Scheunen prägten einst den Obstmarkt

Blick in das Archiv von Peter Wolf: Bedeutende Geschäfte entstanden rund um den Platz im Zentrum von Backnang. Mehrfach änderte sich im Lauf der Zeit der Straßenname. Der Abbruch des Geschäftshauses Haug brachte Raum für den „Kaess-Brunnen“.

Die Luftaufnahme des Obstmarkts in den 1950er-Jahren zeigt im Zentrum das große Haushaltsbedarf- und Eisenwarengeschäft Haug.

Die Luftaufnahme des Obstmarkts in den 1950er-Jahren zeigt im Zentrum das große Haushaltsbedarf- und Eisenwarengeschäft Haug.

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Die heutige Straße „Am Obstmarkt“, die von der Schillerstraße bis zur Dilleniusstraße führt, gehört zu den Bereichen der Innenstadt, die sich immer wieder grundlegend verändert haben. Ursprünglich handelte es sich um ein Randgebiet direkt an der Stadtmauer. Eine schmale Gasse verlief von der Schmiedgasse (heute Schillerstraße) bis zur Marktstraße an der früheren Oberen Apotheke. Hier befanden sich keine Wohnhäuser, sondern nur Scheunen, weshalb der Weg „Scheurengasse“ genannt wurde, heißt es in Helmut Bomms Buch „Was Straßenschilder erzählen“. Häufig waren es Brände, die die Stadt veränderten. Bomm informiert, dass am 28. Juli 1830 in der Scheuer des Gasthofs zum Schwanen ein Feuer ausbrach, das in wenigen Stunden acht Scheunen in der Scheurengasse zu Asche werden ließ. Sie wurden nicht mehr aufgebaut.

Mehrmals änderte sich der Name des Sträßchens. Mit dem Bau des neuen Volksschulhauses in der Bahnhofstraße (heute Schillerschule), das 1891 eingeweiht wurde, benannte man die Scheurengasse bereits 1888 in Schulstraße um. Sie verlief vom heutigen Obstmarkt über die Dilleniusstraße entlang dem Schillerplatz bis zum neuen Schulgebäude. Doch diese Regelung war nur von kurzer Dauer. Noch im selben Jahr erhielt ein Teil der Schulstraße den Namen Dilleniusstraße, nach Friedrich von Dillenius, der sich als Generaldirektor der Württembergischen Verkehrsanstalten für den Bau der Eisenbahnstrecke nach Backnang eingesetzt hatte, die 1876 eröffnet worden war.

Die Schulstraße verlief nur noch vom heutigen Obstmarkt bis zur Oberen Apotheke. Nach dem Verschwinden einiger Scheunen siedelten sich am heutigen Obstmarkt Geschäfte an. Ein traditionsreiches Unternehmen war die Firma von Albert Sauer. Er eröffnete 1886 in einem neu erbauten Haus ein „Eisen-, Spezerei- &Farbwaren-Geschäft“ (heute: Am Obstmarkt 10). Sauer war außerdem der erste Händler weit und breit, der landwirtschaftliche Maschinen anbot, informiert das Backnang-Lexikon. Zudem übernahm er ab Beginn des Ersten Weltkriegs die Versorgung der Bevölkerung des Oberamts Backnang mit Petroleum. Nach seinem Tod 1930 ging das Geschäft in andere Hände über. Am 25. Oktober 1973 zog das Unternehmen in den gegenüber dem Stammhaus liegenden Neubau Am Obstmarkt 1 um. Die Geschichte der Firma Sauer endete am 1. Juli 1977. In das Gebäude zog 1980 die Firma Sport Boss ein.

Ein weiteres langjährig ansässiges Unternehmen war das Farbengeschäft von Karl Klenk. 1911 heiratete der aus Steinberg, Stadt Murrhardt, stammende Malermeister Klenk Pauline Rösch, die Witwe des verstorbenen Malermeisters Ernst Rösch, und übernahm dessen Malergeschäft mit Farben- und Tapetenverkauf in der Schulstraße 11 (heute: Am Obstmarkt 2), heißt es im Backnang-Lexikon. Nach seinem Tod 1928 führte Pauline Klenk das Malergeschäft zusammen mit Hermann Rösch, ihrem Sohn aus erster Ehe. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg Kaufmann Karl Klenk in die nach seinem Vater benannte Firma ein. Ein zweiter Geschäftszweig „Tapeten–Gardinen– Bodenbeläge, Groß- und Einzelhandel“ wurde 1969 in der Uhlandstraße 9 eröffnet. Im Jahr 1989 erfolgte die Zusammenlegung der beiden Geschäftszweige unter einem Dach in der Weissacher Straße 66. Im ehemaligen Stammhaus Am Obstmarkt 2 befindet sich heute ein Blumengeschäft.

Während der Geschichte der beiden Unternehmen hatte sich der Name der Straße mehrmals geändert. Am 24. April 1933 verfügte Stadtvorstand Dr. Rienhardt: „Angesichts der derzeitigen Verbreiterung, Verschönerung und Ausgestaltung des Wochenmarktplatzes, namentlich durch Beseitigung eines weiteren alten Gebäudes und den Umbau des Kaufhauses Haug, wird der Name des Wochenmarktplatzes in Hindenburgplatz geändert. Einbezogen wird die Schulstraße vom Hindenburgplatz bis zur Dilleniusstraße“, zitiert Bomm. Das Teilstück von der Dilleniusstraße bis zur Oberen Apotheke wurde in „Papenweg“ umbenannt. Ein Foto, das Anfang der 1930er-Jahre entstanden ist, zeigt die Umgestaltungsmaßnahmen zu jener Zeit. Beim Abbruch des ehemaligen städtischen Backhauskomplexes wurde die Baustelle für Kinder zum Abenteuerspielplatz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich der Name erneut. Im Amtsblatt vom 15. September 1945 wurde auf Veranlassung der Militärregierung der Hindenburgplatz, wo der Wochenmarkt abgehalten wurde, in „Am Obstmarkt“ umbenannt, der Papenweg in „Zur Dilleniusstraße“. Eine Luftaufnahme aus den 1950er-Jahren zeigt den Obstmarkt mit dem großen Haushaltsbedarf- und Eisenwarengeschäft Haug, das von der Eduard-Breuninger-Straße und vom Obstmarkt zugänglich war.

Am 19. September 1969 hieß es in der Backnanger Kreiszeitung: „Der Neubau der Kreissparkasse Am Obstmarkt verleiht der Backnanger Innenstadt ein modernes Gesicht.“

Eine weitere entscheidende Änderung brachte der Abbruch des Geschäftshauses Haug. Am 4. Oktober 1975 berichtete die BKZ: „In letzter Zeit gibt es ziemlich Luft in Backnangs Innenstadt. Ein markantes Gebäude fiel nun ebenfalls moderner Städtebaukonzeption zum Opfer, das einstige Geschäftshaus der Firma Haug.“ Am 12. November 1977 beschloss der Gemeinderat, den Wochenmarkt künftig in der Uhlandstraße/Am Rathaus abzuhalten.

Wo sich einst das Geschäftshaus Haug befand, ist heute der Chelmsford-Platz mit dem „Kaess-Brunnen“, der im Juli 1982 eingeweiht wurde. Anlässlich seines 90. Geburtstags hatte Lederfabrikant Carl Kaess senior den vom Backnanger Künstler Oskar Kreibich gestalteten Brunnen gestiftet.

Kinder spielen beim Abbruch des ehemaligen städtischen Backhauskomplexes Anfang der 1930er-Jahre auf der Baustelle. Repros: P. Wolf

Kinder spielen beim Abbruch des ehemaligen städtischen Backhauskomplexes Anfang der 1930er-Jahre auf der Baustelle. Repros: P. Wolf

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Erstellt:
7. Januar 2021, 06:00 Uhr

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