Sitzen schadet der Gesundheit

Schon 4000 Schritte sollen helfen für ein gesünderes Leben

Zu viel Sitzen ist bekanntlich schlecht für die Gesundheit. 10 000 Schritte am Tag zu gehen, ist eine verbreitete Empfehlung. Nun deuten Studien darauf hin, dass auch schon weniger hilft.

Bereits 15 bis 20 Minuten Bewegung am Tag sollen der Gesundheit förderlich sein.

© dpa/Sebastian Gollnow

Bereits 15 bis 20 Minuten Bewegung am Tag sollen der Gesundheit förderlich sein.

Von Jörg Zittlau

Eine aktuelle Studie aus Taiwan kommt zu dem Schluss: Sitzen macht krank und verkürzt das Leben. Was die meisten Couch-Potatoes wohl schon länger geahnt haben – ohne allerdings etwas dagegen unternommen zu haben. Doch vielleicht fällt ihnen das leichter, als sie bislang dachten. Denn die Forscher offerieren eine zweite, weitaus tröstlichere Erkenntnis: Schon relativ wenig Bewegung reicht, um gegen die schädlichen Effekte des Sitzens anzukommen.

Das Forscherteam um Wayne Gao von der Taipei Medical University erfasste über einen Zeitraum von 13 Jahren die Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Sterbequoten von knapp einer halben Million Männer und Frauen. Die durchschnittlich 39 Jahre alten Probanden wurden gebeten, Fragen zu ihrem Lebensstil und Aktivitätsniveau zu beantworten, außerdem sollten sie angeben, wie lange sie pro Tag bei der Arbeit sitzen.

Vielsitzer haben ein höheres Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen als Gelegenheitssitzer

Am Ende wurden sie von den Forschern in drei Kategorien eingeteilt, basierend auf ihrem „beruflichen Sitzvolumen“, wie viel Zeit sie also bei ihrer Arbeit im Sitzen verbrachten: „Meistens sitzend“, die höchste Sitzdauer pro Tag; „abwechselnd sitzend und nicht sitzend“, mit Unterbrechungen über den Tag verteilt; und „meistens nicht sitzend“, die aktivste Kategorie.

Nach Berücksichtigung beziehungsweise Bereinigung von Faktoren wie Body Mass Index, Rauchen, Alkoholkonsum, Geschlecht und Alter zeigte sich, dass Personen in der Kategorie „überwiegend sitzend“ in Bezug auf das Sterberisiko durch Infarkte, Schlaganfälle und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein 34 Prozent höheres Risiko hatten als Gelegenheitssitzer. „Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, das lange Sitzen am Arbeitsplatz zu reduzieren“, resümiert Studienleiter und Epidemiologe Gao.

Seine Erkenntnisse basieren auf einer extrem großen Datenlage und sind daher eine solide Bestätigung für jene These, mit der Anfang des letzten Jahrzehnts der US-amerikanische Präventionsforscher Wendell Taylor für Aufmerksamkeit sorgte: „Sitzen, ob im Auto, vor dem Fernseher oder am Schreibtisch, ist lebensgefährlich.“

Er hatte nach Sichtung der wissenschaftlichen Daten ausgerechnet, dass jede Doppelstunde Sitzen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um fünf Prozent anhebt. Wenn man das auf deutsche Verhältnisse umrechnet, kommt da einiges an Risikopotenzial für Leib und Leben zusammen. Denn laut aktuellem Gesundheitsreport der Deutschen Krankenversicherung (DKV) befindet man sich hierzulande pro Werktag 9,2 Stunden in sitzender Position. Das bedeutet eine Steigerung des Herz-Kreislauf-Risikos um 22,5 Prozent.

Die Evolution hatte noch keine Zeit, den Körper des Menschen auf das lange Sitzen einzustellen

Doch warum ist das bequeme Sitzen eigentlich eine potenziell so tödliche Angelegenheit? Die Antwort gibt James Levine von der Mayo-Klinik im US-amerikanischen Scottsdale: „Es setzt den Körper auf vielfältige Weise unter Stress.“ Mit allen damit einher gehenden – schädlichen – Effekten auf Herz, Kreislauf, Atmung und Hormonhaushalt. Und der Stressfaktor resultiere daraus, so der Endokrinologe weiter, dass Sitzen entwicklungsgeschichtlich zu jung für uns ist.

Der Homo sapiens der Steinzeit saß nämlich noch – wenn überhaupt – im Fersensitz, in dem er es nur einige Minuten lang aushielt, sodass immer wieder Gewichtsverlagerungen erfolgten. Als dann jedoch im Zuge der Zivilisation spezielle Sitzmöbel eingeführt wurden, konnte er plötzlich sehr lange und sehr passiv sitzen bleiben. Sein Körper und auch seine Psyche waren aber darauf nicht eingestellt, und die Evolution hatte bisher nicht Zeit genug, um an ihnen nachzubessern. „Uns fehlen schlichtweg die Voraussetzungen fürs lange Sitzen“, so Levine.

Schon eine halbe Stunde Bewegung soll die Gesundheitsrisiken durch Sitzen ausgleichen

Gründe genug also, etwas an seinem Sitzenbleiber-Dasein zu ändern. Und dazu müssen wir uns nicht auf schweißtreibende Jogging-Ausflüge oder zermürbende Runde im Fitness-Center begeben. Denn die taiwanischen Forscher konnten in ihrer Studie beobachten, dass die mittlere Gruppe, also die der unregelmäßig Sitzenden, im Vergleich zur aktivsten Gruppe kein sonderlich erhöhtes Sterberisiko aufwies. Man muss also nur gelegentlich vom Stuhl oder Sessel aufstehen. Gao schätzt, „dass 15 bis 30 Minuten Bewegung pro Tag ausreichen, um die Gesundheitsrisiken des Sitzens auszugleichen“.

Der taiwanische Forscher rät überdies zu kulturellen und beruflichen Veränderungen, um langes Sitzen am Arbeitsplatz zu „entnormalisieren“. Wobei das im eigentlichen Sinne des Wortes gemeint ist: Dass also weniger das Sitzen, als vielmehr das Gegenteil davon der Norm im gesellschaftlichen Leben entsprechen sollte. Ähnliche Initiativen im Bereich der öffentlichen Gesundheit gab es ja schon beim Rauchen – und sie hatten Erfolg. Man denke nur an die Verbannung der Glimmstängel aus öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln, an die Schaffung von abgegrenzten und als Raucherbereiche markierten Zonen und Räumen. Seitdem ist die Zahl der Tabaknutzer deutlich zurückgegangen.

In puncto Sitzen könnte man, so Gao, „regelmäßige Bewegungspausen, die Einführung von Stehpulten, die Einrichtung von Bereichen am Arbeitsplatz, in denen man sich körperlich betätigen kann, und das Angebot einer Mitgliedschaft im Fitnessstudio einführen“. Diese Veränderungen könnten dazu beitragen, die Kultur und die Wahrnehmung des langen Sitzens am Arbeitsplatz zu verändern. Nach dem Muster: Wenn Bewegung zum gesellschaftlichen Standard und der Sitzenbleiber zum Außenseiter wird, werden immer mehr in Bewegung kommen.

Je mehr Schritte, desto geringer das Risiko eines frühen Todes

StudieEin internationales Forscherteam um den polnischen Kardiologen Maciej Banach publizierte kürzlich eine Studie, wonach man nicht die weithin empfohlenen 10 000 Schritte unternehmen muss, um sich gesund zu halten. Demzufolge reichen schon 4000 Schritte, um das Risiko eines frühen Todes signifikant zu senken. Und bereits 2337 schützen vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

ZusatzeffektBanach betont, dass jeder weitere Schritt einen Zusatzeffekt bringt: „Je mehr man läuft, umso besser.“ Weitere 1000 Schritte zusätzlich verringerten ein frühzeitiges Sterberisiko um 15 Prozent.

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Erstellt:
13. Mai 2024, 07:12 Uhr

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