Rückkehr als Kapitän

VfB-Profi Atakan Karazor stammt aus dem Ruhrpott, wurde einst bei Borussia Dortmund verkannt und wird nun in der alten Heimat Waldemar Anton als Stuttgarter Spielführer vertreten.

Atakan Karazor trug bereits aushilfsweise die Kapitänsbinde beim VfB Stuttgart.

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Atakan Karazor trug bereits aushilfsweise die Kapitänsbinde beim VfB Stuttgart.

Von Philipp Maisel

Stuttgart - Spiele im Kohlenpott sind immer auch eine Rückkehr in die Heimat für Atakan Karazor. In Essen geboren, lernte er bei ETB Schwarz-Weiß das Kicken. Ein Traditionsclub im Ruhrgebiet, seines Zeichen DFB-Pokalsieger von 1959. Von dort zog er wie viele andere – etwa Oliver Bierhoff, Jens Lehmann, Andreas Sassen, Marius Ebbers oder Saschas Mölders – aus, um Profifußballer zu werden. Über den VfL Bochum landete er im Sommer 2015 in der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund.

Er etablierte sich schnell als Stammkraft, bekam einen Profivertrag, kam insgesamt auf 59 Partien (1 Tor) beim BVB II. Der hoch gewachsene Mittelfeldspieler fiel auf. Durch technische Qualitäten, kompromisslose Zweikampfführung, hohe Passsicherheit – und ruppiges Spiel. Karazor war als Raubein verschrien, sammelte Verwarnungen wie andere Leute Autogrammkarten. Das war es möglicherweise, was ihn daran hinderte, die offene Tür zum Profikader wirklich zu durchschreiten. Mehr als ein paar Testspieleinsätze unter dem damaligen BVB-Profitrainer Thomas Tuchel waren nicht drin, den Durchbruch schaffte er nicht.

Karazors Qualitäten wurden verkannt – ähnlich wie die von Chris Führich, der ebenfalls eine Zeit lang versuchte, im Dortmunder Nachwuchs durchzustarten und einen steinigen Weg gehen musste, der unter anderem über die zweite Liga in Paderborn führte, ehe er beim VfB bis in die Nationalmannschaft durchstarten konnte.

Über Holstein Kiel landete Karazor beim VfB, 2019 kam er zusammen mit Trainer Tim Walter von der Waterkant an den Neckar. Wieder etablierte sich der technisch beschlagene Deutschtürke schnell, wurde zum Metronom im Mittelfeld, gab dem Spiel Richtung und Tempo. Mittlerweile gehört er nicht nur zu den Dienstältesten im Stuttgarter Bundesliga-Team (lediglich Fabian Bredlow, Silas Katompa, Nikolas Nartey und Roberto Massimo sind ähnlich lange im VfB-Profikader) – sondern auch zu den wichtigsten Akteuren auf und neben dem Platz.

Gegen den BVB wird er seine Mitspieler als Kapitän auf das Feld führen. Alleine schultern muss Karazor die Leitungsverantwortung in Abwesenheit des gesperrten Spielführers Waldemar Anton aber deswegen nicht. „Die Hoffnung und Erwartung ist es, dass er es tut. Aber nicht alleine“, sagt sein Coach Sebastian Hoeneß. „Das hat Waldemar Anton ja auch nicht gemacht. Das verteilt sich auf mehrere Schultern. Alles auf Ata zu projizieren, wäre nicht gut und nicht richtig. Da sind auch andere gefragt“, so Hoeneß weiter, der explizit Serhou Guirassy, Deniz Undav und auch Alexander Nübel in die Pflicht nahm.

Doch auch ohne salbungsvolle Worte lässt Hoeneß keinen Zweifel daran, welche Bedeutung Karazor für das Stuttgarter Spiel hat. Das lässt sich auch an verhältnismäßig simplen Statistiken ablesen. In 30 von 31 Pflichtspielen in dieser Saison stand der 27-Jährige bisher in der Startelf, lediglich vorigen Sonntag gegen den 1. FC Heidenheim kam der defensive Mittelfeldspieler von der Bank. Nur eine Partie verpasste er aufgrund einer Gelbsperre. Er ist in den letzten Jahren sichtbar gereift und bietet konstant sportliche Leistungen auf Topniveau, was auch sein immer noch anhängiges Strafverfahren in Spanien aus dem Fokus der Öffentlichkeit verdrängt hat. Noch immer steht der Vorwurf der Vergewaltigung im Raum, Karazor muss weiterhin Meldeauflagen erfüllen.

Auf welcher Position sein Trainer Karazor nun gegen den BVB einsetzen wird, ließ er noch offen. „Man macht sich immer Gedanken um Personal und Taktik“, sagte Hoeneß, dessen Überlegungen sich „um Dreier- oder Viererkette“ drehen. „Wir haben erst begonnen mit der inhaltlichen Vorbereitung. Wir trainieren am Freitag noch mal, und dann werden wir sehen, wie wir es machen.“ Sollte er sich für eine Dreierkette entscheiden, dürfte die zentrale Position für Karazor reserviert sein. Der kennt die Rolle, hat sie allerdings zuletzt unter Pellegrino Matarazzo zu Zweitligazeiten ausgefüllt. Neun Spiele lang, in denen der VfB lediglich sechs Gegentreffer hinnehmen musste und in denen Karazor der bisher einzige Doppelpack seiner Karriere gelang. Beim 6:0-Kantersieg in Nürnberg traf er zweimal.

Nun steht die Rückkehr an die alte Wirkungsstätte in Dortmund an. „Für Ata ist es ein besonderes Spiel. Er kommt nach Hause und wird die Binde am Arm tragen“, sagt sein Trainer Sebastian Hoeneß, der auch um die sportliche Bedeutung der Partie beim Tabellennachbarn in Dortmund weiß.

Der Spieler selbst wollte in der Woche vor der Begegnung keine Auskunft geben und sich voll auf die Aufgabe konzentrieren – auch ein Indiz dafür, welchen Stellenwert das Spiel vor der gelben Wand in Dortmund für ihn selbst besitzt.

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Erstellt:
4. April 2024, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
5. April 2024, 21:48 Uhr

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