Angst vor Altersarmut
Rente als Basis-Absicherung: Das wären die Folgen der Merz’ Idee
Schon jetzt leben viele Rentner am Existenzminimum. Geht es nach Bundeskanzler Merz soll sich das noch weiter verschärfen. Sein Vorschlag einer Basis-Absicherung würde noch mehr Ältere in die Armutsfalle treiben.
© Imago/Sven Simon
Friedrich Merz nennt die gesetzliche Rente nur noch Basis-Absicherung. Was bedeutet das für heutige und zukünftige Rentner?
Von Markus Brauer/AFP/dpa/KNA
„Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie. Sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen. In den Gesichtern rieselt sie, im Spiegel da rieselt sie, in meinen Schläfen fließt sie. Und zwischen mir und dir da fließt sie wieder, lautlos, wie eine Sanduhr.“
Wann wird es Zeit, sich zu verändern?
In Richard Strauß (1864-1949) Komödie für Musik „Der Rosenkavalier“ ist die Marschallin erschrocken über das Wesen der Zeit. Zeit ist kostbar, Zeit ist Geld. Zeit brauchen wir und haben wir nicht. Wertvolle Zeit ist schnell verloren und schwer wieder aufzuholen. Deshalb gehört der rechte Umgang mit der Zeit zur Kunst des Lebens.
Das Tempo der Veränderungen steigt. Umso wichtiger ist es, den rechten Umgang mit der Zeit zu lernen: Wann muss man schnell reagieren, wann langsam tun? Wann wird es Zeit, sich zu verändern?
Reform – ein vielschichtiger Begriff
Den meisten Bundesbürgern dämmert es, dass es längst an der Zeit ist, den Status Quo des Staates zu verändern. Der magische Begriff, der dies bewerkstelligen soll, heißt Reform. Im 15. Jahrhundert meinte Reform die Wiederherstellung von Kirche und Klöstern in ihrer ursprünglichen Gestalt. Im Laufe der Reformation Martin Luthers wurde Reform zum Inbegriff der Erneuerung der gesamten Gesellschaft.
Es ging also nicht um ein paar Stellschrauben, rudimentäre Korrekturen oder Finanzspritzen, um das System vor dem Kollaps zu bewahren. Es ging um eine fundamentale Veränderung des politischen, sozialen und geistigen Lebens.
Was bisher von der Bundesregierung an Reformen angekündigt und ansatzweise umgesetzt worden ist, verdient – gemessen am ursprünglichen Wortsinn – diesen Namen nicht. Wie das Beispiel der Rentenpolitik zeigt:
Merz: Gesetzliche Rente nur noch als Basis-Absicherung
„Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird allenfalls noch die Basis-Absicherung sein für das Alter“, hatte Friedrich Merz am Montag (20. April) beim Empfang zum 75. Jubiläum des deutschen Bankenverbands erklärt. „Sie wird nicht mehr ausreichen, auf Dauer den Lebensstandard zu sichern.“
Es seien zusätzlich „kapitalgedeckte Elemente einer betrieblichen und privaten Altersversorgung“ nötig, erklärte Merz. „Und zwar in weit größerem Umfang, als wir sie gegenwärtig weitgehend auf der Basis von Freiwilligkeit haben.“
Alarmstimmung im Land
Merz’ – inhaltlich vielleicht richtige, aber politisch unkluge – Ankündigung hat für Alarmstimmung im Land gesorgt:
- Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey ruft sie bei 69 Prozent der Deutschen Sorgen vor Altersarmut hervor. Nur 23 Prozent äußerten keine Sorgen, acht Prozent waren unentschieden.
- Zugleich lehnt eine klare Mehrheit von 70 Prozent das Konzept der Rente als Grundabsicherung ab. Nur 19 Prozent halten den Vorschlag für sinnvoll.
- Besonders hoch ist die Sorge bei 18- bis 29-Jährigen sowie 40- bis 49-Jährigen (jeweils 77 Prozent) und bei Menschen mit Kindern im Haushalt. Bei Befragten mit Kindern im Haushalt fällt der Anteil mit 77 Prozent deutlich höher aus als bei denen ohne Kinder (67 Prozent).
Merz’ Aussage beunruhigt auch über die Parteigrenzen hinweg:
- Nur bei Unionsanhängern liegt der Anteil der besorgten Stimmen unter der 50-Prozent-Marke (46 Prozent).
- Am stärksten ausgeprägt sind die Sorgen bei Anhängern der Linken (91 Prozent), des BSW (85 Prozent) und der AfD (80 Prozent).
Wie Politik und Wissenschaft reagieren
- Die SPD hat mit scharfer Kritik auf Merz’ Äußerung reagiert. SPD-Chefin Bärbel Bas sah sich im „Spiegel“ zu der Klarstellung veranlasst: „Eine ordentliche Rente nach einem Leben voller Arbeit ist eine Frage der Leistungsgerechtigkeit.“ Das soll heißen: Die Rente ist kein staatliches Almosen, sondern eine verpflichtende Leistung, welche Rentnern gesetzlich zusteht, weil sie diese durch jahrzehntelange Beitragszahlungen erworben haben.
- Nicht nur in der SPD ist man enerviert. Der Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), Dennis Radtke, fordert den Kanzler auf, die Bürger in den Debatten um die anstehenden Sozialreformen nicht weiter zu verunsichern. „Wir müssen aufhören, den Menschen Angst zu machen.“ Radtke zufolge sind aktuelle Rentner ohnehin nicht betroffen und nicht gemeint. Sie fühlten sich aber trotzdem angesprochen und machten sich Sorgen.
- Auch der Bundesvorsitzende der Senioren-Union in der CDU distanziert sich von Merz. „Der Senioren-Union ist wichtig, dass jeder, der 45 Jahre gearbeitet und Beiträge gezahlt hat, spürbar mehr als die Grundsicherung im Alter erhält, selbst, wenn er nur Mindestlohn erhalten hat“, erklärt Hubert Hüppe. Andernfalls sei der Anreiz, zu arbeiten statt Bürgergeld zu beziehen, noch geringer. „Das würde zusätzlich die Schwarzarbeit fördern.“
- Der Ökonom und Berater von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD), Jens Südekum, widerspricht: „Die gesetzliche Rente ist keine reine Basisabsicherung, sondern für viele alte Menschen die einzige Einkommensquelle“. Zugleich betont der Düsseldorfer Ökonom, Merz habe recht, dass für zukünftige Generationen die private Altersvorsorge eine größere Rolle spielen müsse. „Aber das stellt die Rolle der ersten Säule, der gesetzlichen Rente, nicht in Frage.“
- Unterstützung erfährt der Kanzler hingegen von der Chefin der Wirtschaftsweisen. „Die Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz lässt sich als Hinweis auf den wachsenden Reformdruck im Rentensystem verstehen“, konstatiert Monika Schnitzer. „Insgesamt muss private Vorsorge künftig einen deutlich größeren Stellenwert bekommen, um die gesetzliche Rente wirksam zu ergänzen.“
Was bedeutet Basis-Absicherung?
In der Debatte ist der Begriff der Basis-Absicherung zentral. Bedeutet er, dass das Rentenniveau künftig weiter abgesenkt wird? Bekommen künftige Generationen bei gleichbleibend hohen oder noch höheren Beiträgen weniger ausgezahlt als ihnen zusteht?
Friedrich Merz plädiert für mehr betrieblich und private Vorsorge fürs Alter. Eine gute Idee in der Theorie, doch in der Praxis ist dies für viele Arbeitnehmer unerreichbar. Angesichts hohen Steuer- und Sozialbeitragslasten sowie steigenden Lebenshaltungskosten verfügt nur eine Minderheit über das nötige Kapital, um ausreichend vorzusorgen.
Im real existierenden Deutschland leben nicht nur Menschen wie Friedrich Merz oder Monika Schnitzer, für die Armut im Alter ein Fremdwort ist und die mit einer Basis-Absicherung keinen Probleme hätten. Und doch es gibt sie: Arme Rentner, die von der Hand in den Mund leben und schon heute kaum mehr als eine Basis-Absicherung haben.
Realität der Rentner
Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung bezogen am 1. Juli 2025 rund 21,5 Millionen Personen eine gesetzliche Rente:
Die Durchschnittsrente liegt nach Abzügen bei rund 1459 Euro netto. Männer erhalten im Schnitt 1606 Euro netto, während Frauen häufig nur auf 1281 Euro netto kommen.
Viele Rentner sind von Altersarmut bedroht, insbesondere Frauen. Rund 3,7 Millionen Rentner ab 65 Jahren gelten als von Altersarmut bedroht. 42 Prozent der Rentner erhalten weniger als 1000 Euro im Monat.
Ein weiteres Fünftel der Ruheständler über 65 Jahren verfügt laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden über monatlich 1400 Euro bis 1790 Euro, wie das mitgeteilt hat.
Die 20 Prozent der Älteren mit dem höchsten Einkommen haben monatlich mehr als rund 2870 Euro netto.
Alterseinkünfte sind bei meisten Haupteinkommen
Das Einkommen von Rentner-Haushalten besteht überwiegend aus Alterseinkünften. Bei Haushalten, in denen ausschließlich Ruheständler lebten, machten Renten und Pensionen im Jahr 2024 durchschnittlich 92 Prozent des Einkommens aus.
Fünf Prozent waren Einnahmen aus Vermögen, zwei Prozent stammten aus Erwerbstätigkeit und ein Prozent aus Transferzahlungen wie etwa Grundsicherung im Alter. Zu den Alterseinkünften zählen Altersrenten und -pensionen, Hinterbliebenenrenten und -pensionen sowie Renten aus individueller privater Vorsorge.
Dies ist eine aktuelle Bestandsaufnahme. Die Zukunft dürfte kaum rosiger aussehen.
„Lebensstandardsichernde Rente“
SPD-Chefin Bas verweist auf die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission, die ihre Reformempfehlungen am 30. Juni 2026 vorlegen soll. Die geplante Rentenreform habe ausdrücklich das Ziel, eine „lebensstandardsichernde Rente“ zu garantieren, so Bas. Dabei müsse die gesetzliche Rente weiter eine wichtige Rolle spielen – neben den beiden anderen Säulen, der privaten und der betrieblichen Altersvorsorge.
Da die Rente den Lebensstandard vieler Ruheständler schon heute nicht gewährleistet, muss der Staat einspringen und sie finanziell unterstützen. Eine wachsende Zahl von Rentnern ist auf staatliche Unterstützung angewiesen: Ende 2024 erhielten 738.840 Menschen Grundsicherung im Alter. Das heißt: Sie können ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenem Einkommen oder Vermögen bestreiten.
Grundsicherung im Alter können alle Menschen beantragen, deren Einkünfte nicht ausreichen, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Der Regelsatz entspricht dem der Grundsicherung. Betroffen sind vor allem Rentner, die angesichts der Preisexplosionen in die Altersarmut rutschen. Die Dunkelziffer ist dabei deutlich höher, da viele Betroffene aus Scham nicht zum Sozialamt gehen.
Ein anderes Land?
Aus welchen staatlichen Töpfen die Hilfe für bedürftige Rentner kommt, ist letztlich zweitrangig. Die Ausgaben bleiben die gleichen. Wirklich radikal sparen kann eine Regierung nur, wenn sie Rentenbezüge und Grundsicherung gleichermaßen kräftig kürzt.
Das aber würde bedeuten, dass Millionen Menschen im Alter in – noch größerer – Armut leben müssten: ohne funktionierendes soziales Netz, mit marginaler staatlicher Unterstützung und minimaler Krankenversorgung. Eine solches Land wird sich wohl niemand ernsthaft wünschen – auch Friedrich Merz nicht.
