Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Solidarität in der Krise: Tausende wollen helfen

dpa/lsw Stuttgart. Die Corona-Krise bringt zwar viel Leid, offenbart aber auch große Hilfsbereitschaft im Südwesten. Teils gibt es gar nicht genug Arbeit für die vielen Helfer. Dabei werden für manche Aufgaben Ehrenamtliche händeringend gesucht.

Eine Mitarbeiterin der Tafel bereitet Gemüse für die Ausgabe vor. Foto: Patrick Seeger/dpa/Archivbild

Eine Mitarbeiterin der Tafel bereitet Gemüse für die Ausgabe vor. Foto: Patrick Seeger/dpa/Archivbild

Seit Beginn der Corona-Krise wollen Tausende im Südwesten helfen: Die einen nähen Schutzmasken, die anderen erledigen Einkäufe oder Botengänge für Menschen, die zur Risikogruppe zählen. In manchen Bereichen wie der Nachbarschaftshilfe gibt es mehr Freiwillige, als gebraucht werden. In anderen - zum Beispiel bei den Tafeln - werden Helfer dringend gesucht.

„Die Hilfsbereitschaft ist sehr groß“, sagt Paula Isbrecht, die für die Nachbarschaftshilfe Stuttgart den Einsatz der Freiwilligen koordiniert. Das Bewusstsein, dass es in der Nachbarschaft Menschen gibt, die auf Hilfe angewiesen sind, sei gerade sehr ausgeprägt. Die Nachbarschaftshilfe war Mitte März gestartet. Bereits nach etwa einer Woche wurden keine neuen Ehrenamtlichen mehr aufgenommen - es hatten sich bereits 500 gemeldet. „Wir wollten sicherstellen, dass wir den Überblick nicht verlieren“, sagt Isbrecht.

Rund 60 der 500 Freiwilligen habe man mittlerweile an Menschen vermittelt, die Unterstützung brauchen. Die Nachfrage steige stetig. Die meisten Helfer bieten an, Einkäufe oder Botengänge zu erledigen. „Genau das sind glücklicherweise auch die Tätigkeiten, die am meisten angefragt werden“, sagt Isbrecht.

Helferkreise wie die Nachbarschaftshilfe Stuttgart sind seit Beginn der Krise im ganzen Land entstanden. Sie ergänzen das Angebot bereits bestehender Vereinen und Einrichtungen, die sozial arbeiten.

Kommunen wie Stuttgart oder Freiburg haben angefangen, die Verteilung der Helfer zu koordinieren. Sie berichten von „beeindruckender“ Hilfsbereitschaft. „Junge und alte, Einzelpersonen oder in der Gruppe, ohne und mit Migrationshintergrund. Alle wollen sie aktiv werden und Betroffene unterstützen“, sagt eine Sprecherin der Stadt Stuttgart. Sie seien im medizinischen Bereich tätig, würden beim Gassigehen helfen, bei Einkäufen und Botengängen sowie als psychologisch-seelsorgerliche Ansprechpartner. „Nach unserer Einschätzung sind die Bedarfe im Stadtgebiet weitgehend abgedeckt. Es stehen viel mehr Helfer bereit, als im Moment aktuell nachgefragt werden“, sagt die Sprecherin.

Das Sozialministerium bestätigt, dass gerade bei Einkaufs- und Nachbarschaftshilfe das Angebot vielerorts im Land die Nachfrage um ein Vielfaches übersteigt. Dabei werden anderswo Freiwillige gebraucht: Die Tafeln suchen weiter händeringend nach Ehrenamtlichen. Etwa 40 Prozent der 147 Tafeln im Südwesten sind derzeit wegen der Corona-Krise geschlossen. Denn viele Tafeln werden von älteren Ehrenamtlichen geleitet, die in der Corona-Krise zur Risikogruppe zählen.

Es hätten sich zwar bei allen Tafeln viele neue Helfer gemeldet, sagt Udo Engelhardt, der Sprecher der Tafeln Baden-Württemberg. Nicht alle könnten sie aber auch einbinden. Es brauche viel Anleitung und Einarbeitung. „Für ein oder zwei Wochen rentiert sich das in vielen Fällen nicht“, sagt Engelhardt. Gebraucht werden in der nächsten Zeit daher vor allem Helfer, die längerfristig unterstützen können. Der Bedarf könnte laut Engelhardt noch größer werden, wenn Lehrer und Schüler, die in der freien Zeit helfen, wieder zurück in die Schule müssten.

Auch die Pflegeeinrichtungen im Land erleben laut dem Paritätischen Baden-Württemberg einen enormen Zulauf von Freiwilligen. In den Heimen selbst können sie aber kaum eingesetzt werden. Schließlich gibt es seit Wochen Besuchsverbote, bis zum 3. Mai gelten außerdem Ausgangsbeschränkungen für Heimbewohner. Die Freiwilligen würden jetzt helfen, indem sie Masken für das Pflegepersonal und die Bewohner nähten oder kleinere Konzerte und Darbietungen im Garten oder vor den Balkonen der Bewohner veranstalteten, sagt die Vorstandsvorsitzende des Paritätischen, Ursel Wolfgramm.

Hilfe werde jetzt besonders im betreuten Wohnen, in Wohngemeinschaften oder in der Nachbarschaftshilfe gebraucht. Die Arbeit mit den Bewohnern und Patienten ist ohnehin Sache für Profis: „Für die behandlungspflegerischen Tätigkeiten in den stationären Einrichtungen und ambulanten Diensten ist ausgebildetes Personal nötig“, sagt Wolfgramm.

An diesen Fachkräften mangelt es laut Sozialministerium in vielen Bereichen eher als an Freiwilligen. Seit Anfang April können sich ausgebildete Pflegekräfte außer Dienst auf der Plattform #pflegereserve registrieren. Sie sollen dann schnell und unbürokratisch mit medizinischen und pflegerischen Einrichtungen zusammengebracht werden. Bis zum Dienstag hatten sich dort 600 Freiwillige registriert, wie das Sozialministerium mitteilte.

Unterstützung bekommen examinierte Pfleger bereits von rund 1000 Studenten, die einem Aufruf des Wissenschaftsministeriums gefolgt sind und während der Corona-Krise in Krankenhäusern, Gesundheitsämtern oder Laboren helfen. Mehr als 5300 Studenten haben sich laut dem Ministerium bislang freiwillig gemeldet, mehr als ein Fünftel davon sei schon im Einsatz.

Auch das Engagement der Freiwilligendienstleistenden bleibt laut der Diakonie Württemberg groß - selbst wenn ihr jeweiliger Einsatzort schließen musste. Sie unterstützen dann eben woanders: Freiwillige, die bisher in Werkstätten oder Schulen für Menschen mit Behinderungen eingesetzt waren, helfen jetzt zum Beispiel in den Wohngruppen mit. Eine Freiwillige war in der Grundschulbetreuung tätig und hilft nun ehrenamtlich in der Nachbarschaftshilfe, wie die Diakonie mitteilte. Mehr als 70 solcher Wechsel habe es bereits gegeben.

Zum Artikel

Erstellt:
22. April 2020, 06:08 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!