So hart wie Granit, so weiß wie Marmor

In einem Steinbruch bei Kurzach, der auf einem privaten Wiesengrundstück liegt, ist man auf die seltene Gesteinsart Fleins gestoßen. Anlässlich des Tags des Geotops wurden dieser Fund, das aus Fleins gepflasterte Gerinne und weiteres erdgeschichtliches Wissen präsentiert.

Heinrich Schneider (links) informiert über die Entdeckungen im Steinbruch, insbesondere über die Gesteinsart Fleins. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Heinrich Schneider (links) informiert über die Entdeckungen im Steinbruch, insbesondere über die Gesteinsart Fleins. Foto: A. Becher

Von Nicola Scharpf

Spiegelberg. Ihr denkmalgeschütztes Häuschen mit dem windschiefen Dach, in dem Susanne und Heinrich Schneider leben wie vor 100 Jahren mit Holzherd, fließend Kaltwasser und Plumpsklo auf der Veranda, Strom nur fürs Licht, ohne Waschmaschine, Zentralheizung oder Kühlschrank, stellt das Ehepaar ab und an der Öffentlichkeit als eine Besonderheit vor. Auch in ihrem sogenannten Wengert oberhalb des Häuschens, am sonnenverwöhnten Südhang über Kurzach, haben die beiden schon Außergewöhnliches präsentiert: Hier gedeihen trotz der Höhenlage von 463 Metern über dem Meer unzählige verschiedene Obstarten und -sorten wie Zwetschgen, Pflaumen, Äpfel, Hutzelbirnen, Pfirsiche und auch die Weichselkirsche, eine alte Kirschsorte, die früher wild an Hecken aufging. Ehepaar Schneider bemüht sich, den Bestand dieses untergehenden Kulturgutes zu schützen und ein Bewusstsein dafür bei den Menschen zu schaffen.

Der Streifen Pflastersteine, der die Fahrbahn der Ortsdurchfahrt vom Schneider’schen Grundstück trennt, „der hat uns nur gefallen“, sagt Heinrich Schneider. Dass die hellen Steine, die im Sonnenlicht so hübsch glitzern, auch etwas Besonderes sind, haben die 81-Jährige und der 83-Jährige lange Jahre nicht gewusst. Bis sie einmal einen Steinmetz bestellen, um etwas an der Steintreppe zum Haus auszubessern. Dem fällt das Gerinne entlang der Straße auf, was wenig später Hans Dietl aus Steinheim an der Murr auf den Plan ruft, einen ausgewiesenen Steinfachmann und staatlich geprüften Restaurator im Steinmetzhandwerk. Der 86-Jährige, in seiner Heimatgemeinde als wandelndes Lexikon und als Gedächtnis Steinheims bekannt, erkennt den Wert des gepflasterten Streifens, denn die Steine sind aus Fleins – einem Gestein, das fast so hart ist wie Granit und fast so weiß wie Marmor. „Herr Dietl hat uns die Augen geöffnet“, sagt Heinrich Schneider. „Das müssen reiche Leute hier gewesen sein. Denn Fleins wurde besonders teuer verkauft, weil er so hart ist und deshalb auch extrem schwer zu bearbeiten ist.“

Fleins ist ein regionaler Ausdruck für karbonatisch gebundene, besonders harte Lagen innerhalb eines Gesteinspakets wie der Löwenstein-Formation oder der Posidonienschiefer-Formation. In einem Steinbruch auf einem Wiesengrundstück der Familie Schneider ist Fleins zu finden. Der Steinmetzmeister aus Steinheim fragt nach der Entdeckung: „Weiß das das Land?“ Es stellt sich heraus: Es weiß es nicht, der Steinbruch ist in der Sammlung des geologischen Landesinstituts in Freiburg im Breisgau nicht dokumentiert.

Nun soll das Gerinne, das wohl in den Jahren nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 gepflastert wurde, als Kleindenkmal erfasst und der Steinbruch in die Liste der Geotope aufgenommen werden. „Der Steinbruch ist die einzige Stelle, die beim geologischen Landesinstitut als offen zugänglich bekannt ist“, begeistert sich Ehepaar Schneider für die beiden wissenschaftlich und historisch bedeutsamen Funde vor ihrer Haustür. „Wenn man den Stein abschlägt, kommt es darunter weiß heraus.“

Den Tag des Geotops nutzen die beiden, deren Ziel der Wissenstransfer über die Familiengrenzen hinaus ist, um Kurzach als einen „Hotspot für die Geologie des Schwäbischen Waldes“ vorzustellen. Vier Aufschlüsse nahe bei Kurzach, die mit einem kurzen Spaziergang ab dem Schneider’schen Haus zu erreichen sind, geben Einblick in den vielfältigen geologischen Aufbau des Schwäbischen Waldes und sind darüber hinaus wertvolle Zeugen der Wirtschaftsgeschichte. Schneiders zeigen die verschiedenen Ausprägungen der Gesteinsarten Kiesel- und Stubensandstein, deren Schichten heute als Teil der Löwenstein-Formation bezeichnet werden. „Das Besondere ist“, erklärt der ehemalige Berufsschullehrer Schneider, „man konnte hier Sand gewinnen. Bis in die 1950er-Jahre wurde er hier in Kurzach verkauft.“ Verwendung fand er beispielsweise zum Scheuern. Schneiders demonstrieren in einer kleinen Ausstellung im Garten ihres Hauses, wie einstens Messer mithilfe von Scheuersand von Rost befreit wurden. Hans Dietl hat neben Werkzeug, das er als Steinexperte im Einsatz hat, einen reichen Schatz an Wissen mit nach Kurzach gebracht. Er informiert an Gesteinsmustern über die Entstehung seltener Gesteine wie Marmor in Italien oder Fleins in der Löwenstein-Formation. Er führt Methoden zur Bestimmung wichtiger Eigenschaften verschiedener Steinarten vor – beispielsweise welcher Stoff den Stein zusammenhält, wie hart der Stein und wie hoch seine Dichte ist. Auf unmittelbare Art können die Gäste an diesem Tag begreifen, wie die Erde und ihre Rohstoffe entstanden sind. So anschaulich kann es sein, Bewusstsein zu schaffen.

Ein Aktionstag für Geotope

Aktionstag An jedem dritten Sonntag im September wird jährlich bundesweit der Tag des Geotops begangen. Geologen und andere Fachleute bieten deutschlandweit Geländeerkundungen an wie zum Beispiel in Steinbrüchen, zu Felsen oder Mineralien, in historische Bergwerke und zu vielen anderen Ausflugszielen. Die Teilnehmer können erleben, auf welchen Fundamenten sich unsere Landschaft bildete.

Die Initiative Der Tag des Geotops geht zurück auf eine Initiative der Akademie für Geowissenschaften und Geotechnologien. Ähnlich wie beim Tag des offenen Denkmals sollen geologische Sachverhalte und die Bedeutung der Geotope und des Geotopschutzes der Bevölkerung nähergebracht werden.

Kulturgüter Geotope werden dann als wertvoll erachtet, wenn ein Interesse an ihnen besteht, das sowohl wissenschaftlicher als auch ästhetischer Natur sein kann. Sie prägen nicht nur das Landschaftsbild einer Region – oft sind sie auch im Bewusstsein der Menschen durch alte Sagen, Legenden und Mythen verankert. Geotope sind nicht nur Naturdenkmale oder Wissenschaftsobjekte, sondern auch schützens- und erhaltenswerte Kulturgüter.

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Erstellt:
21. September 2021, 11:30 Uhr

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