Veränderungen der Darmflora
Spätfolgen: Antibiotika wirken noch Jahre nach
Antibiotika schädigen unsere Darmflora weit länger als gedacht, wie eine Langzeitstudie enthüllt. Die Medikamente hinterlassen noch bis zu acht Jahre lang nachweisbare Veränderungen in der Mikrobenzsammensetzung des Darms.
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Das Darm-Mikrobiom ist ein natürlicher Schutz, das durch Antibiotika gestört werde kann, mit denen bei einer Therapie das Wachstum krankheitserregender Bakterien gehemmt werden soll.
Von Markus Brauer
Der menschliche Darm beherbergt ein dichtes Netzwerk aus Mikroorganismen – insgesamt als Darm-Mikrobiom bezeichnet – das unsere Gesundheit aktiv mitgestaltet. Diese Mikroorganismen helfen bei der Verdauung, trainieren das Immunsystem und schützen uns gegen gefährliche Eindringlinge.
Empfindliches Darm-Mikrobiom
Dieser Schutz kann nicht nur durch Antibiotika gestört werden, mit denen bei einer Therapie das Wachstum krankheitserregender Bakterien gehemmt werden soll. Auch viele Medikamente, die eigentlich nur auf den menschlichen Körper wirken sollen, können das Mikrobiom verändern. Dadurch können Krankheitserreger leichter im Darm wachsen und Infektionen verursachen.
Bakterien in unserem Darm sind weit mehr als nur Verdauungshelfer. Die Zusammensetzung der Darmflora beeinflusst auch unser Immunsystem, unseren Stoffwechsel und Appetit und sogar das Gehirn. So steht ein gestörtes Darm-Mikrobiom im Verdacht, Diabetes, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Parkinson zu fördern.
Haben Antibiotika Spätfolgen?
Welche Rolle spielen dabei Antibiotika? Antibiotika sind verschreibungspflichtige Medikamente, die gezielt gegen bakterielle Infektionen eingesetzt werden, indem sie Bakterien abtöten oder deren Vermehrung hemmen. Sie sind unwirksam gegen Viren.
So weit, so gut. Man weiß aber auch, dass die antibakteriellen Wirkstoffe viele nützliche Mikroben im Verdauungstrakt abtöten. Dadurch sinken Artenvielfalt und Menge der Darmbakterien direkt drastisch. Unklar ist bisher, wie lange diese Folgen anhalten und wie schnell sich die Darmflora wieder erholt.
Schnelle, aber nicht vollständige Regenerierung
Gabriel Baldanzi von der Universität Uppsala in Schweden und seine Kollegen haben diese Fragen mithilfe einer Langzeitstudie untersucht, die im Fachjournal „Nature Medicine“ erschienen ist.
Dafür werteten sie über acht Jahre hinweg Daten zum Gesundheitszustand und zur Antibiotika-Einnahme von rund 15.000 Menschen in Schweden aus. Außerdem analysierten sie Kotproben der Testpersonen, um die Zusammensetzung der Darmflora zu bestimmen.
Das Ergebnis: Hatten die Testpersonen innerhalb eines Jahres vor Entnahme der Kotproben ein Antibiotikum erhalten, war dies an ihrer Darmflora ablesbar. „Bei sechs von elf untersuchten Antibiotika-Klassen war die Einnahme mit einer verringerten Artenvielfalt in mindestens einem Aspekt verknüpft“, berichten die Forscher. Das Darm-Mikrobiom regenerierte nach einer Antibiotikagabe zwar anfangs schnell, aber nicht vollständig.
Das bestätigte sich bei den Testpersonen, deren Antibiotika-Einnahme schon vier bis acht Jahre zurücklag. Zehn bis 15 Prozent der Bakterienarten in ihrem Darm zeigten noch immer veränderte Häufigkeiten und Vielfalt.
„Wir sehen, dass sogar eine acht Jahre zurückliegende Behandlung die Zusammensetzung der Darmflora bis heute beeinträchtigt“, erklärt Baldanzi. „Schon eine einzige Therapie mit bestimmten Antibiotika kann anhaltende Spuren hinterlassen.“
Langzeitfolgen nicht bei jedem Antibiotikum gleich
- Es gint indes große Unterschiede zwischen den einzelnen Antibiotika-Klassen: Die Wirkstoffe Penicillin V, Amoxicillin, Sulfamethoxazol und Trimethoprim hinterlassen kaum längerfristige Spuren im Darm-Mikrobiom.
- Anders sieht es bei den Antibiotika Clindamycin, Flucloxacillin und Fluoroquinolone aus. Bei diesen waren signifikante Veränderungen der Darmflora noch vier bis acht Jahre später nachweisbar.
- Auch das häufig eingesetzte Tetracyclin zeigte – wenn auch geringer – Nachwirkungen.
Gezielterer und effektiverer Einsatz
Die neuen Erkenntnisse können nun dazu beitragen, die langfristigen Folgewirkungen von Antibiotika auf die Darmflora besser einzuschätzen und diese Wirkstoffe künftig gezielter einzusetzen.
„Unsere Resultate können beispielsweise helfen, wenn zwei gleichermaßen effektive Antibiotika zur Wahl stehen“, resümiert Fall. Dann könnten man aufgrund der neuen Informationen den Wirkstoff wählen, der die Darmflora weniger anhaltend schädigt.
