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Selbstloser Einsatz für Flüchtlingsfamilie

Zwei Weissacherinnen machen auf das Schicksal einer libanesischen Familie aufmerksam  –  Den Eltern droht die Abschiebung

Die beiden Söhne dürfen in Deutschland bleiben, das Ehepaar Joubaili soll hingegen in den Libanon abgeschoben werden – obwohl Vater Zouheirs Arbeitgeber ihn gerne halten würde. Dieses tragische Schicksal wollten die zwei Weissacherinnen Silke Müller-Zimmermann und Marion Scheffler-Duncker nicht einfach so hinnehmen, sie haben eine Unterschriftenaktion gestartet.

Ibrahim Joubaili darf in Deutschland bleiben, seine Mutter Abir hingegen soll in den Libanon abgeschoben werden. Um das zu verhindern, haben zwei Weissacherinnen im Backnanger Kino Universum Unterschriften gesammelt. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Ibrahim Joubaili darf in Deutschland bleiben, seine Mutter Abir hingegen soll in den Libanon abgeschoben werden. Um das zu verhindern, haben zwei Weissacherinnen im Backnanger Kino Universum Unterschriften gesammelt. Foto: A. Becher

Von Hans-Christoph Werner

BACKNANG/WEISSACH IM TAL. „Es ist Glück, dass wir hier geboren sind“, sagt Silke Müller-Zimmermann. Sie hat einen kleinen Tisch vor dem Eingang des Universum-Kinos aufgebaut. Ein Stapel Spielkarten liegt bereit. Den Kinobesuchern will sie Glück demonstrieren. Sie bittet, zwei Karten zu ziehen. Einfach nur so. 17 und 4 heißt das Kartenspiel. Wird die Punktzahl durch die beiden gezogenen Karten erreicht? Wenn ja, Glück gehabt! Wenn nein, vielleicht ein zweiter Versuch? Im Foyer des Kinos ist ein zweiter Tisch aufgebaut. Das Tableau eines Roulette-Spiels liegt bereit, dazu Spielgeld. Es gilt, das Spielgeld zu setzen. Auf eine Zahl, auf eine Farbe, auf einen Zahlenbereich. Dann springt die Kugel durch das Roulette-Rad. Wenn diese in ihr Fach springt, ist es klar. Gewonnen oder verloren. Glück gehabt oder Pech. Bewusst haben sie und Marion Scheffler-Duncker, so sagt Silke Müller-Zimmermann, das Thema Glück als Aufhänger gewählt. So vieles im Leben ist Glück. Auch dies, wo man geboren wird. Und um das Glück beziehungsweise Unglück derer, die nicht in Deutschland geboren wurden, geht es den beiden Damen.

Der IS versuchte, die beide Söhne zu rekrutieren

In ihrer beider Wohnort Unterweissach sind die beiden Frauen auf das Schicksal der Familie Joubaili aufmerksam geworden. Die Aktion vor dem Universum-Kino soll auch dazu dienen, darauf aufmerksam zu machen. Und eine Unterschriftenliste liegt aus. Sie soll einen Antrag an die Härtefallkommission unterstützen. Diesen Antrag hat Silke Müller-Zimmermann vor drei Wochen nach Stuttgart geschickt. Denn alle anderen Wege, für die Familie ein Bleiberecht zu erreichen, sind ausgeschöpft.

Vater Zouheir (49) und Mutter Abir (43) lebten mit den Söhnen Ibrahim (20) und Mohamad (19) in Tripoli im Libanon. Weil der ganze Nahe Osten im Aufruhr ist, erreichte das kriegerische Geschehen auch die Heimatstadt der Joubailis. In allernächster Nähe zu ihrer Wohnung waren immer wieder Explosionen und Gewehrsalven zu hören. Es wurde geschossen, scharf geschossen. Man war seines Lebens nicht mehr sicher. Und weil geschossen wurde, wurde auch gestorben. Sohn Ibrahim hat das, was er in seinen jungen Jahren nahezu täglich sah, einem Filmteam erzählt, das ihn in Deutschland eine Weile begleitete. Diesem Team, das im Rahmen einer Masterarbeit einen Dokumentarfilm drehte, hat Ibrahim auch die Bilder und kurzen Filmsequenzen auf seinem Handy gezeigt. Die Bilder belegen, dass sich Angst, Todesangst der Joubailis bemächtigte.

Vertreter der Terrormiliz „Islamischer Staat“ traten an die Söhne heran. Unmissverständlich gaben sie zu verstehen, dass es höchste Zeit wäre, sich dem IS anzuschließen. Alles zusammen genommen gab Anlass zur Flucht. Nach Deutschland. Das war im Jahr 2013. Von der Erstunterbringung in Backnang gelangten sie zwei Jahre später nach Unterweissach. Entschlossen stellten sich die Joubailis den Anforderungen des Gastlands. Sie lernten Deutsch, die Söhne holten Schulabschlüsse nach. Vater Zouheir fand eine Anstellung als Autolackierer, Mutter Abir bei einem Reinigungsdienst. Man kam für den Lebensunterhalt selbst. Parallel dazu lief das Asylverfahren der Joubailis. Und das wurde nun abschlägig beschieden.

Genau genommen ist die Situation die, dass die Söhne Ibrahim und Mohamad bleiben dürfen, die Eltern Zouheir und Abir aber sollen zurück in den Libanon. Die Familie erhielt den Auftrag, sich entsprechende Papiere zu besorgen. Ibrahim erzählt: Die libanesische Botschaft in Berlin stellt nur Pässe aus, wenn die Interessenten einen Aufenthaltstitel für Deutschland vorlegen können. Bei den Eltern Joubaili war aber durch das Ende des Asylverfahrens aus der Aufenthaltserlaubnis nur mehr eine Duldung geworden. Das wiederum wird nicht von der libanesischen Botschaft anerkannt. Es lässt sich ahnen, welch immenser Druck im geplanten „Geordnete-Rückkehr-Gesetz“ auf die Betroffenen ausgeübt wird.

Die Familie hat sich in Weissach bestens integriert

Noch hat Vater Zouheir Arbeit. Gern würde sein Arbeitgeber ihm einen unbefristeten Arbeitsvertrag erteilen. Mutter Abir hat keine Arbeitserlaubnis mehr. Sie kann nichts mehr zum Familieneinkommen beitragen. Aber vor allem kehrt etwas wieder ein, was die Joubailis über die Jahre abzulegen versuchten: Angst.

Silke Müller-Zimmermann kennt die Familie seit ihrem Zuzug in Unterweissach. Eifrig haben sich die Joubailis eingebracht. Durch ihre Arabischkenntnisse halfen sie anderen Flüchtlingen mit dem Zurechtkommen und taten Dolmetscherdienste. Auch beim Verein Weissach Klimaschutz konkret wurden sie aktiv. Die Joubailis haben geholfen, sagt die Unterweissacherin betont, das „dunkle Bild von Unterweissach“ (damit meint sie den Brand der Asylunterkunft) aufzuhellen. Umso irritierender für sie, dass nun alles vorbei sein soll. Den Antrag an die Härtefallkommission, eventuell die letzte Chance für die Joubailis, nahm sie selbst in die Hand, sammelte Unterlagen, bat andere, die die Joubailis kennengelernt hatte, um ihre zu Papier gebrachten Aussagen. Denn das alles sollte belegen, dass es für die Beteiligten unfassbar ist, dass durch eine Behördenentscheidung die bestens integrierte Familie auseinandergerissen werden soll. Ein Widerspruch zu allem, was sonst so in Sachen Familienpolitik en vogue ist.

Leider haben Silke Müller-Zimmermann und Marion Scheffler-Duncker mit ihrer Aktion einen hochsommerlich warmen Tag erwischt. Kaum einer will zu solch sonniger Spätnachmittagsstunde sich ins dunkle Kino setzen. Aber so schnell geben die beiden Damen nicht auf. Sie wollen bis zum Beginn der Spätvorstellungen ausharren. Denn ein paar Unterschriften täten der Sache der Joubailis gut. Vielleicht sei ja doch noch etwas zu erreichen.

Info
Die Unterschriftenaktion

Wer den Härtefallantrag zugunsten der Familie Joubaili unterstützen will, kann die Unterschriftensammlung unterzeichnen. Listen liegen im Kino Universum in der Sulzbacher Straße in Backnang und im Klima-Kultur-Zentrum in Unterweissach, Welzheimer Straße 43, aus.

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Erstellt:
3. Juni 2019, 06:00 Uhr

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