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Schicksal eines Fremdarbeiters

Der frühere Geschichtslehrer Walter Schieber berichtet im Backnanger Jahrbuch über Franciszek Gacek und dessen Hinrichtung

Irgendwann vielleicht, so hofft Walter Schieber, wird ein Gedenkstein an das Schicksal von Franciszek Gacek erinnern. Der polnische Fremdarbeiter wurde 1942 im Wald bei Mannenweiler hingerichtet, weil er mit einer Deutschen vom Nachbarhof – Anna Schaaf – Kontakt pflegte. Schieber hat die Tragödie aus der Nazizeit nach jahrzehntelangen Forschungen jetzt veröffentlicht.

Franciszek Gacek in der regionalen Tracht der polnischen Provinz Podhale.

Franciszek Gacek in der regionalen Tracht der polnischen Provinz Podhale.

Von Armin Fechter

BACKNANG/GROSSERLACH. Die Geschichte, die Walter Schieber ausführlich im aktuellen Backnanger Jahrbuch erzählt, handelt in den Jahren 1941 bis 1942 im damaligen Oberamt Backnang, dort, wo heute der Rems-Murr-Kreis und der Kreis Schwäbisch Hall aneinanderstoßen. Es ist die Geschichte des Franciszek Gacek aus Szaflary, Kreis Nowy Targ in der südpolnischen Provinz Podhale.

Auf den Namen Franciszek Gacek stieß der frühere Geschichtslehrer zum ersten Mal vor rund 25 Jahren am Rande von Nachforschungen zum Nationalsozialismus in Auenwald. Von da an ließ ihn das Thema nicht mehr los. Die Recherchen zogen sich aber hin. Ein Problem stellten beispielsweise unterschiedliche Schreibweisen des Namens dar. So dauerte es Jahre, bis er überhaupt die polnische Adresse ausfindig gemacht hatte, unter der er nähere Auskünfte über den jungen Mann zu erlangen hoffte.

Nach einer ersten Kontaktaufnahme erhielt Schieber von Angehörigen Gaceks ein Foto, das den Jugendlichen in der regionalen Tracht der Provinz Podhale zeigt. Danach erlosch der Kontakt jedoch wieder, weitere Briefe blieben unbeantwortet. Erst als eine Nichte aus den USA nach Polen zurückkehrte und Schiebers Schreiben dort vorfand, kam neue Bewegung in die Nachforschungen.

Der Pole muss als Arbeitskraft nach Deutschland gehen

Gacek, geboren 1914, gehörte zu den vielen Fremdarbeitern, die den kriegsbedingten Mangel an Arbeitskräften ausgleichen sollten. Das Programm, mit dem zunächst „Freiwillige“ angeworben werden sollten, geriet zusehends zur erzwungenen Deportation. In jedem Dorf – die Orte wurden dabei immer häufiger von der SS umstellt – musste der Bürgermeister Pflichtkontingente je nach Einwohnerzahl eintreiben. So traf die Wahl 1940 Franciszek Gacek.

Die Lebensverhältnisse der ins Land geholten Polen waren begrenzt: Öffentliche Verkehrsmittel, der Besuch von Badeanstalten, von Gaststätten, Tanzveranstaltungen und Gottesdiensten waren verboten, ebenso der Besitz von Geld oder Wertgegenständen, Fahrrädern, Fotoapparaten, Feuerzeugen. Der Ort der Arbeitsstelle durfte nicht verlassen werden. Ab der Dämmerung galt Ausgangssperre. Damit die Fremdarbeiter für jedermann erkennbar waren, mussten sie ein auf der Spitze stehendes gelbes Quadrat mit einem violetten P über der rechten Brust tragen – den Polenwinkel. Wer sich mit einer deutschen Frau einließ, dem drohte – so Hitler schon kurz nach dem Einmarsch in Polen – das Abschneiden der Haare und die Unterbringung in einem Konzentrationslager.

Als Knecht auf einem Bauernhof in Mannenweiler eingesetzt

Franciszek Gacek kam nach Mannenweiler, Gemeinde Grab, wo er bei Bauer Wilhelm Klenk eingesetzt wurde. Das Verhältnis zwischen dem Landwirt und dem polnischen Knecht muss gut gewesen sein. Vor der Spruchkammer sagte Klenk später: „Dem Polen kann ich nur das beste Zeugnis geben. Er war treu und zuverlässig und hat sich vor keiner Arbeit gescheut.“ Auch sonst gibt es, wie Schiebers Recherchen zeigten, über ihn keine negativen Äußerungen. Gacek soll in Briefen an die Familie in der Heimat geschrieben haben, dass es ihm sehr gut gehe und dass er es mit seiner Arbeit auf dem Bauernhof sehr gut getroffen habe. Dafür sprechen auch Fotos, die er nach Hause schickte.

Dieses Foto fand sich in den Unterlagen der Familie Gacek in Nowy Targ. Es zeigt den Jungbauern Karl Weller vom Nachbarhof in Mannenweiler, mit dem Franciszek Gacek wohl ein gutes Verhältnis verband.

Dieses Foto fand sich in den Unterlagen der Familie Gacek in Nowy Targ. Es zeigt den Jungbauern Karl Weller vom Nachbarhof in Mannenweiler, mit dem Franciszek Gacek wohl ein gutes Verhältnis verband.

Daher verwundert es nicht, dass eine junge Frau, die auf dem Nachbarhof von Wilhelm Weller als Magd arbeitete, Gefallen an dem gut aussehenden jungen Mann fand. So entwickelte sich ein heimliches Verhältnis zwischen Anna Schaaf und Franciszek Gacek. Sie war 24, er 27. Wie lange die Beziehung schon anhielt, als das Verhängnis begann, ist nicht bekannt, auch nichts darüber, wer bei der Polizei in Murrhardt Anzeige erstattete.

Im Herbst 1941 kam jedenfalls der Polizeibeamte Gelchsheimer von Murrhardt auf die Bauernhöfe Klenk und Weller nach Mannenweiler mit dem Vorwurf, der Pole habe etwas mit der Magd. Von den beiden Bauern und von Gacek erfuhr er offenbar nichts. Eine Woche später kam er wieder zur Vernehmung von Anna Schaaf. Er soll der jungen Frau mit Versprechungen und Drohungen so zugesetzt haben, dass sie ohnmächtig wurde und erst wieder zu sich kam, als man ihr einen Schnaps gab. Der Polizist ließ jedoch nicht locker. Schließlich gestand sie, mit dem Polen Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Gacek und Anna Schaaf wurden festgenommen. Gacek kam ins KZ nach Welzheim, Anna Schaaf wurde zu zwei Jahren Arbeitslager verurteilt.

Franciszek Gacek in Mannenweiler mit dem sogenannten Polenwinkel am Revers.

Franciszek Gacek in Mannenweiler mit dem sogenannten Polenwinkel am Revers.

Die Gestapo in Stuttgart leitete unterdessen die Frage über das weitere Vorgehen ans Reichssicherheitshauptamt in Berlin weiter. Von dort kam die Antwort, man solle nachprüfen, ob der Pole arische Merkmale – blaue Augen, blonde Haare – habe. Wenn ja, könne er eingedeutscht werden. Wenn nicht, solle er erhängt werden. „Die Feststellung, dass Gacek diese Merkmale nicht habe, wollte später keiner getroffen haben“, berichtet Schieber. Bürgermeister Karl Birk von Grab sollte den Platz für den Galgen aussuchen. Da er den nicht in seiner Gemeinde haben wollte, bestimmte er eine Stelle gleich hinter der Gemeindegrenze im Staatswald von Wolfenbrück.

Die Hinrichtung am 23. April 1942 verlief nach dem Muster, das Friedrich Mußgay, der Leiter der Staatspolizeileitstelle Stuttgart, erarbeitet hatte. So wurde Gacek von Gestapo und SS mit einem in der Schreinerwerkstatt des KZ Welzheim von Häftlingen selbst gebauten mobilen Galgen und mit Sarg zur Hinrichtungsstelle gebracht. Die Polizei hatte aus den Nachbarorten wie Oberrot, Fornsbach, Fichtenberg sämtliche polnischen und ukrainischen Fremdarbeiter zu holen, damit sie sich ansahen, was mit denen geschieht, die sich mit deutschen Frauen einlassen; einige von ihnen wurden gezwungen, die Hinrichtung durchzuführen. Das Waldstück, in dem der Galgen stand, ist heute ziemlich zugewachsen. Aber man kann noch das damals freie Rondell erkennen.

Nach der Hinrichtung brachten Gestapo und SS die Leiche in die Anatomie der Universität Tübingen. Nach der Sektion wurde sie im hintersten Teil des Stadtfriedhofs, im Gräberfeld X, begraben – einer Endstation im nationalsozialistischen Vernichtungsprogramm. Die Leichenbücher der Anatomie enthielten Namen der Toten, Geburtsdatum und -ort, Todesdatum und Todesursache. Mit diesen Angaben konnten die Opfer 1980, nach langem politischem Hin und Her, der Anonymität entrissen werden. Ihre Namen stehen auf sechs Bronzetafeln.

Zwei Tage nach Franciszeks Ermordung wurde Anna Schaaf verhaftet und ins Frauenarbeitslager Ravensbrück gebracht. Dort ist sie im Archiv in der „Zugangsliste“ vom 25. April 1942 als politischer Häftling mit dem Haftgrund „Verkehr mit Polen“ verzeichnet. Demütigungen, auch durch andere Insassen, folgten. Ein gelb-schwarzer Winkel war das Zeichen für Rassenschande in Form von Verkehr von Deutschen mit Juden. Deshalb bekamen deutsche Frauen, die mit Polen, und polnische Zwangsarbeiterinnen, die mit deutschen Männern Beziehungen hatten, den roten Winkel der Politischen. Um sie jedoch von den „wahren“ Politischen zu unterscheiden, bezeichneten die übrigen Frauen im Lager sie erbarmungslos als „Bettpolitische“.

Anna Schaaf wurde erst am 12. Februar 1945 aus Ravensbrück entlassen. Ihre körperliche und psychische Gesundheit war ruiniert, als sie kahlköpfig in Wolfenbrück ankam. Sie beantragte Unterhaltshilfe und Wiedergutmachung, da sie „durch Misshandlungen und Entbehrungen...krank nach Hause gekommen und mit dauernden Anfällen behaftet“ sei. Dieser Antrag wurde aber abgelehnt. Der Tatbestand der Verfolgung sei nicht erfüllt, da sie nicht „nachweislich unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wegen ihrer politischen Haltung, ihres Glaubens, ihrer Weltanschauung oder ihrer Rasse in Haft genommen wurde“. Anna Schaaf starb im Alter von 48 Jahren am 30. Dezember 1965.

Verantwortliche werden später nicht zur Rechenschaft gezogen

Die Verantwortlichen im Fall Gacek/ Schaaf wurden später nicht zur Rechenschaft gezogen. Gendarmerie-Wachtmeister Gelchsheimer hätte die Sache nach Aussagen von Zeugen im Spruchkammerverfahren nicht so penetrant und unerbittlich verfolgen müssen und das Mädchen nicht mit massiven Drohungen und falschen Versprechungen zu einem Geständnis überlisten dürfen – doch er tat ja nur seine Pflicht. Er wurde zwar zunächst als „Belasteter“ eingestuft. Weil ihm aber ein Kommunist, ein Bibelforscher, ein Pfarrer und ein Prediger Persilscheine ausstellten, wurde aus ihm ein „Mitläufer“, und schließlich fiel er unter die Weihnachtsamnestie von 1949.

Gegen SS-Sturmbannführer Hans Engelbrecht, Abteilungsleiter in der Staatspolizeileitstelle Stuttgart, der die Hinrichtung Gaceks angeordnet hatte, wurden nach 1945 viele Ermittlungsverfahren eingeleitet. Dabei ging es nicht nur um die Hinrichtung von Zwangsarbeitern wegen Rassenschande, sondern auch um seine Teilnahme an Hinrichtungen von Juden und seine Aktivitäten in Auschwitz. Sämtliche Verfahren wurden eingestellt. So erlebte er unbehelligt seinen Ruhestand in Neckartailfingen.

Trauer, Ergriffenheit und Dankbarkeit an der Grabstätte

Als sich Gaceks Nichte Marianna Udziela im Januar 2018 bei Schieber meldete, äußerte sie den Wunsch, die Grabstelle ihres Onkels in Tübingen mit weiteren Verwandten zu besuchen. So kam es am 7. April 2018 zu einem Treffen mit vier Verwandten des Opfers am Tübinger Stadtfriedhof. Neben Schieber und seiner Frau mit dabei: der Kulturwissenschaftler und Publizist Udo Grausam und Margit Aldinger vom Tübinger Lern- und Dokumentationszentrum Nationalsozialismus. Die Gäste legten bei der Platte mit Gaceks Namen ein großes Blumengesteck in den polnischen Nationalfarben mit Schleife und den Worten „Pamietamy Rodzina z polski“ (In Erinnerung – Deine Familie aus Polen) nieder.

Treffen mit Franciszek Gaceks Angehörigen auf dem Tübinger Stadtfriedhof (von links): Marek Kowalczyk, Walter und Edith Schieber sowie Marianna Udziela. Fotos: privat

Treffen mit Franciszek Gaceks Angehörigen auf dem Tübinger Stadtfriedhof (von links): Marek Kowalczyk, Walter und Edith Schieber sowie Marianna Udziela. Fotos: privat

Für die deutschen Teilnehmer bleibt unvergessen, mit welcher Trauer und Ergriffenheit die Angehörigen des Opfers an der Grabstätte standen – und doch glücklich, einen Ort gefunden zu haben, an dem sie seinen Namen fanden und seiner gedenken konnten, und mit welcher Dankbarkeit sie die deutschen Gastgeber in die Arme nahmen.

Erinnerung an Franciszek Gacek: Blumengesteck mit Schleife an der Bronzetafel.

Erinnerung an Franciszek Gacek: Blumengesteck mit Schleife an der Bronzetafel.

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Erstellt:
14. Januar 2020, 14:04 Uhr

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