Bewährungsstrafen für Bande
Selbsternanntes „Ikea-Kartell“ in Freiburg - Nur Spitze des Eisbergs?
Über 150 Diebstähle, rund 130.000 Euro Schaden, Bestellungen per Screenshot und Bargeld unter Fußmatten: Vor Gericht zeigt sich, wie raffiniert die Bande vorging.
© Philipp von Ditfurth/dpa/Philipp von Ditfurth
Die fünf Angeklagten wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt.
Von red/dpa
Eigentlich ist es kaum zu glauben, dass dieses Vorgehen über Jahre funktioniert hat: Eine Ikea-Kassiererin soll das Möbelhaus in Freiburg bestohlen haben. Nicht im Alleingang - stattdessen band die Frau unter anderem ihren Mann, ihre Tochter, eine enge Freundin und Bekannte ein. In Chats bezeichneten sie sich selbst laut dem Staatsanwalt als „Ikea-Kartell“.
Mal soll die heute 50-Jährige die Komplizen mit Waren an ihrer Kasse vorbeigelassen haben, ohne diese einzuscannen oder abzukassieren. Diebstahlsicherungen seien dafür sogar abgeklebt worden. Die Beute behielt die Bande, verkaufte sie online weiter - oder beschaffte sogar im Auftrag spezielle Möbel, Lampen, Regale, Esstische, Stühle oder andere Produkte.
In einigen Fällen soll die Kassiererin zudem Belege regulär zahlender Kunden einbehalten haben, damit Komplizen die darauf verzeichneten Artikel mitnehmen und anschließend gegen Erstattung zurückgeben konnten.
Bewährungsstrafen nach schwerem Bandendiebstahl
Nun hat das Amtsgericht Freiburg fünf Angeklagte im Alter von 26 bis 46 Jahren unter anderem wegen schweren Bandendiebstahls zu Strafen von einem Jahr und vier Monaten bis zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. „Dieses Urteil ist ein sehr mildes Urteil“, sagte der Vorsitzende Richter. „Das Gericht hat versucht, Ihnen entgegenzukommen.“ Mit Ach und Krach sei es gelungen, gegen die nicht vorbestraften Angeklagten Bewährungsstrafen auszusprechen.
Das Urteil ist nicht rechtskräftig. Vorausgegangen war eine Verständigung zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Dabei einigten sie sich auf einen Strafrahmen gegen Geständnisse der Angeklagten.
Doch vor Gericht wurde deutlich: Das war längst nicht alles. Eine Polizistin als Zeugin sprach von einem großen Ermittlungskomplex. 15 Tatbeteiligte und mehr als 150 Diebstahlhandlungen seien ermittelt worden. Die Staatsanwaltschaft kommt auf einen Schaden von rund 130.000 Euro - gemessen am Wert der Waren, die von Februar 2019 bis Januar 2023 aus der Filiale gestohlen wurden.
Hinzu kämen zahlreiche Auftraggeber, die Waren bestellt hätten: einige nichts ahnend - andere sehr wohl wissend, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Manche von ihnen hätten sich der Hehlerei strafbar gemacht, sagte die Polizistin. Mehrere Verfahren seien abgetrennt worden. Auch gegen Mitarbeiter der Logistikabteilung liefen separate Verfahren.
Bestellung per Screenshot
Die Zeugin las aus Chatverläufen vor, aus denen die Absprachen hervorgehen. „Gibt’s Großauftrag?“, fragte einer der Komplizen, die die Kassiererin als ihre „Jungs“ bezeichnet habe. An anderer Stelle hieß es: „Nimm’ so viel du tragen kannst.“ Auch hätten die Täter offen darüber geschrieben, dass sie „klauen“.
Vor allem Kommoden seien begehrt gewesen, schilderte die Beamtin. So sehr, dass die Kassiererin sogar mal einen Mitnahme-Stopp verhängte: „Sorry, fehlen schon zu viele.“ Die Bande habe für die Beute oft weniger als den Verkaufspreis verlangt. Bezahlt wurde demnach in bar. „Das zeigt einfach auch, dass das verschleiert wurde.“ Das Geld sei teils unter Fußmatten verstaut worden.
Die Hauptbeschuldigte sei seit 2018 bei Ikea angestellt gewesen. „Sie hat ihre Position als Kassiererin systematisch ausgenutzt“, stellte die Polizistin fest. Und sie habe eingeteilt, wer welche Aufgabe übernehme. Das Ganze war irgendwann so eingespielt, dass Screenshots aus dem Ikea-Katalog reichten.
Die Ex-Kassiererin selbst ist nicht von dem Urteil betroffen, wenngleich sie mit angeklagt war. Doch nach Auskunft ihres Anwalts hat ein Arzt sie am Morgen mehrere Wochen krankgeschrieben. Daher wurde ihr Verfahren abgetrennt.
Hat es Ikea der Bande zu einfach gemacht?
Ikea äußerte sich auf Anfrage nicht „zu Einzelfällen sowie zu unseren Sicherheits- und Kassensystemen“. Kameraüberwachung habe es seinerzeit im Kassenbereich der Freiburger Filiale nicht gegeben, sagte die Polizistin aus. Bei Inventuren seien jedoch immer wieder Differenzen festgestellt worden, im Jahr 2022 sogar der höchste Fehlwert deutschlandweit.
Vor Gericht zeigte sich auch, dass das Einrichtungshaus schon früher Verdacht geschöpft hatte. 2021 habe es einen Hinweis auf die damalige Kassiererin gegeben. Zwischenzeitlich setzte Ikea Privatdetektive auf die Frau an, die sogar Teppichkäufe im Internet fingierten. Doch es passierte erst einmal nichts.
Das Unternehmen habe über einen längeren Zeitraum nur zugesehen und habe es geschehen lassen, sagte einer der Verteidiger. Die Hemmschwellen seien gering gewesen, räumte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer ein. Und sie seien mit jedem erfolgreichen Vorbeiwinken der Kassiererin nochmal gesunken.
Ausschlaggebend für die Ermittlungen der Behörden war am Ende wohl ein Nachbar einer Angeklagten, der laut der Polizistin Ikea von seinen Beobachtungen berichtete: Immer wieder seien originalverpackte Produkte im Keller verschwunden - und später dort wieder herausgeholt worden.
Ende 2022, einen Tag vor Heiligabend, habe Ikea dann Anzeige erstattet. Bei Durchsuchungen hätten die Einsatzkräfte nicht nur Dutzende verpackte Artikel sichergestellt, sagte die Polizistin. Auch die Wohnungen der Betroffenen seien größtenteils mit hochwertiger Ikea-Ware ausgestattet gewesen.
