Rechen aus Althütte für das ganze Land

Helmut Dreher und Markus Frank haben im Heimatmuseum in Unterweissach praktisch vorgeführt, wie die landwirtschaftlichen Werkzeuge einst in Handarbeit gefertigt wurden. Zehntausende davon entstanden früher in der „Rechenspitzergemeinde“.

Rechenspitzer zu Gast (von links): Der Vorsitzende des Heimatvereins Weissacher Tal, Jürgen Hestler, hatte die Experten Helmut Dreher (am Schneidbock) und Markus Frank (am Rechenzahneisen), beide aus Althütte, zur Vorführung ins Heimatmuseum eingeladen. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Rechenspitzer zu Gast (von links): Der Vorsitzende des Heimatvereins Weissacher Tal, Jürgen Hestler, hatte die Experten Helmut Dreher (am Schneidbock) und Markus Frank (am Rechenzahneisen), beide aus Althütte, zur Vorführung ins Heimatmuseum eingeladen. Foto: J. Fiedler

Von Wolfgang Gleich

WEISSACH IM TAL. „Auch die von Althütte (Rems-Murr) stellen Holzwaren her und sind die Reche’spitzer...“ heißt es einsilbig in Professor Hugo Mosers Klassiker „Schwäbischer Volkshumor“ aus dem Jahr 1981. Mit einer derart lapidaren Auskunft können sich weder der Heimatkulturverein Althütte noch die Mitglieder der 1. Narrenzunft Althütte zufriedengeben, die in ihrem bunten Häs und mit dem Schlachtruf „Recha Spitz“ jedes Jahr in die Faschingskampagne starten.

Und auch Jürgen Hestler, der Vorsitzende des Heimatvereins Weissacher Tal, wollte mehr wissen. Also lud er ins Bauern- und Heimatmuseum Weissacher Tal ein, damit nicht nur er, sondern auch die Besucher aus erster Hand erfahren konnten, was es mit den Althütter Rechenspitzern eigentlich genau auf sich hat.

Kompetente Auskunft gab Heimatkulturvereinsvorsitzender Markus Frank: Im Jahr 1829 habe es in Althütte 17 Handwerksbetriebe gegeben, die vor allem Rechen für die Landwirtschaft herstellten. 28 Jahre später hatte sich deren Zahl nahezu verdoppelt, sodass die Althütter bald nur noch Rechenspitzer genannt wurden. 1855 wurden in Althütte 40000 Rechen hergestellt. Dafür benötigte man nicht weniger als 520000 Rechenzähne. Das Holz dazu stammte aus den weiten Waldgebieten in der unmittelbaren Umgebung.

Die Gäste aus Althütte beließen es allerdings nicht bei der staubtrockenen Theorie. Der 81-jährige Helmut Dreher hatte es sich auf dem Schnitzbock bequem gemacht und führte vor, wie ein aus dem Wald geholtes Tannen- oder Fichtenstämmchen gerebbelt, eingeschnitten, nach und nach aufgespalten und das „Haupt“ aufgesetzt und befestigt wird. Anhand von Musterstücken demonstrierte er, wie dieses Haupt aus einem Escherohling herausgearbeitet wird, wie die Löcher für die Rechenspitzen gebohrt und diese eingeschlagen werden.

Die Rechenspitzen selbst entstehen aus Holzquadern, die mit einem Holzhammer durch eine speziell dafür geschmiedete Form getrieben und anschließend von Hand gespitzt werden. „Und nicht nur Rechen kamen damals aus Althütte und wurden bis hinunter an den Bodensee vertrieben“, ergänzte Frank, „auch Kochlöffel, Spätzlesbretter und Wäscheklammern, selbst Kleiderrechen für an die Wand hängen. All dies entstand über die Wintermonate und half dabei mit, die Familie übers Jahr zu bringen.“

„Nein“, versicherte Dreher, „das Rechenmachen ist nicht mein eigentlicher Beruf.“ Aber er stamme aus einem Haus, in dem noch Holzrechen hergestellt, verkauft und benutzt wurden. Dass er sich nun seit etwa 15 Jahren intensiv mit diesem Handwerk beschäftigte, daran sei eigentlich sein Enkel „schuld“. Der sei eines Tages nach einem Besuch des Althütter Heimatmuseums aus der Schule gekommen und habe verkündet: „Opa, wir zwei müssen miteinander einen Holzrechen machen, sofort.“

An dieser Geschichte hatte wiederum Jürgen Hestler seine besondere Freude. Es sei der Idealfall, begeisterte er sich, wenn Kinder nach einem Museumsbesuch mit der Schule später mit den Großeltern im Schlepptau zurückkehrten und diesen zu erklären versuchten, wie sie in ihrer Kindheit und Jugend lebten. Dies verbinde über die Generationen hinweg, schaffe Neugier und Verständnis.

Das Besondere am Bauernhausmuseum Weissacher Tal bestehe darin, dass es noch bis 1984 bewohnt war und weitestgehend in diesem Zustand erhalten werden konnte. Ziel sei nicht, einfach nur zu sammeln und hinter Glasvitrinen auszustellen. „Der Besucher, vor allem der junge, soll zum Stöbern und Entdecken motiviert werden, indem ihm der Eindruck vermittelt wird, als seien die Bewohner einfach nur auf dem Feld zur Arbeit. Es soll ein Bild davon vermitteln, wie die Menschen hierzulande noch vor 100 Jahren lebten, bescheiden, nachhaltig, mit und voller Respekt vor der Natur.“

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Erstellt:
6. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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