“

Als Boris Becker faselt er in unvollständigen Sätzen zu seiner Verteidigung im Steuerhinterziehungsprozess wirres Zeug über seinen Missbrauch durch die deutsche Gesellschaft. Der in sich zusammengesunkene Papst Franziskus wiederum windet sich in einer Stellungnahme zu den Missbrauchsvorwürfen in der katholischen Kirche: „Durch Leid finden Kinder schneller zu Gott.“ Marc Zuckerberg erklärt sehr smart seine Plattform Facebook, die ja mit zwei Milliarden doppelt so viele Mitglieder habe wie die katholische Kirche, zum „Beichtstuhl der Welt“.

Finanzminister Christian Lindner nuschelt rheinländisch in atemberaubendem Tempo seine Ansichten zur Jugend und Fridays for Future und empfiehlt: „Lasst sie doch demonstrieren, dann sind sie weg von der Straße.“ Ministerpräsident Markus Söder erklärt in breitem Honoratioren-Bayrisch, der Deutsche habe einfach keine Begabung für Flüchtlinge, und bekennt: „Altenpflege kann auch nicht jeder.“ Der österreichische Volks-Rock-n-Roll-Sänger Andreas Gabalier echauffiert sich über die öffentliche Überpräsenz diverser sexueller Neigungen: „Schwul, lesbisch, trans, divers – die Kinder hör’n dös alles den ganzen Dag. Wenn die hoim kimma, nochher denken die doch, Papa und Mama als Heteros san pervers.“

Kein gutes Haar lässt Richling an der Außenministerin Annalena Baerbock: „Baerbock hat ja eine Biografie geschrieben: Was die da alles reingepackt hat, da müsste die ja 200 Jahre alt sein. Und wieso hat die ihren Doktor nicht fertig gemacht?“, fragt er und hat die Antwort schon parat: „Dann braucht sie ihn ja nicht zurückzugeben wie Franziska Giffey.“ Genial auch die schwäbelnde Diskussion zwischen Ministerpräsident Winfried Kretschmann und seinem Innenminister Thomas Strobel (beide wechselweise von Richling dargestellt) zum Thema Rasse im Grundgesetz: „Wir streichen den Begriff Rasse aus dem Grundgesetz? Damit ist doch der Rassismus nicht weg! Und überhaupt: Was ist mit anderen diskriminierten Gruppen? Haben Sie als 55-jähriger weißer, deutscher Mann je einen Job gekriegt? Wo steht denn dazu was?!“

Panikmache findet Richling kontraproduktiv: „Diese Katastrophenwarnungen, totaler Lockdown – was haben wir jetzt davon? Diese Berge von Klopapier... hoffentlich lebt man so lange, dass man das noch verbrauchen kann. Das verfällt ja auch irgendwann. Soll man’s einfrieren?“Richling plädiert dafür, das Leben zwar so zu behandeln, als ob schon irgendwann etwas passieren könnte, aber dennoch hoffnungsvoll zu bleiben, egal was kommt. Er imitiert Politikerurgestein Wolfgang Schäuble: „Wir haben das Leben stillgelegt, um das Leben zu retten. Das ist ein philosophisches Paradoxon.“ Auch für die Impfskeptiker hätte Richling ein Rezept gehabt. Das wurde völlig falsch angegangen, meint der studierte Historiker: „Hätte man das Impfen von Anfang an unter Strafe gestellt, wären jetzt 125 Prozent der Leute geimpft“, ist sich Richling sicher.

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Erstellt:
11. April 2022, 06:00 Uhr

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