Bosnien-Krieg
Sarajevo schließt sich Mailänder Verfahren zu Scharfschützen-Touristen an
Sarajevos Stadtrat beteiligt sich an einem Verfahren in Mailand gegen mutmaßliche „Scharfschützen-Touristen“. Ermittelt wird zu Vorwürfen, Ausländer hätten auf Zivilisten geschossen.
© SWR/Anja Niedringhaus/pa
Bosnien, 1994: Französische und ukrainische UN-Soldaten flüchten, als serbische Scharfschützen das Feuer auf sie in der Innenstadt Sarajevos eröffnen. Haben Ausländer auf Zivilisten geschossen? Das wird heute ermittelt.
Von red/dpa
Sarajevo schließt sich Strafverfahren in Mailand gegen mutmaßliche „Scharfschützen-Touristen“ an
Der Stadtrat von Sarajevo beschloss diese Woche, dass sich die Stadt Sarajevo einem Strafverfahren in Mailand gegen Personen anschließt, die verdächtigt werden, während des Krieges auf Bürger und Bürgerinnen Sarajevos gezielt und diese erschossen zu haben.
Anfang November letzten Jahres nahm eine Mailänder Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen sogenannte „Wochenend-Scharfschützen“ auf. Der Journalist Ezio Gavazzeni hatte zuvor behauptet, dass während der Belagerung von Sarajevo im Krieg zwischen 1992 bis 1995 italienische und Bürger anderer europäischer Staaten hohe Summen gezahlt hätten, um auf Zivilisten zu schießen. Er übergab seine Recherchen der Staatsanwaltschaft.
Schwierige Ermittlungen, offene Fragen
Mutmaßungen über solche Vorkommnisse gab es bereits 1995 durch einen Bericht der Zeitung Corriere della Sera. Die Geschichte tauchte in den Jahren nach dem Krieg immer wieder auf. Bisher gab es aber keinerlei Beweise, dass ausländische Scharfschützen tatsächlich dafür bezahlten, um auf Menschen zu schießen. Sicher ist, dass Hunderte Ausländer an dem Krieg in Bosnien und Herzegowina als Söldner teilnahmen. Rechtsextreme - zum Teil aus Deutschland und Österreich - schlossen sich etwa kroatischen Milizen an.
Es gab aber auch zahlreiche Ausländer bei der Armee der Republika Srpska, die dreieinhalb Jahre lang die Stadt Sarajevo von allen Seiten beschoss. Auch dabei handelte es sich oft um Rechtsextremisten und Muslimenfeinde. Darunter waren etwa Weißrussen, Russen und ein Japaner. Diese Söldner wurden von den jeweiligen Armeen bezahlt.
Von der Identität der Sniper, die im Krieg von Hochhäusern oder von den Hügeln über Sarajevo auf die Zivilisten schossen ist wenig bekannt, auch weil sie aus weiter Entfernung schossen und Ermittlungen dazu extrem schwierig sind. Es handelte sich jedoch durchwegs um serbische Extremisten, die oft auch aus Muslimenfeindlichkeit diese Verbrechen begangen. Es ist aber nicht auszuschließen, dass sich unter diesen Snipern auch Ausländer befanden. Allerdings ist fraglich, wie dies 30 Jahre nach Ende des Kriegs ermittelt werden soll.
Verantwortung lag bei der militärischen Führung
Das Haager Kriegsverbrechertribunal, das Hunderte Verfahren gegen Kriegsverbrecher führte, klagte keine mutmaßlichen Sniper an. Sehr wohl aber wurden führende Militärs der Armee der Republika Srpska verurteilt, die die Verbrechen anordneten.
Stanislav Galić und Dragomir Milošević wurden verurteilt, den Einsatz der Scharfschützen der Armee gegen Zivilisten geplant und befohlen zu haben. Sie wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter Terrorismus für schuldig befunden. Sie ordneten die Gewalt an, deren Hauptzweck darin bestand, die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen.
Der politisch Verantwortliche für den Terror gegen Zivilisten, Radovan Karadžić und der General der Armee der Republika Srpska (VRS), Ratko Mladić, wurden zu lebenslanger Haft verurteilt.
Laut dem vom Internationalen Tribunal gesammelten Daten töteten die Sniper von der Armee der Republika Srpska allein im Zeitraum zwischen dem 10. September 1992 und dem 10. August 1994 253 Zivilisten und 406 Soldaten. Unter den Getöteten befanden sich über 60 Kinder. 1.296 Zivilisten wurden in diesem Zeitraum durch Schüsse der Scharfschützen verletzt. Zu den Opfern zählten auch Journalisten, Angehörige von Hilfs- und Rettungsorganisationen, sowie UN-Soldaten. Während der Belagerung von Sarajevo kamen insgesamt etwa 14.000 Menschen ums Leben.
Katastrophen-Tourismus und aktuelle Ermittlungen
Während des Kriegs kamen zahlreiche Ausländer nach Sarajevo, auch sogenannten „Katastrophen-Touristen“ und natürlich viele Journalisten und Angehörige von Hilfsorganisationen. Die Anreise von Katastrophen-Touristen aus Italien, die die Aggressoren der Armee der Republika Srpska auf den Hügeln um Sarajevo aufsuchten, soll nachdem der italienische Geheimdienst davon in Kenntnis gesetzt worden war, ab 1994 unterbunden worden sein.
Die Mailänder Staatsanwaltschaft wird die Öffentlichkeit voraussichtlich im März über die Ergebnisse der Ermittlungen informieren.
