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Spielerisch Deutsch lernen

In der Vorbereitungsklasse macht Matthias Maier seine Schüler aus zwölf verschiedenen Nationen fit für den Schulunterricht und fördert die Integration

Seit fünf Jahren unterrichtet Matthias Maier an der Gemeinschaftsschule in der Taus die Internationale Vorbereitungsklasse. Hier lernen ausländische Kinder die deutsche Sprache und Kultur und werden nach und nach in den Regelunterricht eingegliedert. Den Integrationsprozess zu begleiten und zu fördern ist für Maier trotz mancher Herausforderung eine Bereicherung.

Wer ist am größten? In interaktiven Übungen lernen die Schüler im Unterricht von Matthias Maier die Komparation. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Wer ist am größten? In interaktiven Übungen lernen die Schüler im Unterricht von Matthias Maier die Komparation. Fotos: A. Becher

Von Lorena Greppo

BACKNANG. Heute geht es um Vergleiche. Vier Schüler kommen an die Tafel vor und erhalten Schilder, die Aussagen über ihre Körpergröße treffen. „Ich bin am größten“ steht beispielsweise darauf. Den Mitschülern fällt dann die Aufgabe zu, die Schilder so auszutauschen, dass die Aussagen stimmen. „Input“ nennt sich dieser Teil der Unterrichtsstunde. Lehrer Matthias Maier vermittelt seinen Schülern das Grundprinzip der Vergleiche, später wenden sie dieses in Übungen an. In der Internationalen Vorbereitungsklasse (VKL) sind derzeit 24 Schüler aus zwölf Ländern vertreten. Das bedeutet vor allem eines: Heterogenität. Nicht nur was den kulturellen Hintergrund angeht, sondern auch das Bildungsniveau. Ziel der VKL ist es, die Schüler auf das Sprachniveau B2 zu bekommen, sodass sie dem Regelunterricht in der Gemeinschaftsschule folgen können. Daher ist zwischen B1 und gar keinen Deutschkenntnissen alles möglich. Gar nicht so einfach, da einen Unterricht abzuhalten, der allen gerecht wird.

„Ich erlebe das als Herausforderung“, sagt Matthias Maier. Er behilft sich, indem er die Klasse in drei Gruppen aufteilt. Das bedeutet einerseits, dass er nicht mehr individuell auf jeden Schüler eingehen könne. Gleichzeitig arbeiten die Jugendlichen auch mehr eigenverantwortlich. Die Fortgeschrittenen nehmen etwa die Sprachspiele zur Hand, mit denen sich verschiedene Ausdrucksweisen üben lassen. Hamid und Alex spielen „Wer ist es?“. Hierbei sucht sich ein Spieler unter 24 Gesichtern eines aus. Der andere muss durch geschicktes Fragen herausfinden, welche Person gemeint ist. Dabei werden auch neue Vokabeln erprobt. „Wie heißt das, was sich Frauen auf die Lippen machen?“, fragt Alex. Nach kurzem Überlegen fällt es ihm ein und er fragt: „Hat die Person Lippenstift drauf?“

Oft ist im Unterricht noch viel Basisarbeit zu leisten

Nicht immer klappt das eigenständige Arbeiten so gut, denn gerade bei den blutigen Anfängern ist viel Betreuung nötig. Hinzu kommt, dass aktuell einige der Schüler nicht richtig alphabetisiert sind. „Die Alphabetisierung müsste eigentlich in einer eigenen Klasse erfolgen“, so Maier. Denn diese im Kontext des Spracherwerbs zu leisten, erschöpfe seine Kompetenzen. Kurz mal eine Vokabel im Wörterbuch nachzuschlagen geht in solchen Fällen schließlich nicht. Es gelte dabei auch, noch viel Basisarbeit zu leisten. „Manche Kinder waren noch nie in der Schule. Sie wissen nicht, wie man einen Stift richtig hält oder ein Blatt im Ordner abheftet.“ Im vergangenen Schuljahr seien es nur zwei Schüler gewesen, die nicht lesen und schreiben konnten, erzählt Maier. Derzeit treffe dies auf ein Drittel seiner Klasse zu.

Schon allein der Schulbesuch ist manchmal eine Herausforderung: „Es steht und fällt mit dem Elternhaus“, weiß Maier. Auch hier erlebt er die ganze Bandbreite. Der Vater eines Schülers ist Ingenieur, hat den Umzug seiner Familie und den Schulbesuch seines Sohnes gründlich vorbereitet und spricht selbst gut Deutsch. Mit ihm habe sich das halbjährliche Elterngespräch sehr konstruktiv gestaltet. Bei anderen Schülern benötigt Maier einen Dolmetscher und wenn die Eltern selbst keine Schulbildung erfahren haben, fehlt ihnen die Grundlage für einen erfolgreichen Austausch.

Schwierig werde es auch, wenn die Jugendlichen erst im Alter von 14 Jahren kommen, sagt der Lehrer. Das Ziel, sie innerhalb eines Jahres nicht nur in Deutsch fit zu machen, sondern gleich zu einem – in diesem Alter angestrebten – Schulabschluss zu führen, sei nicht realistisch. „Vorgesehen ist, nach einem halben Jahr das Sprachniveau um eine Stufe zu steigern“, erklärt Maier. Sprich, in anderthalb Jahren zu B2 zu kommen. Nicht allen Schülern gelingt das – obwohl sie zweimal die Woche Input-Stunden haben, dazu entsprechende Aufgaben bekommen und freitags Kompetenztests machen. Matthias Maier wäre es am liebsten, seine Schüler hätten auch Nachmittagsunterricht. „Um eine Sprache so zu lernen, dass ein Schulabschluss möglich ist, ist es zu wenig“, findet er. Alex bezeichnet sich selbst als „Opa der Klasse“. Er ist im dritten Jahr in der VKL, gehört nun zu den Fortgeschrittenen. Mit dem Hausaufgabenmachen war er nicht immer so hinterher, räumt er ein. Deswegen hat es nicht in der Regelzeit geklappt mit dem Abschluss der VKL. Anda hingegen ist erst seit fünf Monaten in der Klasse, lernt aber fleißig und ist nun schon in der A-2-Gruppe. Hiva schreibt gerade ihren letzten Test – 14 Seiten mit verschiedenen Aufgaben. Besteht sie diesen, wechselt die junge Syrerin in die „normale“ 8. Klasse. Momentan besucht sie diese schon für einige ausgewählte Fächer. Ein bisschen nervös sei sie schon, gibt sie zu. Schließlich war die VKL ein geschützter Raum. Und Deutsch lernen ist eine Sache, aber hier in Backnang und Umgebung kommt noch der Dialekt hinzu. „Herr Schulze spricht Schwäbisch, ihn verstehe ich nicht so gut“, räumt Alex ein.

Für die VKL gibt es von offizieller Seite nur einen Orientierungsrahmen. „Wir sind noch weit davon entfernt, einen richtigen Lehrplan zu haben, wie es ihn in den anderen Klassen gibt“, sagt Maier. Zwar gebe es die Klassen seit den 90er-Jahren, bis vor wenigen Jahren seien sie aber noch ein Brachland gewesen, was Konzeption und Material angeht. Da habe sich seit 2015 viel getan. Maier hat sich darauf spezialisiert, Deutsch als Fremdsprache zu lehren. Das ist aber nicht bei allen Lehrkräften so. Weil aber der Bedarf seit 2015 groß sei, übernähmen auch Kollegen ohne die entsprechende Zusatzqualifikation den Unterricht.

Für Matthias Maier ist die Integrationsarbeit eine bereichernde Erfahrung. Er vermittelt den Schülern nicht nur die Sprache, sondern bringt ihnen auch deutsche Eigenarten bei. Einmal im Monat gibt es einen Ausflug. Hamid und Alex waren vom Fernsehturm in Stuttgart begeistert, Anda hat besonders das Schlittschuhlaufen gefallen. „Es ist sehr schön zu sehen, wenn jemand, der neu angekommen ist, es schafft, sich auszudrücken und seine Bedürfnisse mitzuteilen.“ Er begleite und fördere den Integrationsprozess gern. Einige seiner ehemaligen Schüler besuchen derzeit die Klassen 9 und 10 und machen ihren Schulabschluss – „als völlig gleichgestellte Schüler“.

In kleineren Gruppen arbeiten die Schüler an Aufgaben. Hier bringen sie die Steigerungsformen einzelner Adjektive in die richtige Reihenfolge.

© Alexander Becher

In kleineren Gruppen arbeiten die Schüler an Aufgaben. Hier bringen sie die Steigerungsformen einzelner Adjektive in die richtige Reihenfolge.

Info

ln den Vorbereitungsklassen (VKL) werden schulpflichtige Kinder und Jugendliche bis zu einem Lebensalter von 15 Jahren sprachlich so gefördert, dass sie schnellstmöglich erfolgreich am Unterricht der Regelklassen teilnehmen können, teilt das Staatliche Schulamt mit.

In Backnang bieten neben der Gemeinschaftsschule in der Taus nur die Mörikeschule, die Plaisirschule und die Schillerschule entsprechende Klassen an. „Andere Schulleiter ducken sich da weg“, wirft Tausschulleiter Jochen Nossek ihnen vor. Im Verbreitungsgebiet unserer Zeitung gibt es zudem VKL-Unterricht in Weissach im Tal, Sulzbach an der Murr, Murrhardt und Kirchberg an der Murr.

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Erstellt:
17. März 2020, 06:00 Uhr

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