Schlechte Aussichten für die Murrbahn

Eine Anfrage zweier Grünen-Abgeordneter bei der Bundesregierung hat ergeben, dass weder der Einsatz von Neigetechnikzügen noch der zweigleisige Ausbau zwischen Waiblingen und Schwäbisch Hall vorgesehen sind. Die Reisezeit wird also kaum verkürzt.

Auf der Murrbahn steht ab Backnang nur ein Gleis zur Verfügung. Wenn die Züge Verspätung haben, muss der Verkehr aus der Gegenrichtung warten und verspätet sich so selbst. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Auf der Murrbahn steht ab Backnang nur ein Gleis zur Verfügung. Wenn die Züge Verspätung haben, muss der Verkehr aus der Gegenrichtung warten und verspätet sich so selbst. Foto: A. Becher

Von Lorena Greppo

BACKNANG. Die Bundesregierung gebe die Murrbahn weitgehend auf und gehe nur noch jene Ausbaumaßnahmen an, die unvermeidlich sind, lautet der Vorwurf der beiden Bundestagsabgeordneten Matthias Gastel und Harald Ebner (Grüne). Nachdem es zum Anfang des Jahres geheißen hat, dass der Bund sich auf der Strecke Stuttgart–Nürnberg von den Plänen zum Einsatz der Neigetechnik verabschiedet, haben sie angefragt, wie denn stattdessen die Fahrzeit der Züge verkürzt werden soll. „Das Ergebnis ist ernüchternd: Es sind keine baulichen Veränderungen vorgesehen, um die Fahrgäste schneller nach Nürnberg zu bringen. Zwei Minuten Reisezeitverkürzung sollen sich durch eine Verkürzung der Standzeit in Ansbach sowie den Entfall des Halts in Roßtal ergeben“, heißt es in einer Presseerklärung der Abgeordneten. Das heißt auch: Der zweigleisige Ausbau der Murrbahn zwischen Backnang und Schwäbisch Hall-Hessental ist nicht vorgesehen. Die Eingleisigkeit sei „ausreichend“, heißt es von der Bundesregierung, eine deutliche Verkürzung der Fahrzeit sei durch bauliche Veränderungen „nicht wirtschaftlich umsetzbar“.

Momentan fährt der Bahnverkehr zwischen Backnang und Schwäbisch Hall lediglich auf einem Gleis. Somit sei dieser Streckenabschnitt eine Art Flaschenhals, erklärt der Backnanger Landtagsabgeordnete Gernot Gruber (SPD). „Verspätungen in die eine Richtung bedingen Verspätungen in die andere Richtung.“ Denn dort müsse ein anderer Zug dann warten, bis der verspätete Zug den Abschnitt passiert hat, um selbst losfahren zu können. Dass man sich vom Einsatz der Neigetechnik verabschiedet hat, begrüßt er. Zwar fahren jene Züge 160 Kilometer pro Stunde schnell – momentan beträgt die Maximalgeschwindigkeit zwischen Waiblingen und Hessental 130. Die Technik sei dennoch ein „totgerittenes Pferd“, so Gruber, da selbst die Deutsche Bahn schon nicht mehr darauf setzte. Außerdem gebe es nur wenige Hersteller, die solche Züge überhaupt anbieten. Das bemängelten die Vertreter der Region bereits vor Jahren, als diese Vorgehensweise vom Bund noch vorgesehen war. Ein zweigleisiger Ausbau ist folglich auch die präferierte Vorgehensweise des Murrtal-Verkehrsverbands.

„Das Interesse der Bundesregierung ist kaum größer als null.“

Dessen Vorsitzender, der Schwäbisch Haller Landrat Gerhard Bauer, zeigt sich überrascht angesichts der neuesten Entwicklung: „Die Einschätzung der Bundesregierung, dass keine wesentlichen Ausbaumaßnahmen auf der Murrbahn erforderlich sind, um das derzeitige beziehungsweise geplante Verkehrsangebot auf dieser Strecke umsetzen zu können, ist für mich neu.“ Der Ansatz des Bundes werde den verkehrlichen Bedürfnissen in keiner Weise gerecht. „In der Interessengemeinschaft Schienenkorridor Stuttgart –Nürnberg haben wir deutlich herausgearbeitet, dass wir neben einem guten und attraktiven Nahverkehr auch ein befriedigendes Fernverkehrsangebot benötigen. Da besteht noch Verbesserungsbedarf, auf den wir drängen werden.“

Hoffnungen setzen die örtlichen Akteure vor allem in den aus Backnang stammenden Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Steffen Bilger (CDU). Dieser verweist bezüglich der Murrbahn auf den Deutschlandtakt, ein Konzept für einen deutschlandweit abgestimmten Fahrplan. Das Prinzip hierbei laute: „Erst der Fahrplan, dann der Aus- und Neubau der Infrastruktur.“ Derzeit erfolge eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung der erforderlichen Infrastrukturmaßnahmen, deren Ergebnisse noch in diesem Halbjahr erwartet werden. Erst im Nachgang würden die „neuen verkehrlichen Anforderungen hinsichtlich des Ausbaus der Murrbahn feststehen“, heißt es. „Der Ausbau der Schiene und die Verdoppelung der Fahrgastzahlen bis 2030 hat für den Bund höchste Priorität. Der Deutschlandtakt mit seinem Ziel „Öfter, Schneller, Überall“ wird auch auf der Murrbahn umgesetzt. Dadurch können Reisende künftig von mehr Reisemöglichkeiten, besseren Anschlüssen sowie kürzeren Reisezeiten zu überregionalen Städten und Regionen profitieren. So soll beispielsweise eine Fahrzeitverkürzung von Backnang nach Berlin via Nürnberg von rund 40 Minuten ermöglicht werden, sagt Bilger.

Die Fahrzeitverkürzung erfolgt jedoch nicht auf der Strecke Stuttgart–Nürnberg. Immerhin: Durch einen Umbau der Gleise an den Bahnhöfen in Oppenweiler, Sulzbach an der Murr und Fichtenberg sollen gleichzeitige Einfahrten möglich werden. Diese Ausbaumaßnahmen halten auch Gastel und Ebner für „sinnvoll und längst überfällig“. Das würde zumindest ein wenig Druck von der Strecke nehmen. Sie finden dennoch: „Das Interesse der Bundesregierung an dieser Strecke ist kaum größer als null. Sie hat die Murrbahn faktisch aufgegeben.“ In dem Wissen, dass ein kompletter zweispuriger Ausbau in der Umsetzung schwierig und vor allem teuer ist, hatte Gernot Gruber auch den Einsatz von mehreren Doppelspurinseln ins Spiel gebracht. Etwa durch einen kreuzungsfreien Bahnhof in Murrhardt-Fornsbach könne die Kapazität auf der Strecke erhöht werden, ist er sicher, da Züge hier aneinander vorbeifahren könnten.

Kommentar
Stillstand auf der Strecke

Von Lorena Greppo

Für den Zugverkehr im Murrtal steht zwischen Backnang und Schwäbisch Hall nur ein Gleis zur Verfügung: Das begrenzt die Kapazitäten und macht die Strecke anfällig für Verspätungen. Seit Jahrzehnten fordern Politiker aus der Region den Ausbau der Murrbahn – mit mäßigem Erfolg. Mal wird das Vorhaben im Bundesverkehrswegeplan in den vordringlichen Bedarf hochgestuft, dann rutscht es wieder in den potenziellen Bedarf. Erst wurde der Einsatz von Neigetechnikzügen vom Bund präferiert, nun gilt dieser als überholt. Und während dieser ganzen Zeit, wo Gutachten erstellt und dann wieder durch neue ersetzt werden, tut sich in der Praxis: nichts. Auf der Strecke herrscht Stillstand. Nun heißt es von der Bundesregierung, die Eingleisigkeit sei „ausreichend“, durch drei vergleichsweise kleine Umbaumaßnahmen soll die Strecke entlastet werden. Das entspricht nicht nur einem herben Dämpfer für die Verantwortlichen aus der Region, die sich mit viel Engagement für die Murrbahn einsetzen. Geradezu verhöhnt müssen sich die Fahrgäste vorkommen, wenn mal wieder ein Zug ausfällt oder verspätet ist. Dem eigenen Anspruch, den ÖPNV zu stärken, kommt das Bundesverkehrsministerium an dieser Stelle jedenfalls nicht nach.

l.greppo@bkz.de

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Erstellt:
25. Februar 2021, 06:00 Uhr

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