Sieg im Kampf gegen die Zweifel

Kugelstoßerin Alina Kenzel vom VfB Stuttgart ist nach langer Krankheit zurück – und startet nun bei der Hallen-WM.

Eine starke Frau: Kugelstoßerin Alina Kenzel

© //Björn Stach

Eine starke Frau: Kugelstoßerin Alina Kenzel

Von Jochen Klingovsky

Stuttgart - Den rechten Arm von Alina Kenzel ziert ein Tattoo, das nicht zu übersehen ist. Verewigt hat die Kugelstoßerin dort zahlreiche englische Wörter mit gegenteiliger Bedeutung. „Glück“ und „Traurigkeit“ zum Beispiel stehen nebeneinander, oder auch „Liebe“ und „Verlust“. Es ist eine gestochene Mahnung. „Das Tattoo“, sagt die 26-jährige Athletin, „erinnert mich immer wieder daran, dankbar für das zu sein, was ich habe.“ Im Leben. Und im Sport.

Alina Kenzel hat eine harte Zeit hinter sich. Nach zwei Corona-Infektionen wurde bei ihr PACS, das Post-Acute Covid Syndrome, diagnostiziert. Das Virus kostete sie zunächst die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2021 in Tokio, bremste sie danach weitere zwei Jahre aus, beeinflusst ihr Leben als Leistungssportlerin immer noch. Und trotzdem ist Alina Kenzel wieder da. An diesem Wochenende startet die Leichtathletin vom VfB Stuttgart in Glasgow bei der Hallen-Weltmeisterschaft. „Die Nominierung kam völlig überraschend, ich freue mich riesig“, sagt sie, „mein Ziel war eigentlich nur, in diesem Winter wieder wettkampffähig zu sein. Dass dies geklappt hat, gibt mir Kraft.“ Die nicht nur fürs Kugelstoßen wichtig ist.

In der langen Zeit ohne Wettkämpfe sah sich Alina Kenzel, die in Sindelfingen wohnt, immer wieder mit Zweifeln konfrontiert. Es gab Leute, die glaubten ihr nicht, wenn sie über ihre Schwindelgefühle sprach, ihre ständige Erschöpfung, das Taubheitsgefühl in einer Gesichtshälfte. Das tat weh. Zugleich kämpfte sie mit Selbstzweifeln, weil sie nicht mehr in der Lage war, einen Spaziergang zu machen oder Treppen zu steigen. Würde sie es zurückschaffen in den Kugelstoßring, um den sich so viel in ihrem Leben gedreht hatte? Nach drei Lungenoperationen, die halfen, ihre Atemprobleme zu überwinden, ging es stetig bergauf. Mittlerweile kann Alina Kenzel wieder intensiv trainieren, allerdings noch nicht zweimal am Tag, wie früher. Der Schwindel und das Gefühl, schnell zu ermüden, sind nicht gänzlich verschwunden. „Ich bin weiterhin vorsichtig, die Belastungssteuerung ist sehr wichtig“, sagt sie, „ich bin schon glücklich, meinen Alltag wieder problemlos bewältigen zu können. Denn sonst wäre an Leistungssport nicht zu denken.“

In dem es, trotz aller Sorgen, wieder ganz gut läuft für die Unteroffizierin, die der Sportförderkompanie der Bundeswehr in Todtnau angehört. Ihr Trainer Peter Salzer ist mit ihren technischen Fortschritten zufrieden, dazu kommt, dass sie sich seit ihrem Comeback in jedem Wettkampf gesteigert hat. Zuletzt, bei der deutschen Meisterschaft in Leipzig, stieß Alina Kenzel mit 18,50 Metern eine persönliche Bestleistung in der Halle, gewann die Silbermedaille und erinnerte sich an ihren Lungenarzt Daniel Gagiannis, der ihr am Ende der Behandlung Mut zugesprochen hatte – mit der Prophezeiung, dass sie zu alter Stärke zurückfinden werde. „Und vielleicht“, sagte er, „wird sie durch das Erlebte sogar noch stärker.“ Zu den Zielen der ehrgeizigen Athletin würde es passen.

Seit sie 13 Jahre alt ist, stößt Alina Kenzel die Kugel. Schnell zeigte sich ihr enormes Talent, sie wurde U-20-Weltmeisterin und U-23-Europameisterin, gewann bei deutschen Meisterschaften vier Medaillen, darunter Gold 2020 in Braunschweig. Schon früh sprach sie davon, dass es ihr großer Traum sei, 2024 bei den Olympischen Spielen in Paris dabei zu sein. Das will Kenzel noch immer, der Weg dorthin aber ist weit.

In der Halle in Leipzig, bei ihrem ersten großen Wettkampf nach fast drei Jahren, war sie so nervös wie selten zuvor in ihrer Karriere. Einen rationalen Grund dafür gab es nicht, denn sie wusste um die gute Entwicklung in den vergangenen Monaten und ihre aktuelle Form. Doch nun ging es darum, sich selbst zu beweisen, was wieder möglich ist. „Ich war mir zwar sicher, dass ich weit stoßen kann“, sagt Alina Kenzel, die ihre Bestweite im sechsten Versuch schaffte, „doch als es dann wirklich geklappt hat, war die Erleichterung schon groß.“

Nun geht es für die deutsche Vize-Meisterin in Glasgow nicht um die Medaillen, sondern darum, sich weiter zu steigern – am besten in Richtung der Olympia-Norm von 18,80 Metern. „Ich habe während meiner Krankheit viele Stöße und viele Einheiten im Kraftraum verpasst“, sagt Alina Kenzel, „dass ich nun wieder meiner Leidenschaft nachgehen kann, gibt mir die Kraft und das Selbstvertrauen, die nächsten Ziele anzugreifen.“

Vielleicht kommt ja dann im Sommer ein neues, bedeutsames Tattoo hinzu. Ein passendes Motiv würden die Olympischen Spiele in Paris sicherlich hergeben.

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Erstellt:
28. Februar 2024, 22:14 Uhr
Aktualisiert:
29. Februar 2024, 21:51 Uhr

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