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Rollenverteilung ergab sich von selbst

Wir sind Familie (10): „Bei uns war und ist es eigentlich auch traditionell, nur umgekehrt“, sagen Simone und Gunther Schümann. Die Mutter arbeitet Vollzeit, der Vater hütet die Kinder und hat einen Minijob – und das seit 1996.

Ziehen an einem Strang: Simone, Lucy und Gunther Schümann (von links) sowie die beiden weiteren Kinder Lenny und Charlot. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Ziehen an einem Strang: Simone, Lucy und Gunther Schümann (von links) sowie die beiden weiteren Kinder Lenny und Charlot. Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

BACKNANG. Mitte der 90er-Jahre änderten sich die Lebensumstände von Simone und Gunther Schümann schlagartig. „Wir sind von der Schwangerschaft überrascht worden“, erinnert sich das Ehepaar lachend. Der mittlerweile 23-jährige Sohn Lenny war unterwegs und die werdenden Eltern mussten überlegen, wie sie mit der Situation umgehen. Besonders viel Kopfzerbrechen bereitete ihnen diese Entscheidung allerdings nicht, denn die Frage nach der Rollenverteilung „hat sich überhaupt nicht gestellt“. Jedoch nicht im klassischen Sinne, dass der Mann in Vollzeit und die Frau allenfalls in Teilzeit arbeitet, sondern genau umgekehrt. „Ich war als Bankkauffrau unbefristet angestellt, hatte ein sicheres und ordentliches Gehalt“, berichtet Simone Schümann. „Ich hatte ein abgebrochenes Studium in Geschichte und in allgemeiner, vergleichender Literaturwissenschaft“, wirft ihr Mann schmunzelnd ein.

Es waren demnach vor allem rationale, finanzielle Erwägungen, die dazu führten, dass die Mutter nach einem Monat unbezahltem Erziehungsurlaub schnell wieder ins Büro zurückkehrte, während der Vater daheim die Windeln wechselte und sich federführend um den Haushalt kümmerte – ein Modell, das heutzutage noch die Ausnahme ist und 1996 absoluten Seltenheitswert hatte. Dass diese Vorgehensweise auf der Hand lag, ändert jedoch nichts daran, dass sie auch zum Naturell der beiden Backnanger passt.

„Ohne die Schwiegermutter hätte es nicht funktioniert.“

„Ich bin nicht das klassische Muttertier und auch kein Hausfrauentyp“, betont die 50-Jährige. „Ich hätte es mir nicht vorstellen können, komplett zu Hause zu bleiben.“ Dabei hatte ihre Mama nach dem zweiten Kind genau das getan, während bei Gunther Schümann beide Elternteile berufstätig waren. Für ihn selbst war’s trotzdem nie ein Problem, Wäsche zu waschen und aufzuhängen, Staub zu saugen oder das Essen auf den Tisch zu bringen, während seine Frau für den Löwenanteil der Einkünfte sorgte. „Mein Selbstverständnis als Mann hat das überhaupt nicht berührt“, sagt der 54-Jährige. „Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass es für andere Männer schwieriger ist.“

Rund zwei Jahre nach Lenny kam Charlot zur Welt. „Als zwei kleine Kinder im Haus waren, war es richtig anstrengend“, räumt der Papa unumwunden ein, dass er zeitweise an seine Belastungsgrenze stieß. „Ohne die Schwiegermutter hätte es nicht funktioniert.“ Die wohnte glücklicherweise schon immer in der Nähe; seit die Familie 2001 ihr Häuschen mit herrlichem Garten gekauft hat, ist es sogar nur noch ein Katzensprung. Das war umso hilfreicher, weil Gunther Schümann stets einen Minijob hatte: anfangs als Dauerlauf-Testfahrer, danach im Biomarkt und seit 2011 als Betreuer und Fahrer bei der Lebenshilfe Rems-Murr. Immer wenn auch er im Einsatz war, wusste er Lenny, Charlot und das mittlerweile 14-jährige Nesthäkchen Lucy bei der Oma in den allerbesten Händen.

Dass in den meisten anderen Familien eher das klassische Rollenbild vorherrschte, spürte der dreifache Vater hin und wieder: „Zumindest im Kindergarten war ich beim Elternabend ein Exot. In der Schule sind dann oft beide Elternteile dabei, aber bei uns war meistens nur ich.“ Das stimme so nicht ganz, grätscht Simone Schümann an jener Stelle dazwischen: „Etwa dreimal war ich auch, aber das hat gereicht.“ Insofern ist sie froh, dass ihr Mann folgenden Gedanken nie bis zum Ende durchspielte: „Zum Väter-Spieleabend im Kindergarten hätte ich eigentlich meine Frau schicken müssen.“ Sie schüttelt mit dem Kopf und entgegnet: „Da wäre ich als einzige Frau im Leben nicht hingegangen.“ Wer beobachtet, wie sich das Ehepaar so die Bälle zuspielt, der kommt zur Erkenntnis: Beide fühlen sich rundum wohl in ihrer Haut.

Passenderweise biss Simone Schümann vor Ärger fast in die Tischkante, als eine Kollegin sie fragte, ob ihr Mann denn nichts schafft. „Ich empfand das als Frechheit, denn ein Mann wird ja auch nicht gefragt, ob seine Frau nichts schafft.“ Solche Klischees sitzen eben tief, weiß auch Gunther Schümann, wenngleich ihn sein eigenes Beispiel vielmehr amüsiert: „Ein alter Kumpel zahlt mir bis heute ungefragt das Bier, weil ich in seinen Augen ja nichts verdiene. Ich wehre mich nicht dagegen.“

Als Ausgleich dazu, dass sich der Vater tagsüber weitestgehend um den Haushalt und die Sprösslinge gekümmert hat, „war der Weggehdrang bei ihm immer sehr ausgeprägt“, erklärt die Mutter schmunzelnd. Nicht zuletzt deshalb, weil er bereits vor der Geburt des ersten Kindes gerne als „DJ Schimmi“ im Einsatz war und dies in der Kneipe „Das Wohnzimmer“ im Biegel bis heute ist. „Das war für mich meistens völlig okay“, sagt Simone Schümann.

Insgesamt habe sich ihr Familienmodell bewährt, da sind sich die Ehepartner einig: „Es hat sich auch nach dem zweiten oder dritten Kind nicht die Frage gestellt, daran etwas zu ändern. Es war und ist für uns ganz normal.“ Mit dem Minijob bei der Lebenshilfe ist Gunther Schümann rundum glücklich, ohne den damaligen Verteidigungsminister hätte er ihn wohl nicht. „Ich bin Karl-Theodor zu Guttenberg sehr dankbar, dass er den Wehr- und damit den Zivildienst abgeschafft hat. So bin ich zu dem Job gekommen, und er macht mir viel Freude.“ Es gibt also keinen Anlass, mit 54 Jahren noch einmal an einen Neustart zu denken, auch seine Frau will am Bewährten festhalten. Es bleibt bei der Rollenverteilung: „Wir ändern daran nichts mehr“.

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Erstellt:
23. Mai 2020, 06:00 Uhr

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