Schwarzes Gold für Gesundheit
Schützt Kaffee vor Demenz?
Zwei bis drei Tassen Kaffee täglich sollen das Demenzrisiko senken – das legen zwei große Langzeitstudien nahe. Auch schwarzer Tee könnte demnach einen schützende Wirkung entfalten. Was ist dran?
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Von Markus Brauer
Die Ursachen für Alzheimer und andere Demenzerkrankungen sind erst in Teilen geklärt. Klar scheint aber, dass ein gesunder Lebensstil das Risiko für eine Demenz senken kann. Auch bestimmte Inhaltsstoffe von Kaffee und schwarzem oder grünem Tee gelten als mögliche Präventionshelfer.
Lieblingsgetränk der Deutschen
Trotz gestiegener Preise trinkt jeder Bundesbürger im Schnitt rund 164 Liter Kaffee pro Jahr. Das sind nach Berechnungen des Deutschen Kaffeeverbandes 17 Liter mehr als vor 20 Jahren.
Koffein ist die Zauber-Ingredienz im Kaffee, die auch in anderen Lebensmitteln wie Tee oder Schokolade enthalten ist. Wie wirkt sich die tägliche Dosis Genuss auf die Gesundheit aus?
Was ist Koffein und wo steckt es drin?
Koffein ist ein Alkaloid, also eine natürliche stickstoffhaltige organische Verbindung. Sie lässt sich auch industriell herstellen. Die Substanz gelangt in größeren Mengen meist über koffeinhaltige Getränke wie Kaffee, Tee und sogar Kakao in den Körper.
Zahlreichen Lebensmitteln wird nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) aber auch Koffein zugesetzt – etwa Backwaren, Eis, Süßigkeiten, Cola und Energydrinks. Daneben gibt es Nahrungsergänzungsmittel mit konzentriertem Koffein auf dem Markt.
Koffeinhaltige Lebensmittel können das Herz-Kreislauf-System und das zentrale Nervensystem in Schwung bringen. Damit erhöhen sich die Konzentrationsfähigkeit und auch die körperliche Leistungsfähigkeit.
Hilft Kaffee wirklich?
Laborstudien zeigen, dass Koffein und einige Polyphenole – also sekundäre Pflanzenstoffe, die als Antioxidantien, Farb- oder Geschmacksstoffe in Obst, Gemüse, Nüssen und Tee vorkommen – oxidativen Stress und Entzündungen (also ein schädliches Ungleichgewicht im Körper, das verursacht wird durch Umweltfaktoren wie UV-Strahlung, Schadstoffe, Rauchen, Alkohol, Stress und ungesunde Ernährung) dämpfen können.
Doch ob diese Laboreffekte auf den Alltag übertragbar sind, ist umstritten. Bisherige Studien dazu erbrachten widersprüchliche Ergebnisse. „Unter anderem variiert die Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen der Koffeinaufnahme und dem Demenzrisiko zwischen den Studien: Einige deuten auf ein erhöhtes Risiko bei hohen Koffeindosen hin, andere zeigen dagegen schützende Effekte, die sich bei höheren Dosen stabilisieren“, berichten Yu Zhang von der Harvard University und seine Kollegen.
Um mehr Klarheit zu schaffen, haben Zhang und sein Team nun Daten von rund 132.000 Teilnehmern zweier US-Langzeitstudien ausgewertet, die schon seit über 40 Jahren laufen. Die Forscher untersuchten anhand der Daten zu Gesundheit und Lebensstil, ob und wie sich der Kaffee- oder Teekonsum auf das Demenzrisiko und die geistige Gesundheit auswirken.
Etwas weniger Demenzfälle bei Kaffeetrinkern
Koffeinhaltiger Kaffee oder Tee scheinen tatsächlich einen leicht positiven Effekt zu haben. „Nach Anpassung an potenziell verzerrende Effekte anderer Risikofaktoren war eine höhere Koffeinaufnahme signifikant mit einem verringerten Demenzrisiko verknüpft“, schreiben die Wissenschaftler.
Pro 100.00 Personen gerechnet, erkrankten 141 Kaffee-Vieltrinker im Laufe der Studienzeit an einer Demenz. Bei denjenigen, die kein oder wenig Koffein konsumierten, waren es dagegen 330 Fälle.
Weitere Analysen ergaben, dass es bei der täglichen Dosis von Kaffee und Tee einen Sättigungseffekt zu geben scheint. Die kognitiven Vorteile (also geistigen Effekte) waren bei den Personen am stärksten, die täglich zwei bis drei Tassen koffeinhaltigen Kaffee oder ein bis zwei Tassen Tee konsumierten. Eine höhere Dosis verbesserte die Wirkung hingegen nicht weiter.
„Neuroprotektive Effekte von Koffein“
„Unsere Ergebnisse stimmen mit früheren Studien überein, die neuroprotektive Effekte von Koffein und Kaffeekonsum beobachtet haben“, erläutern die Forscher. Demnach könnten Koffein oder andere bioaktive Inhaltsstoffe für diese Effekte verantwortlich sein. Dafür spricht auch, dass die positive Wirkung auf das Demenzrisiko bei entkoffeiniertem Kaffee nicht auftrat.
- Zur Info: Neuroprotektion beschreibt Maßnahmen oder Substanzen, die Nervenzellen vor Schäden schützen, wie sie bei Krankheiten wie Schlaganfall, Parkinson oder Alzheimer auftreten, indem sie Zellverlust verhindern oder die Funktion erhalten
Auch das Abflachen der Wirkung bei höheren Dosen ist plausibel. „Die Aufnahme, der Transport und die Verstoffwechselung von Koffein und anderen bioaktiven Substanzen aus Kaffee oder Tee haben physiologische Grenzen“, erklärt Zhang. Mehr hilft daher nicht automatisch mehr.
Beobachtete Effekt ist winzig
Allerdings gibt es zwei wichtige Einschränkungen.
- Die erste Einschränkung: „Auch wenn unsere Ergebnisse ermutigend sind, ist es wichtig zu bedenken, dass der Effekt nur gering ist und es viele wichtige Möglichkeiten gibt, die kognitive Leistungsfähigkeit im Alter zu schützen“ betont Seniorautor Daniel Wang von der Harvard Medical School. Bei Tests der kognitiven Leistungen lag der Unterschied nur bei 0,02 Prozentpunkten – subjektiv ist dies kaum spürbar.
- Die zweite Einschränkung betrifft die Art der Studie: Bei den ausgewerteten Langzeitstudien handelt es sich um Beobachtungsstudien, die noch dazu teilweise auf Selbstangaben der Teilnehmer beruhen. Die Testpersonen tranken keine vorgegebene Kaffeemenge, sondern berichteten nur, wie ihr normaler Alltagskonsum aussah. Die Teilenehmenden unterschieden sich dadurch nicht nur im ‚Kaffeekonsum, sondern auch in unzähligen weiteren Faktoren.
Wahrer Grund könnte woanders liegen
Statt des Kaffees könnten auch andere Faktoren für die positiven Effekte verantwortlich sein. „So könnten Menschen, die mäßige Mengen Kaffee oder Tee trinken, beispielsweise insgesamt ein gesünderes, balanciertes Leben führen“, konstatiert der Mediziner Naveed Sattar von der University of Glasgow. Auch Schlafstörungen oder andere nicht erfasste Faktoren können auf das Demenzrisiko wirken.
„Man sollte die Ergebnisse daher mit Einschränkungen bewerten. Fakt ist, dass die wichtigsten Schutzfaktoren für das Gehirn unverändert bleiben: eine gesunde Ernährung, körperliche Bewegung, wenig Alkohol, ein gesundes Herz-Kreislauf-System und regelmäßige geistige Anregung“, sagt Sattar.
