Modern und doch uralt
Schon vor 5000 Jahren gab es Patchwork-Familien
In der Jungsteinzeit wurde der Mensch vom Jäger zum Bauern und Viehzüchter. Das Familienleben war dem heutigen gar nicht so unähnlich. Schon damals gab es Paare, die fremde Kinder adoptierten oder in Pflege nahmen. Patchworkfamilien halfen zu überleben.
© Susanne Beyer/Institut f. UFG/Uni Kiel
Rekonstruktion des Felskammergrabs von (um 3100 v. Chr.): Unter den Bestatteten fand sich aufgrund der genetischen Analysen u. a. der Sohn einer Familie aus der circa 250 Kilometer weiter südlich gelegenen Wetterau.
Von Markus Brauer
Kinder aus früheren Beziehungen, die in einer neuen Familie als Geschwister aufwachsen, Paare, die fremde Kinder adoptieren oder in Pflege nehmen: Patchworkfamilien sind heute ein weit verbreitetes Lebensmodell. Es gilt als modern, ist tatsächlich aber uralt.
Da belegen neue Analysen an menschlichem Erbgut aus der Jungsteinzeit. „Wir können zeigen, dass schon vor mehr als 5000 Jahren Menschen in Mitteleuropa in Gemeinschaften lebten, in denen biologische Bande und soziale Bindungen überraschend flexibel ineinandergriffen“, erklärt Ben Krause-Kyora, Experte für die Analyse alter DNA (aDNA) am Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel.
Er hat die Studie in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlichte Studie koordiniert.
Despite distinct archaeological differences, the people from the Western Funnel Beaker culture were more closely related to neighboring Wartberg communities than previously understood, according to a genomic study of German burial sites. The findings in Science reveal… pic.twitter.com/FK5tbAnAuX — Science Magazine (@ScienceMagazine) May 21, 2026
Beeindruckend und noch immer rätselhaft
Die Jungsteinzeit markiert einen fundamentalen Einschnitt in der Menschheitsgeschichte. Erstmals wurden Gemeinschaften sesshaft und betrieben Ackerbau und Viehzucht.
Zwischen 3600 und 2800 v. Chr. errichteten frühe bäuerliche Gemeinschaften in Mitteleuropa außerdem Monumentalbauten und Grabkammern aus gewaltigen Steinen – sogenannte Megalithanlagen.
„Wo sie erhalten geblieben sind, beeindrucken die Bauten bis heute. Gleichzeitig gibt uns diese faszinierende Epoche noch viele Rätsel auf. Wie hat sich die Megalitharchitektur über Europa verbreitet? Ist eine bestimmte Bevölkerungsgruppe dafür verantwortlich und hat die Idee dabei verbreitet? Oder ist das Konzept der Megalithbauten von Gruppe zu Gruppe weitergegeben worden? Wie weit reichten die Kontakte der einzelnen Gemeinschaften? Und wer wurde in diesen Gräbern eigentlich bestattet?“, sagt Johannes Müller, Prähistorischer Archäologe am Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU und Co-Autor der Studie.
Erbgut von 203 jungsteinzeitlichen Menschen analysiert
Um Antworten auf diese Fragen näher zu kommen, untersuchten die Wissenschaftler aDNA (von englisch ancient DNA – alte DNA –, bezeichnet meist mehr als 100 Jahre alte DNA) aus den Knochen von insgesamt 203 jungsteinzeitlichen Menschen. Die Gebeine stammen hauptsächlich aus Großsteingräbern der sogenannten Wartbergkultur im heutigen Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen.
Die Analysen zeigen, dass die im selben Großsteingrab bestatteten Menschen nicht unbedingt biologisch verwandt sein mussten. „Offenbar spielten auch soziale Bindungen eine Rolle dafür, wer zusammen in ein Grab kam. Das ist überraschend. Studien zu Megalithgräbern in Irland oder Schweden deuten auf Gemeinschaftsbestattungen von biologischen Kernfamilien hin“, erklärt Co-Autorin Almut Nebel vom Institut für Klinische MolekularbiologieI (KMB) in Kiel. „Wir haben es bei den von uns untersuchten Fundstellen offenbar mit Gräbern von Patchwork-Gemeinschaften zu tun.“
Mehrere hundert Kilometer in einer Generation
Diese jungsteinzeitlichen Patchwork-Gemeinschaften waren deutlich mobiler als bislang angenommen. Im Megalithgrab von Sorsum, dem nördlichsten der untersuchten Anlagen, wurde ein junger Mann bestattet, dessen biologischer Vater im Großsteingrab von Niedertiefenbach bestattet worden war – 250 Kilometer weiter südwestlich.
„Wir wissen nicht, ob der Sohn in Sorsum gelebt hat oder als Reisender dort weilte. Wir wissen jetzt aber, dass die Menschen innerhalb einer Generation Distanzen von mehreren hundert Kilometern zurücklegten – lange bevor es in Mitteleuropa domestizierte Pferde als Transportmittel gab“, erläutert Ben Krause-Kyora.
Nicht nur das Vater-Sohn-Paar, auch andere Daten der Studie belegen, dass nahe Verwandte häufig weit entfernt voneinander lebten und starben. Mädchen und Frauen erwiesen sich als besonders mobil. Bisherige Studien gingen von deutlich kleineren Bewegungsradien innerhalb einer Lebensspanne während der Jungsteinzeit aus.
Vielfalt in der Jungsteinzeit
Darüber hinaus verglich das Team die DNA aus den untersuchten Gräbern mit bereits publizierten Analysen aus dem westeuropäischen Raum. Dabei zeigte sich, dass die Wartberg-Gemeinschaften nicht zu den selben Populationen wie andere Megalithgräber errichtende Gruppen in Westeuropa gehörten.
„Das wiederum spricht dafür, dass die Sitte, Monumente aus großen Steinen zu errichten, kulturell verbreitet wurde – nicht durch direkte Wanderungsbewegungen“, konstatiert Nicolas da Silva vom IKMB, Erstautor der Studie.
„Je mehr Daten wir aus der Jungsteinzeit haben, desto vielfältiger wird das Bild der frühen bäuerlichen Gemeinschaften in Europa. Spätestens nach diesen neuen Untersuchungen müssen wir auch das Familienbild und das Mobilitätsverhalten in der Urgeschichte neu denken“, resümiert Johannes Müller, Sprecher des Exzellenzcluster ROOTS – Konnektivität von Gesellschaft, Umwelt und Kultur in vergangenen Welten – in Kiel.
