Skifahren erfüllte den romantischen Zweck

Ilse und Walter Lübbe feiern das Fest der goldenen Hochzeit. Das Lehrerpaar kann einiges vom Auf und Ab des Lebens erzählen.

Ilse und Walter Lübbe sind seit 50 Jahren ein Ehepaar. Foto: privat

Ilse und Walter Lübbe sind seit 50 Jahren ein Ehepaar. Foto: privat

Von Renate Schweizer

WEISSACH IM TAL. Besuch? Nein, lieber nicht. Erzählen gerne, das geht ja auch am Telefon. Auch der Fotograf soll nicht kommen. Ilse und Walter Lübbe schicken lieber ein Bild.

Klar, denkt man da: Corona-Kontaktbeschränkung. Ist ja auch ganz in Ordnung. Aber das ist gar nicht der Punkt: Bei Lübbes wüten die Handwerker vom Keller bis zum Dach, neues Parkett im Wohnzimmer und sonst noch dies und das, alles vollgestellt. Goldene Hochzeit fällt aus oder wird jedenfalls verschoben. „Corona?“, lachen die beiden vergnügt: „Hatten wir schon. Da sind wir gleich am Anfang reingestolpert.“

Das war am 12. März 2020: Sie feierten in Bühl den 70. Geburtstag von Ilses Bruder, nahe der Grenze zum Elsass, mitten im Hotspot und ohne es zu wissen. 70 Gäste waren da, und das Virus, dessen Namen man da schon gelernt hatte, aber irgendwie dachte man noch nichts dabei. Am 15. März begann der erste Lockdown. Da saß Ilse auf dem Sofa und „auf einmal war mir so komisch.“ Sie hatten es fast alle, auch zwei von vier erwachsenen Kindern samt Frauen und, Gott sei Dank, nur zwei der sechs Enkel. Die Hausärztin legte ihnen den Test vor die Tür: Positiv. Zwei Wochen lang hüteten sie das Bett.

„Wir sind jetzt entspannt“, sagen sie, „halten uns trotzdem an die Regeln“. Spätfolgen hatten sie keine. Dass es im Leben auf und ab geht, das wissen die beiden, das brauchen sie gar nicht extra zu betonen: Ihr ältester Sohn Nils starb mit 42 an Krebs und ihre Tochter Tabea wurde nur vier Tage alt. Tabeas Grab ist in Filadelfia, das ist eine Stadt im paraguayischen Chaco, wo sie von 1979 bis 1984 lebten und am mennonitischen Lehrerseminar unterrichteten (sie selbst sind keine Mennoniten, sondern katholisch und evangelisch. Alle paar Jahre fliegen sie nach Südamerika, um dieses Grab und dortige Freunde zu besuchen. 1984 ging es dann von Paraguay nach Weissach im Tal, wo Walter bis zum Ruhestand 2008 an der Missionsschule Religionspädagogik unterrichtete. 1985 bauten sie das Haus in Oberweissach, das jetzt eben grade renoviert wird. Lehrer sind sie alle beide, und da könnte man ja meinen, sie hätten sich im Studium kennengelernt. Aber das stimmt nicht, es war nämlich so:

Walter Lübbe (Jahrgang 1944) ist im hessischen Groß-Rohrheim in der großväterlichen Schmiede und späteren Metallbaufirma aufgewachsen, Ilse 150 Kilometer weiter südlich in Bühl. Ihre Eltern hatten ein Baugeschäft, das ihr Bruder heute noch führt. Die Eltern von Ilse und Walter kannten sich. So kam es, dass die Firmenfußballmannschaften gegen einander spielten. Man lernte sich kennen. Im Winter danach durfte Ilse mit zur Skiausfahrt von Walters Familie in die Alpen, weil sie so gerne Ski fuhr und „bloß“ den Schwarzwald kannte. Man schrieb sich ab und zu. An dieser Stelle übernimmt Walter die Geschichte, und es klingt, als würden die beiden das erzähltechnisch immer so machen: „Ich fahr‘ überhaupt nicht gern Ski“, sagt er, und man kann ihn durchs Telefon grinsen hören. „Ich bin nämlich total unsportlich. Ich kann keine Kurven – und Ilse hat mit Engelsgeduld an jeder Kurve auf mich gewartet. Seitdem bin ich nicht mehr auf Skiern gestanden. Musste ich auch nicht – die Sache hatte ja ihren Zweck erfüllt.“

Die Geschichte, wie Ilse Lehrerin wurde, erzählt sie natürlich selbst: „Mädla machen Büro“, hatte der Vater verfügt, und so lernte sie im elterlichen Betrieb Industriekauffrau. Nach ein paar Wochen wusste sie schon: Das wars nicht. Aber da half nichts: „Was man angefangen hat, macht man auch zu Ende.“

Es gab einen Riesenkrach mit dem Vater, als sie wegging, um das Abitur nachzuholen, kaum dass sie den Abschluss in der Tasche hatte. „Nach meinem Abi war er aber total stolz“, erzählt sie weiter: „Kannst alles studieren, was du willst“ hat er zu ihr gesagt. Sie studierte Deutsch und Biologie fürs Lehramt, Walter Deutsch und Religion. Mathe unterrichtete er fachfremd, aber mit Jahreszahlen hat er es trotzdem nicht so, da muss seine Frau ran. Wann war noch mal die Sache mit den Herzinfarkten? 2009 bis 2014, vier Mal Herzinfarkt. Aber mein Herz hat sich berappelt“, erzählt er ganz vergnügt. E-Bikes haben sie sich gekauft, und seitdem radeln sie beide mit großer Begeisterung kreuz und quer durch Deutschland. „Das Herz nicht schonen, aber auch nicht stressen“, lautet das Credo. Mit den Rädern gelingt das bestens. „Seitdem fahre ich auch gerne Rad“ kommt da Ilse wieder ins Spiel: „Wir wohnen am Berg, und immer wenn’s heimgeht, muss man noch mal fürchterlich rauf – mit dem E-Bike geht das ohne nachzudenken.“

Ihre goldene Hochzeit feiern sie wegen Corona zu zweit, mit Festmahl vom Waldhorn in Däfern. So ist der Plan, und wenn das Wohnzimmer bis dahin nicht fertig ist, dann wirds halt ein Picknick in der Küche. Auch das wird sich eines Tages in eine Geschichte verwandeln: In eine Geschichte aus dem prallen Leben von Ilse und Walter Lübbe.

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Erstellt:
13. Februar 2021, 06:00 Uhr

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