Louvre-Diebstahl
Sind die Louvre-Juwelen noch in Paris?
Es waren keine Meisterdiebe, die in das Museum einbrachen, sondern Dilettanten aus der Banlieue. Sind die Kronjuwelen auch noch dort?
© imago//Sadak Souici
Polizei vor dem Louvre.
Von Stefan Brändle
Fünf Monate nach dem spektakulären Einbruch in den Pariser Louvre gehen die Fahnder davon aus, dass sich die Beute noch immer im Großraum Paris befindet. Laut der Zeitung „Le Parisien“ konzentrieren sich die Ermittlungen zum einen auf Aubervilliers, nördlich von Paris – von dort stammen mehrere der Einbrecher. Zum anderen auf Ivry-sur-Seine im Südosten der Metropole, wo die Täter die Fluchtfahrzeuge gewechselt hatten. Die acht gestohlenen und bisher unauffindbaren Schmuckstücke werden auf einen Wert von 88 Millionen Euro geschätzt.
Ein neuntes Juwel, das Diadem der Kaiserin Eugénie, der Gemahlin von Napoleon III., hatten die Gauner am 19. Oktober auf der Flucht aus der Apollo-Galerie im Louvre liegen lassen. Es ist beschädigt, die 56 Smaragde und 1354 Diamanten sind aber vollzählig. Nur ein kleiner Goldadler und einige winzige Diamantstücke fehlen. Experten bekannter Juwelierhäuser trafen sich kürzlich, um über die Restaurierung der Krone zu beraten.
Dass das Kaiserdiadem den Einbrechern entfiel, war nur einer ihrer Fehler. Die vier Tatbeteiligten waren keine Profis: Sie hinterließen ihre Fingerabdrücke auf den Glasvitrinen und DNA-Spuren auf einem Motorrad. Die Polizei stuft sie als banale Vorstadt-Kriminelle ein. Hoch verschuldet lebten sie teils in schmutzigen Absteigen und leiden dem Bericht zufolge unter Depressionen. Haupttäter Ghelamallah A. arbeitete als Paketbote und bei der Müllabfuhr, bevor er arbeitslos wurde und auf die schiefe Bahn geriet. Der 35-Jährige wurde eine Woche nach dem Einbruch am Pariser Flughafen Roissy gefasst, als er nach Algerien ausfliegen wollte. Sein Jugend- und Schulfreund Abdoulaye N. (39) fuhr unangemeldet Taxi. Er hat eine Frau und vier Kinder und wohnte bei seinen Eltern in Aubervilliers. Auf Youtube verbreitete er als „Doudou Cross Bitume“ eigene Motocross-Videos – wenn er nicht gerade eine seiner fünfzehn Haftstrafen absaß, unter anderem wegen Einbrüchen in ein Schmuckgeschäft.
Slimane K. war der Tüftler der Einbrecher. Der 39-jährige Cousin von A. hielt sich mit Honoraren als Fußballschiedsrichter über Wasser und fabrizierte falsche Nummernschilder. Er kannte sich mit dem Werkzeug und der Hebebühne aus, die bei dem Einbruch verwendet worden waren. Die Operation leitete er vom Seine-Quai aus. Von der Uferstraße aus stiegen seine Kumpane in die Kunstgalerie des Museums ein.
Der Polizei erklärte A., er habe nicht gewusst, worum es bei dem Einbruch ging. Seitdem er wisse, dass es sich um das Kulturerbe Frankreichs handele, leide er unter Albträumen. Er und die anderen Täter behaupten, „Osteuropäer“ mit „slawischem Akzent“ hätten sie auf den Einbruch angesetzt. Die Übergabe der Beute habe in Ivry-sur-Seine stattgefunden; das Salär von 10 000 bis 15 000 Euro sei für später versprochen gewesen.
Die Ermittler schenken diesen vagen Erklärungen keinen Glauben. Sie gehen laut „Le Parisien“ davon aus, dass die Festgenommenen aus eigenem Antrieb handelten und über interne Informationen verfügten. So listet eine vertrauliche Studie des Juwelenhändlers Van Cleef & Arpels alle Schwachstellen und Sicherheitslücken des weltgrößten Museums auf – darunter auch die von den Tätern benützten Balkonfenster. Auch die Suche nach einem möglichen Kunstliebhaber als Auftraggeber erwies sich als „kalte Spur“. Die Fahnder glauben, dass der gestohlene Louvre-Schmuck irgendwo in Aubervilliers oder Ivry-sur-Seine versteckt ist und dort, wie ein anonymer Ermittler dem „Parisien“ sagte, „Staub ansetzt“.
Folgen hat der Raub dennoch. Schon im Februar führten die Sicherheitsmängel zur Entlassung der langjährigen Louvre-Direktorin Laurence des Cars. Zu dem Schritt trug wohl auch bei, dass die Polizei wenige Tage zuvor einen anderen Verbrecherring ausgehoben hatte. Neun Verhaftete, darunter auch Fremdenführer des Museums, sollen durch einen ausgeklügelten Ticketbetrug rund zehn Millionen Euro ergaunert haben.
