Radler mit Rückenwind vom Arbeitgeber

Ein Dienstwagen gilt in manchen Unternehmen als Statussymbol: Wer einen bekommt, der hat’s geschafft. Mittlerweile bieten aber auch immer mehr Arbeitgeber Dienstfahrräder an. Die Leasingmodelle sind für Beschäftigte finanziell attraktiv.

Bei der Firma Harro Höfliger in Allmersbach im Tal nutzen bereits mehr als 380 Beschäftigte ein Leasingrad, das über die Firma abgerechnet wird. Foto: Harro Höfliger

Bei der Firma Harro Höfliger in Allmersbach im Tal nutzen bereits mehr als 380 Beschäftigte ein Leasingrad, das über die Firma abgerechnet wird. Foto: Harro Höfliger

Von Kornelius Fritz

Backnang. Volker Loth ist stolzer Besitzer von gleich zwei Luxusbikes: Zum einen hat er eine Rennmaschine, wie sie die Profis bei der Tour de France verwenden, zum anderen ein Fully-Mountainbike der Spitzenklasse. Beide Räder haben jeweils mehr als 6000 Euro gekostet. „Privat hätte ich mir das wohl nicht geleistet“, sagt Loth. Doch der Kauf hat sein Budget kaum belastet, denn der Stoba-Mitarbeiter hat die Räder über seinen Arbeitgeber geleast. Die monatliche Leasingrate wird ihm nun durch eine sogenannte Gehaltsumwandlung vom Bruttogehalt abgezogen (siehe Infobox). Netto koste ihn jedes Rad dadurch nur etwa 80 bis 90 Euro im Monat, rechnet Volker Loth vor: „Ich fahre also ein qualitativ hochwertiges Rad für kleines Geld.“

Die Backnanger Firma Stoba bietet ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seit drei Jahren die Möglichkeit, Fahrräder günstig zu leasen. „Die Initiative kam damals aus der Belegschaft“, erinnert sich Unternehmenssprecherin Barbara Hennecke. Stoba arbeitet mit der Firma Bikeleasing.de zusammen, die den administrativen Part übernimmt. Ihr Fahrrad können sich die Mitarbeiter bei einem Händler ihrer Wahl selbst aussuchen. Inzwischen nutzen schon mehr als 200 der insgesamt 600 Beschäftigten am Standort Backnang das Angebot. „Für uns ist das auch ein Instrument zur Mitarbeiterbindung“, sagt Hennecke. Denn die Leasingverträge laufen in der Regel über drei Jahre: Wer vorzeitig aussteigt, etwa weil er die Firma verlässt, zahlt drauf.

Bereits seit 2017 bietet auch die Firma Harro Höfliger aus Allmersbach im Tal Leasing-Bikes an. Mehr als 380 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nutzten das Angebot bereits, berichtet Personalreferentin Carina Pedersen. Das Unternehmen arbeitet mit einem regionalen Fahrradhändler zusammen, der den Höfliger-Mitarbeitern ihr jeweiliges Wunschbike zusammenstellt. Wer möchte, bekommt ein Rundum-sorglosPaket inklusive Wartungskosten und Verschleißteilen. Auch eine Versicherung gegen Diebstahl und Unfallschäden ist mit dabei – die bezahlt der Arbeitgeber.

Pedersen sieht in dem Angebot einen zusätzlichen Benefit für Höfliger-Mitarbeiter: Schon im Vorstellungsgespräch weise man Bewerberinnen und Bewerber auf diese Möglichkeit hin. Verbunden ist damit natürlich auch die Hoffnung, dass der eine oder andere Beschäftigte statt mit dem Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit kommt. Ein Muss ist das aber nicht, die Leasingbikes dürfen auch rein privat genutzt werden.

Fahrradhändler verdienen gut am Leasinggeschäft

Jobbikes gibt es inzwischen nicht nur in der Privatwirtschaft, sondern auch im öffentlichen Dienst. Die Stadt Backnang etwa bietet seit einem knappen Jahr Leasingfahrräder an. „Wir wollen die Mobilitätswende damit auch bei unseren Mitarbeitern forcieren“, sagt Hauptamtsleiter Timo Mäule. Noch ist die Resonanz aber überschaubar: Bisher nutzen erst 18 der mehr als 800 städtischen Beschäftigten das Angebot.

Für die Fahrradhändler in der Region sind die Leasingbikes mittlerweile ein lukratives Geschäft geworden. Karl Scheib von „My bikes by Scheib“ in Murrhardt bietet das Modell erst seit dreieinhalb Jahren an und verkauft heute bereits rund 60 Prozent seiner Räder über das Arbeitgeberleasing. „Ich hätte nie gedacht, dass das in so kurzer Zeit so zunimmt“, staunt der Fahrradhändler. Interessant ist das Modell für ihn auch deshalb, weil sich die meisten Leasingkunden für hochpreisige Modelle entscheiden, in der Regel für ein E-Bike. „Der Preis spielt da offenbar keine Rolle mehr“, hat Scheib festgestellt. Und auch das Folgegeschäft ist gesichert, da die Verträge meist feste Wartungsintervalle vorschreiben.

Allerdings sei das Leasinggeschäft auch mit Verwaltungsaufwand verbunden: „Man braucht mehr Personal dafür“, sagt Scheib, der extra deshalb eine zusätzliche Mitarbeiterin eingestellt hat. Bei Veloland Urban kümmern sich sogar zwei Mitarbeiterinnen um das Leasinggeschäft. Der Backnanger Fahrradhändler bietet bereits seit 2015 Leasingräder an, seitdem sei das Interesse stetig gestiegen. „Anfänglich kamen die Nachfragen hauptsächlich von größeren Unternehmen. Mittlerweile sind auch sehr viele kleinere Firmen sowie etliche Selbstständige an einem Leasing interessiert“, berichten Carmen Koch und Jessica Steinborn.

Jürgen Ehrmann, Vorsitzender des Ortsverbands Backnanger Bucht beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC), sieht im Bikeleasing eine große Chance, um die Zahl der Menschen, die mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen, zu erhöhen. Aktuell nutze nur jeder zehnte Beschäftigte das Rad für den Arbeitsweg. Auch für das Image der Firma und die Motivation der Mitarbeiter sei ein solches Angebot positiv: „100 Euro mehr Gehalt sind nach zwei Monaten vergessen, ein tolles Fahrrad, das auch privat genutzt werden kann, bleibt länger in Erinnerung“, ist Ehrmann überzeugt.

Allerdings weist er auch darauf hin, dass es mit der Anschaffung der Räder alleine nicht getan ist. Wenn die Beschäftigten mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren sollen, müsse es dafür auch die nötige Infrastruktur in den Firmen geben. Dazu zählt Ehrmann etwa Duschen, sichere Abstellräume und Lademöglichkeiten für E-Bikes. Darauf setzt auch die Stadt Backnang, die laut Hauptamtsleiter Mäule im Behördenzentrum am Stiftshof bereits entsprechende Räume eingerichtet hat. Seitdem sei die Zahl der Radpendler dort deutlich gestiegen.

Vorteile beim Fahrradleasing

Gehaltsumwandlung Beim Bikeleasing werden die Raten in der Regel durch eine sogenannte Gehaltsumwandlung bezahlt. Die Leasingrate wird dabei vom Bruttogehalt abgezogen, sodass keine Steuern und Sozialabgaben anfallen. Je nach Einkommen und Steuerklasse reduzieren sich so die Kosten im Vergleich zu einem Privatkauf um bis zu 40 Prozent.

Geldwerter Vorteil Die private Nutzung eines Dienstrads muss als geldwerter Vorteil versteuert werden. Allerdings wird für die Bemessung bei Fahrrädern und E-Bikes ein reduzierter Wert von monatlich 0,25 Prozent des Listenpreises angesetzt. Bei Dienstwagen mit Verbrennungsmotor errechnet sich die monatliche Steuer hingegen aus einem Prozent des Listenpreises.

Übernahme Am Ende der in der Regel dreijährigen Vertragslaufzeit haben die Nutzer die Möglichkeit, das Fahrrad gegen eine Zahlung von 18 Prozent des Neupreises zu übernehmen. Wer das nicht möchte, kann das Rad auch an den Händler zurückgeben. Bei einem Arbeitgeberwechsel kann der Nutzer den Vertrag zur neuen Firma mitnehmen oder das Rad privat kaufen.

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Erstellt:
19. April 2022, 06:00 Uhr

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