Heimtückische Nervenkrankheit

So könnte Multiple Sklerose früher erkannt werden

Ein Biomarker im Blut von Multiple-Sklerose-Patienten könnte die Diagnose erleichtern. Bis zum praktischen Einsatz ist aber noch viel Forschung nötig.

Eine von vielen MS-Erkrankten: die US-Schauspielerin Christina Applegate

© dpa/Jordan Strauss

Eine von vielen MS-Erkrankten: die US-Schauspielerin Christina Applegate

Von Werner Ludwig

Die Nervenkrankheit Multiple-Sklerose (MS) wird in der Regel erst dann erkannt, wenn bereits Symptome wie Bewegungs- oder Sehstörungen auftreten. Ein internationales Forscherteam hat jetzt charakteristische Antikörper im Blut von MS-Kranken entdeckt. Daraus könnte ein Test zur frühen Erkennung der Krankheit entwickelt werden, so die Hoffnung der Forscher, die ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ publiziert haben.

Schwierige Diagnose

Da MS mit einer ganzen Reihe von Symptomen verbunden ist und der Krankheitsverlauf sich individuell stark unterscheidet, ist die Diagnose vergleichsweise aufwendig. MS ist eine Autoimmunerkrankung, deren Ursachen noch nicht im Detail geklärt sind. Bei MS-Kranken bildet die körpereigene Abwehr Antikörper gegen die Schutzhülle, die unsere Nervenbahnen umgibt, die sogenannte Myelinscheide. Dadurch wird die Reizleitung beeinträchtigt, was sich wiederum auf Motorik und Sinneswahrnehmung auswirkt. Das Risiko, an MS zu erkranken, wird auch von genetischen Faktoren beeinflusst.

Die Studienautoren um Colin Zamecnik von der University of California in San Francisco haben nun im Blutserum von MS-Patienten sogenannte Autoantikörper gefunden. Für ihre Untersuchung nutzen die Forscher das umfangreiche Serum-Depot des US-Verteidigungsministeriums. Bei mehreren Hundert an MS erkrankten Personen zeigte sich im Blut ein typisches Antikörpermuster. Dieses trat sowohl Jahre vor Auftreten der ersten Symptome als auch nach einer MS-Diagnose auf – allerdings nur bei rund zehn Prozent der Patienten. Die Forscher glauben trotzdem, dass ihre Ergebnisse zu einer früheren Erkennung der Krankheit beitragen könnten.

Noch viel Forschung nötig

Dazu dürfte aber noch viel Forschungsarbeit nötig sein. „Ich denke, es ist noch zu früh, um über eine Anwendung des Tests konkret nachzudenken“, sagt etwa Bernhard Hemmer, Direktor der Klinik für Neurologie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Zunächst müsse der Test validiert und die Genauigkeit der Vorhersage einer MS-Erkrankung belegt werden. Danach kämen zuerst Personen mit erhöhtem MS-Risiko für eine Anwendung des Tests infrage, so der Mediziner, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. Als Beispiel nennt Hemmer Verwandte ersten Grades von MS-Erkrankten. Allerdings müsse man dabei auch die Möglichkeit falsch positiver Ergebnisse im Auge behalten, die zu irrtümlichen MS-Diagnosen führen könnten. „Diese Frage beantwortet die Studie nicht ausreichend“, so Hemmer.

„Bis zur Entwicklung einer Antikörpersignatur, die sich diagnostisch oder charakteristisch zur Früherkennung der MS eignen könnte, ist es aus meiner Sicht noch ein durchaus weiter Weg“, sagt auch Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Allgemeine Neurologie an der Universität Münster. Dass nur zehn Prozent der Erkrankten die typischen Antikörper aufwiesen, deute zudem darauf hin, dass Antikörper nicht die einzige Ursache von MS seien.

Früherkennung wäre hilfreich

Hemmer geht davon aus, dass eine frühe Erkennung erhebliche Vorteile hätte. Wenn erste Entzündungsherde im Gehirn nachweisbar seien, ohne dass bereits klinische Symptome aufgetreten sind, „kann eine frühe Behandlung das Auftreten von MS-Symptomen verzögern oder sogar verhindern“. Das hätten Studien gezeigt. Bislang ist MS nicht heilbar. Medikamente können aber das Fortschreiten verlangsamen und Häufigkeit und Schwere der Schübe verringern.

In Deutschland leiden nach Angaben der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft zwischen 220 000 und 250 000 Menschen an MS. Erste Symptome treten häufig zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf, teilweise auch erst im vierten oder fünften Lebensjahrzehnt. Betroffene leiden häufig unter motorischen Störungen, Lähmungen oder Sehstörungen.

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Erstellt:
21. April 2024, 17:24 Uhr

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