Sieht simpel aus, ist aber verzwickt

Schwimmstars wie Florian Wellbrock gleiten elegant durch das Wasser und wirken dabei ziemlich entspannt. Tatsächlich sind die Bewegungsabläufe beim Kraulen komplex, wie die Teilnehmer am Fortgeschrittenenkurs im Wonnemar immer wieder aufs Neue spüren.

Kursleiter Marcel Hänsch demonstriert den Teilnehmern während einer kurzen Verschnaufpause, was sie im Wasser mit ihren Armen machen sollen. Fotos: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Kursleiter Marcel Hänsch demonstriert den Teilnehmern während einer kurzen Verschnaufpause, was sie im Wasser mit ihren Armen machen sollen. Fotos: T. Sellmaier

Von Steffen Grün

BACKNANG. Sich in Bauch- oder Rückenlage mit Mühe und Not über Wasser zu halten oder so richtig schwimmen zu können, sind zwei Paar Stiefel. Noch einmal etwas anderes ist es, eine der vier Techniken in Perfektion zu beherrschen: Brust, Schmetterling, Rücken oder Freistil, wobei Letzteres häufig falsch interpretiert wird. Im Prinzip bedeutet es, die Schwimmart nach eigenem Gusto wählen zu können. In der Praxis wird aber beinahe immer das Kraulen bevorzugt, weil das die schnellste Technik ist. So etwas wie die Königsdisziplin des Schwimmsports also, die kinderleicht aussieht, wenn man den Profis dabei zuschaut, wie sie voller Eleganz durch das Wasser gleiten. Tatsächlich ist es aber eine verzwickte Sache, es irgendwann auch nur ähnlich gut hinzubekommen. Diesen Anspruch haben die Teilnehmer der Kraulkurse für Fortgeschrittene, die jeweils sechs Termine an einem Freitagabend im Backnanger Wonnemar umfassen und offiziell Vertiefungskurse genannt werden.

„Das ist nur ein Anfang“, sagt Kursleiter Marcel Hänsch und macht damit deutlich, dass es weitaus mehr als insgesamt 270 Minuten braucht, um sich zu einem richtigen Könner zu entwickeln. Eine Erkenntnis, die sich bei dem Quintett, das gerade die fünfte Einheit absolviert, längst durchgesetzt hat. „Es ist eine sehr komplexe Bewegungsabfolge“, sagt Lisa Schulte. Sie meint damit, den wechselseitigen Armzug und den kontinuierlichen Beinschlag sowie die Atmung, für die der Kopf zur Seite gedreht werden muss, miteinander in Einklang zu bringen. „Es ist ungewohnt, unter Wasser auszuatmen, um dann in den paar Sekunden, in denen der Kopf aus dem Wasser schaut, wieder Luft zu holen“, geht die 19-Jährige ins Detail. Dagegen hat Hannes Falk mit der Atemtechnik „wenig Probleme“. Für ihn ist es stattdessen „die größte Herausforderung, den Bein- und den Armschlag sauber zu koordinieren und die richtige Wasserlage zu finden“.

Marcel Hänsch weiß, wie schwierig es ist, das eine zu tun, ohne das andere im selben Moment zu vernachlässigen. „Es sind komplexe Abläufe, die wir deshalb entkoppeln“, erklärt der 51-Jährige, der mit der C-Lizenz im Leistungssport tätig ist und unter anderem als Co-Trainer bei der TSG Backnang fungiert. „Es ist leichter, sich auf eine Komponente zu konzentrieren.“ Deshalb kommt unter anderem das Schwimmbrett zum Einsatz. Schieben seine Schützlinge dieses Teil mit den Händen vor sich her, können sie in aller Ruhe den Beinschlag üben. Klemmen sie es sich zwischen die Beine, genießt der Armzug die ungeteilte Aufmerksamkeit.

Lob und Tadel gibt’s im selben Atemzug, einen guten Ratschlag als Zugabe

Von der Beobachterposition am Beckenrand entgeht Marcel Hänsch wenig. „Nicht so hektisch schwimmen“, ruft er plötzlich – schließlich sind kontinuierliche, gleichmäßige Züge auf Dauer das, was er von seinen Teilnehmern sehen will. Aus dem pädagogischen Lehrbuch stammt wohl der Ansatz, das Lob gleich mit dem Tadel zu verbinden: „Beim Einschwimmen hast du es echt gut gemacht, jetzt schluderst du schon wieder.“ Den Tipp, nach einem imaginären Ball zu greifen, um den Zug möglichst lang zu gestalten, gibt’s sofort obendrauf. In Windeseile sind die 45 Minuten rum, maximal 800 bis 1000 Meter kommen in dieser Zeit auf der 25-Meter-Bahn zusammen. Das reicht, um ordentlich ausgepumpt zu sein.

Er habe sich bislang vieles selbst beigebracht, erzählt Hannes Falk, sei im Training zuletzt allerdings „an einen Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr schneller geworden bin“. Damit wollte sich der 33-Jährige nicht abfinden, denn er hat den Triathlon für sich entdeckt und will nach der Premiere vor rund fünf Monaten dieses Jahr in Immenstadt und Ingolstadt dabei sein. Um die Schwimmtechnik zu verbessern, „wollte ich jemanden drauf schauen lassen, der davon Ahnung hat“. Die Wahl fiel auf Marcel Hänsch, mit dessen Tipps der Auenwalder die Hoffnung verbindet, seine Zeit über 1,9 Kilometer auf etwas unter 40 Minuten zu verbessern. Hannes Falk ist angetan von der kleinen Gruppe, die es dem Frontmann ermöglicht, individuell auf jeden Teilnehmer einzugehen. Er hat sich für den neuen Kurs deshalb ein weiteres Mal angemeldet.

Dasselbe gilt für Lisa Schulte, die jedoch keinen bestimmten Wettkampf anpeilt. Die Murrhardterin blickte vielmehr immer neidisch auf die Schwimmer, die anders als sie selbst nicht nur die Brusttechnik, sondern auch das Kraulen aus dem Effeff konnten. „Es sah immer so elegant aus, das hat mich gereizt“, verrät die 19-Jährige, die nach ihrem Abitur derzeit den Bundesfreiwilligendienst an der Bodelschwinghschule leistet und darüber hinaus die Freizeit nutzt, um zum Beispiel ins Wonnemar nach Backnang zu fahren. „Es tut gut, jemanden zu haben, der es richtig kann und konstruktive Kritik äußert“, sagt sie. Damit hält Hänsch, der im Hallenbad und im Freibad auch immer wieder Dienst als Rettungsschwimmer schiebt, im Hauptberuf aber Eventmanager im Mercedes-Benz-Museum ist, nicht hinter dem Berg. Er greift ein, wenn es sich „im Wasser manchmal richtig anfühlt, aber doch falsch ist“, bringt Lisa Schulte das Dilemma auf den Punkt. „Je besser die Technik ist, umso einfacher ist das Schwimmen“, verdeutlicht Hänsch, warum er penibel darauf achtet. So etwas wie das Nonplusultra ist für ihn der deutsche Langstreckenschwimmer Florian Wellbrock, „er hat einen tollen Stil“. Der Weltmeister und Olympiasieger taugt als leuchtendes, aber unerreichbares Vorbild.

Kontinuierliche, gleichmäßige Armzüge und Beinschläge sind auf Dauer das Ziel.

© Tobias Sellmaier

Kontinuierliche, gleichmäßige Armzüge und Beinschläge sind auf Dauer das Ziel.

Kurse für alle Altersklassen

Wonnemar Spontaneität vorausgesetzt, ist es sogar noch möglich, in einen der beiden am heutigen Freitag startenden Kraulkurse für Fortgeschrittene einzusteigen. Von 20 bis 20.45 Uhr sind Plätze frei, die weiteren fünf Termine schließen sich zur selben Uhrzeit an den folgenden fünf Freitagen an. Für eine längerfristige Planung eignen sich die Kurse, die am 4. März beginnen. Alle Infos dazu sowie zu den weiteren Angeboten für alle Altersklassen gibt’s im Internet unter www.wonnemar.de/backnang. Unter dem Reiter Familienbad geht es zu den Kursen.

Verein Ein breites Kursangebot für Kinder bietet auch die Schwimmschule der TSG Backnang. Die Übersicht, was während der Coronapandemie geht und was nicht, ist unter www.schwimmen-bk.de zu finden. Zusätzliche Infos gibt es auf der Klubseite unter www.tsg-backnang.de/schwimmen.

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Erstellt:
21. Januar 2022, 06:00 Uhr

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