Hilfeschrei aus Kitas: CDU hält Opposition „Alarmismus“ vor

dpa/lsw Stuttgart. In baden-württembergischen Kitas fehlen weiterhin in drastischem Ausmaß Fachkräfte. Die Pandemie hat die Lage noch verschärft, und die Prognosen fallen düster aus. Grün-Schwarz sieht Handlungsbedarf, warnt aber davor, den Erzieherberuf schlechtzureden.

Andreas Stoc spricht während einer Debatte im Plenarsaal des Landtags. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Andreas Stoc spricht während einer Debatte im Plenarsaal des Landtags. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Angesichts des großen Fachkräftemangels in den Kindertagesstätten im Südwesten hat die Opposition im Landtag die grün-schwarze Regierung zum schnellen Handeln aufgefordert. SPD, FDP und AfD kritisierten, Familien und Kinder funkten schon seit Jahren SOS. „Dieser Fachkräftemangel ist nicht vom Himmel gefallen“, sagte der SPD-Bildungsexperte Stefan Fulst-Blei am Donnerstag in Stuttgart. „Man muss bereit sein, Geld in die Hand zu nehmen.“ Es sei nicht hinnehmbar, dass ein Großteil der Kitas die Aufsichtspflicht nicht mehr durchgehend gewährleisten könne. Erzieherinnen trauten sich teilweise nicht mehr, auf die Toilette zu gehen, beklagte der FDP-Abgeordnete Dennis Birnstock.

Nach einer Umfrage des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) hat fast jede Krippe und jeder Kindergarten im Südwesten in den vergangenen Monaten deutlich zu wenig Personal einsetzen können. Bei etwa jeder fünften Kita war der Mangel nach einer neuen Studie bisweilen sogar gravierend. Der Staatssekretär im Kultusministerium, Volker Schebesta (CDU), sagte, die Lage sei sehr stark durch die Corona-Krise geprägt, in der auch Krippen und Kindergärten teilweise geschlossen bleiben mussten. Man habe in den vergangenen Jahren „unglaublich viel Geld“ in die frühkindliche Bildung investiert. Der CDU-Politiker räumte aber zum Fachkräftemangel ein: „Da besteht weiter Handlungsbedarf.“ Die Grünen-Abgeordnete Dorothea Wehinger sagte: „Die Landesregierung kann sich keine neuen Fachkräfte backen.“

Die CDU-Bildungsexpertin Christiane Staab hielt der SPD „Alarmismus“ vor. Es sei natürlich, dass die Kitas in der Corona-Zeit unterbesetzt gewesen seien, da auch Erzieherinnen und Erzieher in Quarantäne mussten. Man dürfe nicht so tun, als sei die Arbeit in einer Kita eine Strafe und keine Bereicherung. „Das führt sicher nicht dazu, die Attraktivität dieses Berufs zu steigern.“ Die CDU wolle zusätzliches Geld lieber in mehr Leitungszeit für Kita-Leiterinnen einsetzen und nicht dafür, die Elternbeiträge zu streichen, wie es die SPD wolle. An die Adresse der Erzieherinnen und Erzieher sagte sie, sie sollten sich bei Problemen lieber an das Landesjugendamt wenden und nicht in einer Umfrage darüber reden, ob nach ihrem Gefühl zu wenig Personal da sei.

Die SPD fordert unter anderem ein Sofortrückkehrprogramm und einen Aufstockungsbonus bei Teilzeit. Zudem müsse die vertragliche Leitungszeit an den tatsächlichen Bedarf angepasst werden. „Aufgaben der Personalmanagements, der pädagogischen Leitung oder der Organisationsentwicklung dürfen nicht zu Einschnitten in der Betreuung der Kinder führen“, fordert die Partei weiter. Notwendig sei zudem eine Kita-Konferenz, bei der „alle Akteurinnen und Akteure der frühkindlichen Bildung“ versuchten, die Betreuungsengpässe zu entschärfen.

Nach der bundesweiten Online-Umfrage des VBE - mit über 2200 Kita-Leitungen aus Baden-Württemberg - mussten 88 Prozent der Kitas in den vergangenen zwölf Monaten zum Teil mit erheblich weniger Personal auskommen, als sie für ihre Aufsichtspflicht benötigen. Rund 18 Prozent der Kita-Leitungen berichteten, dass dies in 40 Prozent der Zeit der Fall war. Überstunden und unsichere Vorgaben in der Corona-Pandemie hätten die Belastung noch gesteigert.

Für Schlagzeilen hatte auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung gesorgt. Demnach wird es in Baden-Württemberg trotz eines deutlichen Personalausbaus in den Kitas schwerfallen, ausreichend Erzieherinnen und Erzieher für die starke Nachfrage in der Kinderbetreuung einzustellen. Bis zum Jahr 2030 müssten die bestehenden Ausbildungskapazitäten fast verdoppelt werden, um den Bedarf kindgerecht zu erfüllen und Kitas auch weiter mit dem heutigen Personalschlüssel auszustatten. Das ist trotz vergleichsweiser guter Zahlen nicht zu schaffen, wie die Analyse deutlich macht, die die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh vorgelegt hat.

In Baden-Württemberg werden nach Angaben des Statistischen Landesamts rund 454 000 Kinder in rund 9300 Einrichtungen betreut. Zwei Drittel der betreuten Kinder waren im vergangenen Jahr im klassischen Kindergartenalter von drei bis unter sechs Jahren. Die Zahl der Beschäftigten lag im März 2020 bei etwa 112 500, davon arbeiteten rund 100 000 als pädagogisches Personal.

© dpa-infocom, dpa:211020-99-670299/4

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Erstellt:
21. Oktober 2021, 02:30 Uhr

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