„Sammler möchten etwas bewahren“

Interview Zum Auftakt unserer Serie „Sammellust“ erklärt der Antiquitätensachverständige Fabian Benöhr, welche Objekte derzeit begehrt sind, welche zur Geldanlage taugen und was er selbst gerne sammelt.

Als Antiquitätenhändler und -sachverständiger kommt Fabian Benöhr oft mit Sammlungen in Kontakt. Er selbst widmet sich phasenweise verschiedenen Objekten. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Als Antiquitätenhändler und -sachverständiger kommt Fabian Benöhr oft mit Sammlungen in Kontakt. Er selbst widmet sich phasenweise verschiedenen Objekten. Foto: A. Becher

Lange Zeit galten Briefmarken als Klassiker bei Sammlungen. Wie ist das heute? Was wird am häufigsten gesammelt?

Oft ist es themenbezogen, sodass zum Beispiel alles gesammelt wird, was mit Eulen oder Fröschen zu tun hat. Das sind dann für gewöhnlich keine großen Wertgegenstände. Briefmarken sind ein bisschen am Aussterben. Das liegt auch daran, dass heute Briefe oft mit einer Maschine frankiert werden, sodass der Zugang gar nicht mehr geschaffen wird, dieses „sich in eine schöne Briefmarke zu verlieben“. Meiner Meinung nach ist bei den meisten Sammelgebieten recht viel Nostalgie dabei. Ich kann es mir bei Puppenstubensammlern so erklären: Wenn sie zum Beispiel an Weihnachten immer eine Stube hingestellt gekriegt und dieses gute Gefühl von damals aus der Kindheit mit der Puppenstube verbunden haben. Und dann hat man halt angefangen, sie zu sammeln. Wanduhren und Teppiche als Sammelobjekte werden auch weniger. Was es immer gibt, sind Schmucksammler. Das ist relativ werthaltig und daher auch beständig. Das gilt für alles, was Edelmetalle beinhaltet. Zudem werden alte Uniformen und militärische Gegenstände gesammelt.

Woran liegt es, dass sich manches so stark verändert?

Die Zeit ist hektischer geworden, man hat gar nicht mehr so viel Zeit, sich in etwas zu vertiefen. Das aber macht Sammeln aus. Ein anderer Faktor ist, dass durch das Internet und Plattformen wie eBay die Auswahl extrem erhöht ist. Wenn Sie früher in ein Antiquitätengeschäft gegangen sind, musste die Entscheidung meistens schnell her: Entweder ich kaufe das Stück jetzt oder jemand anders kommt womöglich und schlägt zu. Wenn man bei eBay reinguckt, dann gibt es vielleicht von einem Gegenstand 40 oder 50 Stück. Dann ist die Dringlichkeit in einem selber gar nicht mehr so hoch, irgendwas aussuchen zu müssen, jetzt zu handeln. Und die innere Wertigkeit sinkt meiner Meinung nach genau damit.

Vermutlich gibt es aber auch beim Sammeln neue Trends. Was sind denn heutzutage beliebte Objekte?

Relativ frisch ist digitale Kunst, die man sich über Tokens kaufen kann. Seltene Lego-Objekte werden außerdem gesammelt. Videospiele aus den 80er-Jahren können richtig verrückte Preise erzielen, vor allem wenn sie noch originalverpackt sind.

Was war denn das ungewöhnlichste Sammelobjekt, das Ihnen je untergekommen ist?

Meistens war es eher die Masse, also die Ausprägung der Sammlung, die mich beeindruckt hat. Wenn man zum Beispiel in einem riesigen Raum von 60 Quadratmetern steht, in dem fein säuberlich aufgeräumt alles voller Ordner mit Poststempeln steht. Ungewöhnliche Dinge an sich gibt’s ganz viele. Mich hat einmal eine Frau angerufen und gesagt, ihr Vater habe Eisenbahnen gesammelt. Ich bin davon ausgegangen, dass es Modelleisenbahnen sind. Wie ich hingekommen bin, lagen Schwellen vor der Tür und demontierte Einzelteile von Zügen. Es gibt auch Leute, die sich in den Keller das Innenleben einer Lok nachbauen. Oder was ich auch schon gesehen habe: dass jemand Uniformpuppen gesammelt hat. Da macht jemand seinen Kleiderschrank auf und dann steht da ein indischer Soldat aus dem 19. Jahrhundert. Es gibt auch Leute, die sammeln Unterwäsche. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Wer sind denn die Sammler? Kann man sie überhaupt kategorisieren?

Ich glaube, dass viele von ihnen Nostalgiker sind, auf ihre eigene Art und Weise. Sammler möchten etwas bewahren, was sie mit positiven Emotionen verbinden. Wir selber legen Wert in Dinge rein. Wert ist also für jeden unterschiedlich, das ist ja das Tolle daran. Wenn eine Person sagt: Die Dinge sind für mich nichts mehr wert, heißt es nicht, dass das für alle gilt. Vielleicht steckt auch ein leichter Hang zum Eskapismus dahinter.

Wie viel Arbeit steckt denn darin, eine Sammlung wirklich gut zu pflegen?

Da muss man zuerst fragen: Was für eine Sammlung ist es? Das kann weit variieren. Es nimmt grundsätzlich aber den Raum ein, den man bereit ist, dafür zu geben. Da gibt es Leute, die stehen um halb zwei auf, wenn ein interessanter Flohmarkt ansteht. Man kann beliebig viel Arbeit reinstecken. Meiner Erfahrung nach wird das vor allem durch den Partner beschränkt, vor allem wenn der die Leidenschaft nicht teilt.

Sammeln ist für viele ein Hobby, aber da kann auch ganz schön viel Geld im Spiel sein. Was wird denn zum Beispiel als Geldanlage gesammelt?

Als Geldanlage kann man Schmuck sammeln. Für Gemälde braucht man ein vertieftes Wissen, um einschätzen zu können, was es sich lohnt zu kaufen. Was sich als Markt stark entwickelt hat und folglich auch einiges wert ist, sind Militaria. Kleinere Trends wie die genannten Nintendo-Spiele können sich auch finanziell entwickeln.

Was hat dagegen an Wert verloren?

Bäuerliche Kunst, christliche Gegenstände, also alles, was mit Tradition zu tun hat, zu der der Bezug in diesem Ausmaß nicht mehr da ist. Ein Ackergaul als Motiv löst in uns heute nicht mehr das aus, was es bei unseren Omas ausgelöst hat. Oder zum Beispiel eine trauernde Frau. So ein Bild hängt sich heute keiner mehr gern in sein Wohnzimmer rein, auch wenn es ein noch so guter Maler gemalt hat.

Es kann ja auch vorkommen, dass man eine Sammlung erbt und damit eigentlich gar nichts zu tun hat. Oder man entscheidet sich dafür, das Sammeln zu beenden und dann die Sammlung zu veräußern. Wie geht man da am besten vor?

Genau das ist ganz oft Thema bei Sammlern. Wenn jemand für seine Sammlung brennt, muss sich das nicht unbedingt auf seine Familie erstrecken. In den seltensten Fällen wird diese Leidenschaft vererbt. Im Gegenteil kommt es manchmal vor, dass man so viel Zeit für Gegenstände aufwendet, dass die Kinder auf die Sammlung nicht gut zu sprechen sind. Meistens haben die Erben also keinen großartigen Bezug dazu. Da sollte man sich im Vorhinein beraten lassen und mit Experten eine Bestandsaufnahme machen. Wenn man eine Übersicht hat und den Wert einschätzen kann, kann man weitere Entscheidungen dazu treffen, ob man die Gegenstände verkaufen oder zum Beispiel versteigern lassen möchte. Wenn man ein Sammler ist, der keine Erben hat oder schon ganz genau weiß, die Kinder werfen es weg, dann sollte man sich frühzeitig darum kümmern, wo es hinsoll. Zumindest einen Plan aufschreiben: Was ist da, wie ordne ich es ein? Quasi ein Inventar, ein Verzeichnis. Für so etwas sind die Erben meistens auch sehr dankbar. Denn in solchen Situationen, nach dem Verlust einer geliebten Person, sind viele überfordert.

Nicht selten sammeln Personen in Ihrer Position als Antiquitätenhändler und Sachverständiger selbst. Sammeln Sie etwas und wenn ja was?

Derzeit sammle ich knallbunte Vasen aus den 60er- und 70er-Jahren, Muranoglas und orangefarbene Keramikvasen, die einen schon fast im Auge schmerzen. Das unterliegt bei mir auch Phasen, heißt: Ich beschäftige mich mit einem Thema und wenn das für mich befriedigend ergründet wurde, zeigt sich schon etwas Neues. Das schöne ist, dass man als Antiquitätenhändler Dinge in die Hände bekommt, die man ergründen kann und muss und sie danach wieder loslassen kann, sozusagen wie Sammeln ohne Behalten. Das erweitert den Horizont, man kann auch Geschichte einordnen.

Das Gespräch führte Lorena Greppo.

Fabian Benöhr

Persönliches Fabian Benöhr ist 1983 in Backnang geboren, hier aufgewachsen und auch wohnhaft. Er ist verheiratet und hat ein Kind.

Berufliches Benöhr ist gelernter Immobilienmakler (IHK-geprüft) sowie Kunst- und Antiquitätenhändler. In Kombination beider Tätigkeiten organisiert er regelmäßig Nachlässe mit Verwertung. Er betreibt neben dem Auktionshaus Wirttemberg in seiner Heimatstadt auch einen Laden in Marbach am Neckar . Als Antiquitätensachverständiger ist der Backnanger ein Allrounder, verfügt aber zudem über spezielle Expertise für Schmuck und Gemälde. Seit 2019 ist Fabian Benöhr darüber hinaus als Experte für Kunst und Antiquitäten der Sendung „Bares für Rares“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen.

Zum Artikel

Erstellt:
23. April 2022, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Stadt & Kreis

Historie im Bauen ist schwer zu vermitteln

Zum bundesweiten Tag der Städtebauförderung informieren Oberbürgermeister Friedrich und seine Mitarbeiter über die baulichen Entwicklungen der Stadt Backnang, über die man sich aktuell auch in einer Ausstellung in der städtischen Galerie informieren kann.

Stadt & Kreis

Mit kniffligen Fragen auf Bildungstour

Zu ihrer 50-Jahr-Feier und zum 70-jährigen Bestehen des Lands zieht die Landeszentrale für politische Bildung durch die Kneipen und sorgt auch in der Backnanger Bar „Das Wohnzimmer“ mit einem speziellen Pubquiz für gute Stimmung mit Lerneffekt.