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Rolltreppe, Wasserfall und möglichst viel Grün

Fast 100 Teilnehmer entwickeln bei Bürgerdialog-Workshop in Backnang Ideen für die IBA 2027 – Vorschläge sollen in Architektenwettbewerb einfließen

Die Internationale Bauausstellung (IBA) 2027 stößt in Backnang auf großes Interesse: Knapp 100 Bürgerinnen und Bürger beteiligten sich am Mittwochabend an einem ersten Workshop im Technikforum. Vier Stunden lang beschäftigten sie sich intensiv mit dem Quartier Backnang-West und sammelten Ideen für die Zukunft des 15 Hektar großen Areals.

Engagiert und mit viel Spaß entwickeln die Teilnehmer des Bürgerdialogs in Kleingruppen Ideen für das geplante Quartier am Murrufer. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Engagiert und mit viel Spaß entwickeln die Teilnehmer des Bürgerdialogs in Kleingruppen Ideen für das geplante Quartier am Murrufer. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Spinnen ist bei den Bürgerdialog-Veranstaltungen für die IBA 2027 ausdrücklich erlaubt, und so entwickelten die Teilnehmer des ersten Workshops auch einige ungewöhnliche Ideen. Wie wäre es etwa mit einem „Backnang Beach“ am Murrufer? Oder mit einem künstlichen Wasserfall? Oder mit einer Seilbahn oder einer Highspeed-Rolltreppe, die das neue Quartier mit dem Bahnhof verbindet? Ob diese Ideen Realität werden, ist fraglich, doch ihrem Ziel, die Wünsche der Backnanger Bevölkerung zu erfahren, sind Baudezernent Stefan Setzer und Stadtplanungsamtsleiter Tobias Großmann am Mittwochabend ein gutes Stück näher gekommen.

Wenn in acht Jahren die Internationale Bauausstellung in der Region Stuttgart stattfindet, will Backnang den Besuchern aus aller Welt zwischen Friedrichstraße und Murrtalviadukt ein ganz neues, zukunftsweisendes Quartier präsentieren. Wie so etwas aussehen könnte, zeigte Stefanie Kerlein vom IBA-Team den Gästen im Technikforum anhand von bereits gebauten Beispielen aus ganz Europa. Etwa das Genossenschaftsprojekt WagnisART in München: Fünf einzelne Gebäude sind dort durch Brücken miteinander verbunden. Neben privaten Wohnungen gibt es auch Räume, Plätze und Dachgärten, die allen Bewohnern zur Verfügung stehen. Oder das Gebiet „La Confluence“ in Lyon, wo auf einem ehemaligen Industriegelände ein neuer, bunter Stadtteil mit 10000 Einwohnern entstanden ist. Für Kerlein beweisen die gezeigten Beispiele, dass sich eine verdichtete Bauweise und eine hohe Lebensqualität nicht ausschließen.

Autos sollen aus dem Gebiet verbannt werden

Aber passt so etwas auch nach Backnang? Darüber diskutierten die Workshop-Teilnehmer anschließend in elf Kleingruppen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten. „An einer dichten Bauweise kommt man heute eigentlich nicht mehr vorbei“, befand Ulli Eder. Schließlich müsse man mit den freien Flächen sparsam umgehen. Bei Ursula Weber klingeln beim Thema Verdichtung hingegen die Alarmglocken. Sie erinnerte an einige Bauprojekte, die in jüngster Zeit in Backnang realisiert wurden: „Da sieht man im Erdgeschoss die Sonne nicht mehr.“ Wenn dicht gebaut werde, so der Tenor, dann müsse es als Ausgleich auch genügend Grün- und Freiflächen geben. Anbieten würde sich dafür aus Sicht der Bürger vor allem das Murrufer. Und vielleicht ließe sich die Wasserfläche durch künstlich angelegte Kanäle oder einen See sogar noch vergrößern?

Großen Wert legten die Workshop-Teilnehmer auf eine gesunde Mischung im Gebiet: Bezahlbare Wohnungen sollten dort ebenso angeboten werden wie gehobener Wohnraum. Und auch für Handel und Gewerbe soll es Platz geben: „Wir wünschen uns keine Schlafstadt, sondern einen lebendigen Stadtteil, in dem man wohnen und arbeiten kann“, fasste Dorothea Rieber die Ergebnisse ihrer Gruppe zusammen. Einkaufsmöglichkeiten im Quartier gehören für die Bürger ebenso dazu wie kulturelle Angebote. Autos sollen im neuen Stadtteil nach Wunsch der Bürger nur noch eine Nebenrolle spielen. Manche würden sie am liebsten komplett aus dem Quartier verbannen, andere wollen sie zumindest an zentraler Stelle bündeln, etwa in Parkhäusern oder Tiefgaragen.

Umso wichtiger sind den Teilnehmern dafür ein gut ausgebautes Fuß- und Radwegenetz sowie ein komfortabler öffentlicher Nahverkehr. Neben Seilbahn und Rolltreppe brachte eine Gruppe auch einen Shuttle-Service mit Elektrobussen in die Innenstadt ins Gespräch.

Gedanken machten sich die Workshop-Teilnehmer auch über das Zusammenleben in dem neuen Stadtteil. „Wir müssen die Leute aus ihren Wohnungen holen“, brachte es Hanspeter Fischer auf den Punkt. Dafür brauche man gemeinschaftliche Räume und Plätze, vielleicht sogar einen kleinen „Central Park“. Auch ein Biergarten am Murrufer steht auf der Wunschliste vieler Bürger ganz oben.

Stefan Setzer war von der Kreativität und dem Engagement der Workshop-Teilnehmer begeistert: „Das war ein fantastischer Auftakt. Wir haben unser Ziel erreicht“, freute sich der Baudezernent. Zufrieden stellte er fest, dass sich die Wünsche der Bürger zum größten Teil mit denen der Stadtverwaltung decken.

Nach den Bürgern sind nun die Fachleute an der Reihe: Sie beschäftigen sich am kommenden Freitag in einem Expertenworkshop noch einmal mit denselben Fragestellungen. Die Ergebnisse beider Workshops wolle man am Ende zu einem „Best of“ zusammenfassen, erklärte Setzer. Sie sollen in die Ausschreibung für den städtebaulichen Ideenwettbewerb einfließen, den die Stadt im kommenden Frühjahr ausloben will.

Kommentar
Kleiner Haken

Von Kornelius Fritz

Der Auftakt war vielversprechend: Beeindruckend war beim ersten Bürgerdialog-Workshop für die IBA 2027 nicht nur die Teilnehmerzahl, sondern auch das Engagement und die Kreativität der Teilnehmer. Bei allen Unterschieden im Detail ist dabei recht deutlich geworden, was den Backnangern wichtig ist: Sie wünschen sich am Murrufer ein grünes, vielfältiges und lebendiges Quartier. Urban, aber nicht beengt, modern, aber nicht Schickimicki.

Das Ganze hat allerdings einen kleinen Haken: Die Flächen, über die sich die Bürger so intensiv den Kopf zerbrochen haben, gehören größtenteils privaten Eigentümern. Und wenn Hermann Püttmer als Inhaber des Kaelble-Areals am Ende mal wieder verkündet: „Auf meinem Grundstück mach ich, was ich will“, dann wäre die ganze Bürgerbeteiligung für die Katz gewesen.

k.fritz@bkz.de

Info
Der Dialogherbst geht weiter

Im Rahmen des Bürgerdialogs für die IBA 2027 finden in den kommenden Monaten noch drei weitere Workshops im Technikforum statt. Neue Wohnformen und Nachbarschaftsmodelle sind das Schwerpunktthema des nächsten Workshops am Dienstag, 15. Oktober.

Um die Gestaltung des öffentlichen Raums, den Zugang zum Wasser und das Mobilitätskonzept des neuen Gebiets geht es am Dienstag, 12. November.

Mit innovativen Bautechniken, Energie und Nachhaltigkeit beschäftigen sich die Bürger am Dienstag, 3. Dezember.

Die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung werden am Dienstag, 14. Januar, präsentiert.

Alle Workshops finden im Technikforum Backnang, Wilhelmstraße 32, statt und dauern jeweils von 17 bis 21 Uhr. Anmeldung unter www.backnang.de oder telefonisch unter 07191/894-263.

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Erstellt:
27. September 2019, 06:00 Uhr

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