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Sogar die „New York Times“ berichtet

Das Interview: Jens Zimmerle aus Korb hat den einzigen Eiswein Deutschlands gelesen – Sorge um die Zukunft der Spezialität

Den einzigen Eiswein des Jahrgangs 2019 in ganz Deutschland hat in diesem Jahr das Weingut Zimmerle gelesen. Am 22. Januar dieses Jahres klappte die Ernte überraschend – und löste einen Medienhype aus. Sogar die „New York Times“ berichtete über das Korber Weingut. Wengerter Jens Zimmerle betrachtet die Auswirkungen des Klimawandels auf seinen „Greta“-Wein, der nicht nach der Klimaaktivistin Greta Thunberg, sondern nach seiner Tochter benannt ist.

Pünktlich zum zehnten Geburtstag des „Greta“-Eisweins, benannt nach der Tochter von Jens und Yvette Zimmerle, gibt es wieder einen Eiswein vom Weingut Zimmerle – den einzigen in Deutschland. Ihren letzten Eiswein ernteten sie im Jahrgang 2015, berichtet Jens Zimmerle. Foto: A. Palmizi

© ALEXANDRA PALMIZI

Pünktlich zum zehnten Geburtstag des „Greta“-Eisweins, benannt nach der Tochter von Jens und Yvette Zimmerle, gibt es wieder einen Eiswein vom Weingut Zimmerle – den einzigen in Deutschland. Ihren letzten Eiswein ernteten sie im Jahrgang 2015, berichtet Jens Zimmerle. Foto: A. Palmizi

Von Laura Steinke

Entgegen einer ersten Übersicht des Deutschen Weininstituts, es gebe in Deutschland keinen Eiswein aus dem Jahrgang 2019, gibt es ihn doch – und zwar von Ihrem Weingut, Herr Zimmerle. Sind Sie überrascht, dass Sie den einzigen Eiswein gelesen haben?

Wir sind tatsächlich überrascht. Bei uns ist der Eiswein seit dem 22. Januar Thema, da haben wir ihn gelesen. Ich kam am gleichen Tag noch ins Weinlabor Klingler in Waiblingen, das viele ortsansässige Weingüter betreut. Ich war ein bisschen spät dran und hab dann salopp gefragt: Der Wievielte bin ich denn? Die Temperatur unter minus sieben Grad war schließlich eindeutig für die Eisweinernte. Er hat gemeint, dass wir bisher die Einzigen sind. Die Meldung vom Deutschen Weininstitut hat uns dann überrascht. Schließlich war es bei uns eindeutig, dass wir einen Eiswein geerntet haben.

Als das Anfang März bekannt wurde, haben plötzlich viele Medien über den einzigen Eiswein in Deutschland berichtet. Hat Sie diese Masse an Reaktionen überrascht?

Ja. Ich habe die Nachricht von der Eisweinlese schon am 22. Januar voller Freude auf Facebook gepostet, weil das immer eine Erleichterung für uns ist und als Information für unsere Kunden, nach dem Motto: Hey, es hat dieses Jahr doch geklappt. Das haben auch ein paar Journalisten mitgekriegt. Die Anfragen haben ganz langsam angefangen. Dann hat sich eine Eigendynamik entwickelt, die ich bisher noch nie so erlebt habe. Schlussendlich war es die verrückteste Woche. Das werden wir so schnell nicht mehr erleben, denke ich. Das war schon der Wahnsinn. Auf einmal rückt man in den Fokus wegen 70 Litern.

In den Fokus der „New York Times“ zum Beispiel.

Genau, in der „New York Times“ kam es. Und es gab noch weitere Anfragen, auch aus Amerika. Ein Radiosender hat angerufen. Wir hatten drei Tage nur damit zu tun, E-Mails zu beantworten. Die Rundfunk- und Fernsehanfragen ziehen sich noch bis heute. Und das will auch irgendwie nicht so richtig abklingen. Es kommen jetzt auch teilweise Anfragen, die das Thema Eiswein mit dem Thema Klimawandel in Verbindung bringen. Die Geschichte von diesem Eiswein ist dafür natürlich jetzt prädestiniert.

Weil es aufgrund der Erderwärmung weniger Chancen gibt, Eiswein zu ernten.

Richtig. Das milde, gemäßigte Klima, das wir hier haben, verschiebt sich – und zwar weg vom Eiswein. Man merkt, wie viele Kollegen in der Gegend gar nicht mehr auf Eiswein setzen. In den nächsten Jahren ist es wahrscheinlich, dass es immer weniger davon geben wird, weil gar nicht mehr versucht wird, zu ernten. Vielleicht stirbt der Eiswein dann ganz aus in unseren Breitengraden. Wir versuchen es trotzdem irgendwie. Ich bin damit aufgewachsen, und es macht Laune. Aber schauen wir mal, wie es in zehn oder 20 Jahren ist.

Dass Sie in diesem Jahr einen Überraschungscoup gelandet haben, freut Sie aber bestimmt, oder?

Die Freude war ab dem 22. Januar da. Ich seh das relativ pragmatisch. Diese Freude hat sich jetzt nicht dadurch verändert, dass wir die Einzigen sind. Dass der Wein anscheinend ein Unikat ist, dafür können wir ja selber nichts. Das ist ja keine besondere Leistung von uns. Sondern: Das ist einfach Glück.

Was ist das Besondere an Eiswein?

Das Besondere an Eiswein ist, dass die Ernte ihre Eigenarten hat. Es muss mindestens minus sieben Grad kalt sein. Das ist meistens in den frühen Morgenstunden der Fall. Man geht so gegen 6 Uhr los. Es ist also dunkel. Man sieht die Erntehelfer mit Taschenlampen und mit Kopflampen herumlaufen. Das ist schon etwas ganz Besonderes und Spannendes. Weil es eben auch nur einmal im Jahr passiert und es nur wenige Tage im Jahr gibt, wo es funktionieren kann. Da ist die Anspannung auch größer. Und das Eisweinholen ist auch eine Kindheitserinnerung. Meistens wird der Eiswein in den Winterferien geholt. Man ist als kleines Kind auch schon dabei gewesen.

Können Sie sich noch daran erinnern, als Sie das erste Mal Eiswein geholt haben?

Ja, mit Sicherheit. Schon mein Vater Friedrich, von dem ich und meine Frau Yvette das Weingut im Jahr 2014 übernommen haben, hat früher regelmäßig versucht, Eiswein zu holen. Damals war das Risiko, dass es nicht klappt, noch nicht so hoch wie jetzt. Da war es noch kälter in den Wintermonaten. Das war schon immer eine spannende Geschichte, da mitzugehen, absolut.

Wie sieht eine Eisweinlese aus?

Alles passiert ziemlich kurzfristig. Am 21. Januar haben wir abends entschieden, dass wir den Eiswein am nächsten Tag ernten. Die Tage vorher hat sich schon angedeutet, dass die Nacht kalt genug wird. Und das war auch unsere Motivation. Wir probieren es jetzt einfach, haben wir gedacht. Das ist der kälteste Tag des Jahres, entweder funktioniert’s oder eben nicht. Abends haben wir noch geschwind Leute angerufen: Habt ihr morgen früh spontan Zeit? Wir waren dann zu acht. Das reicht auch. Vor Ort muss man dann mit Taschenlampen herumlaufen. Man schneidet die Folien auf, mit denen die Trauben gegen Witterung und Vögel geschützt sind. Und dann schaut man, dass man die Trauben so schnell wie möglich in die Kisten reinkriegt. Ab geht’s in die Kelter. Die Trauben müssen im gefrorenen Zustand gepresst werden. Das hat super funktioniert. Dann geht man zusammen Kaffee trinken und hat danach das Gefühl, dass, bevor der Tag anfängt, eigentlich schon die Arbeit des Tages getan ist.

Wie läuft dann die Herstellung ab?

Beim Pressen muss man schauen, dass man den Saft durchweg kontrolliert. Das Wasser bleibt erst im gefrorenen Zustand in der Presse. Irgendwann ist der Zeitpunkt da, wo es auftaut. Dann muss man aufpassen, dass das Wasser nicht mitgepresst wird. Sonst gehen die Oechsle-Grade runter. Man presst den Morgen über und irgendwann guckt man, was für eine Menge übrig geblieben ist von dem ganzen Wein.

Und das sind in diesem Jahr 70 Liter.

Richtig. Es waren ursprünglich mal 100 Liter Most. Beim Sedimentieren und beim Filtrieren geht ein bisschen was weg. Wir haben ihn gerade frisch filtriert, jetzt ruht er noch ein bisschen und in rund fünf Wochen kommt er in die Flaschen.

Sie haben den einzigen Eiswein in Deutschland geerntet. Nutzen Sie Ihr Unikat für ein Extrageschäft?

Nein. Der Eiswein wird wie bei uns üblich 40 Euro kosten. Wie gesagt, wir hatten einfach Glück. Wir produzieren aber nicht einfach ins Blaue hinein, wir haben Abnehmer in der Gastronomie und im Handel. Für die Kunden, die direkt bei uns kaufen, ist Eiswein schon etwas Spezielles. Da wird die Flasche gern geschenkt, zum Beispiel zu Weihnachten.

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Erstellt:
25. März 2020, 06:00 Uhr

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