Spezialfabrikationen brachten Erfolg

Blick in das Archiv von Peter Wolf: Eine kleine mechanische Werkstatt in Cannstatt entwickelte sich nach dem Umzug nach Backnang zur internationalen Maschinenbaufirma Kaelble. Hauptanteilseigner war zeitweise eine libysche Staatsfirma.

Ein Walzenzug auf dem Kaelble-Gelände in Backnang Ende der 1920er-Jahre: Im Hintergrund zeichnet sich das Lehrerseminar ab.

Ein Walzenzug auf dem Kaelble-Gelände in Backnang Ende der 1920er-Jahre: Im Hintergrund zeichnet sich das Lehrerseminar ab.

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. Mit einer kleinen mechanischen Werkstatt, die Gottfried Kälble 1884 in Cannstatt gründete, begann die Laufbahn der späteren Backnanger Maschinenbaufirma Kaelble. Ein Jahr später zog der Gründer mit seiner Frau Caroline in deren Geburtsstadt Backnang in die Wilhelmstraße 44 um. Die dort aufstrebenden Gerbereien versprachen gute Möglichkeiten. Zusammen mit seinen beiden Söhnen Carl und Hermann begann Gottfried Kälble nach der Jahrhundertwende mit der Entwicklung und Herstellung eigener Produkte, unter anderem selbstfahrende Motorbandsägen, Straßenzugmaschinen und Lastwagen, heißt es im Backnang-Lexikon.

Die Söhne übernahmen 1908 die Firma und wandelten sie unter dem Namen Carl Kaelble OHG in ein modernes Industrieunternehmen um. Die Schreibweise hatte man geändert, um sich an den internationalen Markt anzupassen. Carl Kaelble, der ein Studium an der Baugewerkschule in Stuttgart absolviert hatte, übernahm die technische Leitung, während Hermann für die kaufmännischen Angelegenheiten zuständig war, schreibt der spätere Kaelble-Mitarbeiter Erwin Fink in seinem Buch „Eine schwäbische Firma. Geschichtliches und Hintergründiges aus über 100 Jahren Firma Kaelble in Backnang“. Die Söhne führten im Sinne ihres Vaters die Fabrik weiter, bauten sie im Laufe der nächsten Jahre ständig aus und erkannten bald den Wert der Spezialfabrikationen.

Im Jahr 1952 erhielt Carl Kaelble das große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.

Die Firma Kaelble konstruierte Neuheiten auf dem Gebiet der fahrbaren Arbeitsmaschinen und im Motorenbau, die auf dem Weltmarkt raschen Absatz fanden. Insbesondere waren dies Autosteinbrecher zur Erzeugung von Straßenschotter, Motorwalzen, Motorsägen und Motorlokomobile. Ein Motorsteinbrecher wurde etwa beim Wiederaufbau von Messina eingesetzt, das bei einem großen Erdbeben 1908 zerstört worden war. Im Jahr 1939 beschäftigte die Carl Kaelble GmbH bereits 550 Mitarbeiter, heißt es im Backnang-Lexikon weiter. 1942 übernahm man die Lokomotiven- und Maschinenfabrik Gmeinder&Co. GmbH in Mosbach, an der Kaelble bereits seit 1925 Teilhaber war. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Kaelble im Bereich der Lastkraftwagen, Zugmaschinen und Schaufellader weitere Meilensteine im Fahrzeugbau setzen.

Über „Chef Carl“ hat Erwin Fink einige Eigenarten zu berichten. Etwa, dass er die Angewohnheit hatte, jeden mit „du“ anzureden, aber es sei streng untersagt gewesen, dasselbe in umgekehrter Richtung zu tun. Seinem Fahrer Ernst habe der Chef ab und zu den Auftrag erteilt, ihn zum Vespern ins Remstal zu fahren, und manchmal aß Carl Kaelble dann nur eine Schwarze Wurst, plaudert Fink aus dem Alltag der schwäbischen Firma. In einer Anekdote wird erzählt, dass Carl Kaelble von seinem Gärtner, der die Arbeiten in seinem Garten erledigte, wissen wollte, ob er ihm nicht zu viel dafür bezahle. Die Antwort habe gelautet: „l ben a alte Kuah ond ka koi Kälble meh verhalta.“ Im Jahr 1952 erhielt Carl Kaelble das große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und die Ehrenbürgerschaft der Stadt Backnang. Er starb 1957 im Alter von 80 Jahren. Nach seinem Tod wurde eine Straße, die von der Maubacher Straße abzweigt, nach ihm benannt. Inzwischen war die Unternehmensleitung in die dritte Generation übergegangen, die 1956 die Mehrheit an der Feuerlöschgerätefabrik Carl Metz GmbH in Karlsruhe übernahm, informiert das Backnang-Lexikon weiter.

1961 waren in der Kaelble-Gruppe insgesamt 2500 Mitarbeiter beschäftigt, davon allein 1150 in Backnang. Sie arbeiteten nicht nur in den Fabrikanlagen in der Wilhelmstraße (Werk I), sondern auch im 1960 eröffneten Reparatur- und Ersatzteilwerk (Werk II) an der Bundesstraße 14. Nach der Einstellung der Produktion von Lastkraftwagen widmete sich Kaelble ab 1965 der Herstellung von Spezialfahrzeugen, wie etwa Schneefräsen, Amphibien- oder Mülldeponiefahrzeugen. Auf der Suche nach neuen Absatzmärkten wandte man sich ab Mitte der 1970er-Jahre verstärkt dem Nahen und Mittleren Osten zu.

1983 wurde die libysche Staatsfirma Lafico Mehrheitsgesellschafter bei Kaelble. Seit Mitte der 1980er-Jahre fertigte man fast nur noch Radlader und Muldenkipper, die auf dem deutschen Markt schwer abzusetzen waren. Dies führte zu einer zunehmenden Verschlechterung der finanziellen Situation. Ende 1985 veräußerte man das alte Werk I in der Wilhelmstraße und konzentrierte sich mit 350 Mitarbeitern auf das Werk II.

Die Abhängigkeit von Libyen, das zum Schluss 97 Prozent der Anteile an Kaelble hielt, sollte sich spätestens nach dem Handelsembargo der westlichen Welt gegenüber dem arabischen Staat in Folge des Lockerbie-Attentats vom 21. Dezember 1988 als verheerend erweisen, sodass im Januar 1996 das Konkursverfahren eingeleitet werden musste, wie das Backnang-Lexikon weiter informiert. Ein Jahr später konnte das Reparatur- und Ersatzteilgeschäft unter dem Namen Kaelble Baumaschinen, Reparatur- und Servicegesellschaft mbH weitergeführt werden. Allerdings musste die Firma 2002 wieder Insolvenz anmelden. Zwar übernahm der amerikanische Baumaschinenkonzern Terex das Unternehmen, verlegte jedoch Ende 2004 die Produktion nach Norddeutschland. Heute erinnern in Backnang noch verschiedene Maschinen im Technikforum im ehemaligen Kaelble-Areal an das traditionsreiche Maschinenbauunternehmen.

Mitarbeiter präsentieren die erste eigene Motorentwicklung 1903 mit Gottfried Kaelble (rechts) und Carl Kaelble (links).

Mitarbeiter präsentieren die erste eigene Motorentwicklung 1903 mit Gottfried Kaelble (rechts) und Carl Kaelble (links).

Stammhaus der Firma Kaelble mit Steinbrechern 1917. Sie wurden bereits 1908 nach dem Erdbeben in Messina eingesetzt. Repros: P. Wolf

Stammhaus der Firma Kaelble mit Steinbrechern 1917. Sie wurden bereits 1908 nach dem Erdbeben in Messina eingesetzt. Repros: P. Wolf

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Erstellt:
26. Februar 2021, 06:00 Uhr

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