Rehkitzretter gehen wieder in die Luft

Bei schönem Wetter mähen zurzeit viele Bauern ihre Wiesen, für Rehkitze bedeutet das Lebensgefahr. Deshalb bieten der Verein Flugmodus und die Kreisjägervereinigung wieder eine Befliegung mit Drohnen an. Landwirte können den Service online buchen.

Erwischt: Dank der Wärmebilder aus der Luft hat Stefanie Stärk das Rehkitz im hohen Gras entdeckt und bringt es in Sicherheit, bevor die Wiese gemäht wird. Foto: Flugmodus

© Flugmodus

Erwischt: Dank der Wärmebilder aus der Luft hat Stefanie Stärk das Rehkitz im hohen Gras entdeckt und bringt es in Sicherheit, bevor die Wiese gemäht wird. Foto: Flugmodus

Von Ute Gruber

Rems-Murr. Wenn in diesen Tagen im Wetterbericht gutes Wetter angesagt wird, geht es los auf unseren Wiesen. Überall summt und brummt es – nicht von Insekten, sondern von landwirtschaftlichen Maschinen, mit denen jetzt gehaltvolles Futter für den nächsten Winter gewonnen wird.

Aber noch jemand steht in diesen Tagen in den Startlöchern und wartet auf gutes Wetter: die werdenden Mütter unter den heimischen Rehen. Ein ausgeklügeltes biologisches System hat sich diese Tierart im Laufe der Evolution angeeignet, um ihrem Nachwuchs die besten Überlebenschancen zu bieten. Obwohl die Ricken bereits im vergangenen Sommer gedeckt wurden, werfen sie erst jetzt zu Beginn der warmen Jahreszeit. Ist das Kitz dann etwa Anfang Mai geburtsreif, wird es erst geboren, wenn’s warm und trocken ist.

„Die Rehgeiß kann die Geburt so ein bis zwei Wochen verheben“, weiß Markus Laiblin aus Berwinkel, dem als Jäger die Hege seines Wilds am Herzen liegt. Dann sucht sie in Waldnähe eine ungemähte Wiese und setzt – so der Fachbegriff – das Neugeborene ins hohe Gras. Das Kitz hat während der ersten Wochen nicht nur keine Witterung, also keinen Eigengeruch, sondern auch keinen Fluchtreflex. Stattdessen duckt es sich bei Geräuschen instinktiv ganz auf den Boden. „Man kann da fast drauftreten und findet es im tiefen Gras trotzdem nicht“, ist die Erfahrung von Naturfreund Laiblin. Eine perfekte Strategie gegen Raubtiere.

2021 wurden 147 Rehkitze gerettet

Nicht aber gegen Mähwerke. Jährlich fallen in Deutschland nach Schätzungen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) zigtausende Rehkitze dem Mähtod zum Opfer; dies zu verhindern liegt vor allem in der Hand der Landwirte. Zusammen mit dem jeweiligen Jagdpächter, der laut Gesetz der Eigentümer der Wildtiere in seinem Revier ist, haben sie die Aufgabe, Leid von den Tieren fernzuhalten. So will es das Tierschutz- beziehungsweise das Jagdgesetz. Zermäht ein Landwirt ohne Vorkehrungen zu treffen ein Kitz, auf das er zuvor ausdrücklich hingewiesen wurde, kann dies eine Strafe von mehreren Tausend Euro bedeuten.

Sie retten Rehkitze aus der Luft

Mit Drohnen halten die Mitglieder des Vereins Flugmodus Ausschau nach Rehkitzen in Wiesen und Feldern. Denn dort sind sie in Lebensgefahr, wenn Bauern mähen.

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Mittels Wärmebildkamera an einer Drohne entdecken die Mitglieder des Vereins Flu...
Mittels Wärmebildkamera an einer Drohne entdecken die Mitglieder des Vereins Flugmodus und die Kreisjägervereinigung im Frühtau des Mähtags beim Überflug die warmen Kitze in der kühlen Wiese

© Flugmodus

Das Kitz hat während der ersten Wochen nicht nur keine Witterung, also keinen Ei...
Das Kitz hat während der ersten Wochen nicht nur keine Witterung, also keinen Eigengeruch, sondern auch keinen Fluchtreflex. Stattdessen duckt es sich bei Geräuschen instinktiv ganz auf den Boden.

© Flugmodus

Im vergangenen Frühsommer rettete das Team 147 Rehkitzen und zwei Igeln das Lebe...
Im vergangenen Frühsommer rettete das Team 147 Rehkitzen und zwei Igeln das Leben.

© Flugmodus

Im Wäschekorb werden die Rehkitze in Sicherheit gebracht.
Im Wäschekorb werden die Rehkitze in Sicherheit gebracht.

© Flugmodus

Jährlich fallen in Deutschland nach Schätzungen des Bundesministeriums für Ernäh...
Jährlich fallen in Deutschland nach Schätzungen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zigtausende Rehkitze dem Mähtod zum Opfer.

Wer Lust hat, bei der Rehkitzrettung mitzuwirken, kann sich unter https://flug-m...
Wer Lust hat, bei der Rehkitzrettung mitzuwirken, kann sich unter https://flug-modus.de mit dem Verein in Verbindung setzen.

© Flugmodus

Mit dieser Verantwortung werden die Landwirte in der ohnehin stressigen Erntezeit aber selten alleingelassen. Meist sind die betroffenen Jagdpächter dabei behilflich, die Rehe am Vorabend der Mahd von der betreffenden Wiese zu vergrämen, sei es durch Licht, Geräuschquellen, Gerüche oder Zäune. Eine weit effizientere Maßnahme des Tierschutzes hat sich aber neuerdings aus der Digitalisierung unseres Alltags ergeben: Die Rettung kommt jetzt aus der Luft. Was vor fast genau zwei Jahren in Backnang als Initiative einiger Enthusiasten mit einem eher einfachen ferngesteuerten Multikopter (umgangssprachlich Drohne genannt) begann, der mittels Wärmebildkamera im Frühtau des Mähtags beim Überflug die warmen Kitze in der kühlen Wiese entdeckt, welche dann von Helfern mittels Wäschekörben in Sicherheit gebracht werden, hat sich inzwischen zu einem schlagkräftigen Team entwickelt, das im vergangenen Frühsommer 147 Rehkitzen und zwei Igeln das Leben gerettet hat. Statt sieben bis acht Hektar pro Team können die Drohnenpiloten mit ihren leistungsfähigeren Kameras inzwischen 30 bis 40 Hektar an einem Morgen abfliegen. 2021 wurden daher mit zwei bis drei Teams in 257 Einzelflügen an 18 Einsatztagen „unglaubliche 633 Hektar abgesucht“, wie auf der Homepage des Vereins Flugmodus zu lesen ist.

Landwirte, Jagdpächter, Freiwillige, Freunde, Kollegen, Vereinsmitglieder, Jung und Alt – alle helfen in den kritischen vier bis sechs Wochen offenbar Hand in Hand zusammen. „Vereinsmitglieder und Helfer opfern hierfür ihre Freizeit, machen extra Überstunden, um morgens nach dem Einsatz später zur Arbeit kommen zu können, tragen ihre Fahrtkosten selbst, leiden an Schlafmangel, zerstören ihren Tagesrhythmus, vernachlässigen ihre Hobbys und ihre Freunde.“ Der Lohn ist ein verwunderter Blick aus schwarzen Kulleraugen.

Und die Erfolgsgeschichte geht weiter: Dieses Jahr hat der Verein fünf eigene Drohnenteams zur Verfügung und organisiert darüber hinaus auch die Einsätze der beiden Drohnenteams der Jäger mit, worüber sich besonders Markus Laiblin als neu gewählter Kreisjägermeister freut: „So ist die Suche koordiniert und viel effizienter, die Zusammenarbeit funktioniert prima.“

Nicht jeder Landwirt kennt das Angebot

Nun sollten die Suchdienste von den mähwilligen Landwirten aber auch abgerufen werden, denn „obwohl die Mähsaison bereits in vollem Gang ist, waren wir die vergangenen Tage nicht ausgebucht“, bedauert Stefanie Schlotterbeck von Flugmodus. Zwar seien – so kurz nach dem Regen – in den wenigsten Wiesen, die in den vergangenen, sonnigen Tagen beflogen wurden, Kitze gewesen, trotzdem wurden immerhin sechs Tiere gefunden und gerettet.

„Viele Landwirte rufen uns im Moment vielleicht nicht, weil sie denken, dass noch keine Kitze drin sind. Das ist für uns natürlich eher deprimierend, weil die Drohnen dann im Schrank liegen, während in der Wiese womöglich doch Kitze vermäht werden.“ Zudem ist das Melden inzwischen deutlich einfacher: Ein kompetentes Vereinsmitglied von Flugmodus hat eigens ein Tool programmiert, auf dem man die betreffenden Wiesen auf einem Satellitenbild einzeichnen kann. Die Flächen können schon im Vorfeld in Ruhe eingezeichnet werden (zum Beispiel an einem Regentag), dann genügt im Ernstfall eine kurze Nachricht über den Start der Mähaktion.

Kitzretter online bestellen

Anmeldung Alle Auftragseingänge zur Drohnensuche erfolgen ausschließlich online unter https://flug-modus.de/feldanmeldung, es gibt ein Video, das alles erklärt. Telefonische oder persönliche Anträge können nicht mehr berücksichtigt werden. Flugmodus wird sein Einsatzgebiet etwas ausdehnen und ist zukünftig in etwa zwei Dritteln des Rems-Murr-Kreises unterwegs.

Ablauf Die Anmeldung sollte spätestens einen Tag vorher erfolgen, auch der Jagdpächter muss laut Jagdgesetz informiert werden und zustimmen. Die Landwirte verpflichten sich dazu, die Wiesen direkt nach der Befliegung zu mähen (morgens oder am frühen Vormittag) und sich anschließend um die Freilassung der in Wäschekörben festgesetzten Tiere zu kümmern.

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Erstellt:
14. Mai 2022, 11:30 Uhr

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