Spinnenartiger Kletterkünstler

Ein Schreitbagger aus Österreich verlegt im steilen Waldterrain zu den Sulzbacher Teilorten Wasser- und Stromleitungen

Auf dem letzten Bauabschnitt der Trinkwasser- und Stromleitung zwischen Schleißweiler und den Bergteilorten quert die Leitung zwischen Eschenstruet und Liemannsklinge die steile Klinge des Hüttenbachs. Für diese schwierige Strecke wurde eigens ein sogenannter Steig- oder Schreitbagger aus Österreich angefordert. Eine Delegation des Stromversorgers Süwag und Bürgermeister Dieter Zahn machten sich vor Ort ein Bild von den aufwendigen Arbeiten.

Joel Wachter aus Vorarlberg ist ein Experte auf dem Steigbagger. Bei seiner Tätigkeit im steilen Gelände muss jeder Handgriff sitzen. Foto: U. Gruber

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Joel Wachter aus Vorarlberg ist ein Experte auf dem Steigbagger. Bei seiner Tätigkeit im steilen Gelände muss jeder Handgriff sitzen. Foto: U. Gruber

Von Ute Gruber

SULZBACH AN DER MURR. Wie eine Fledermaus klammert sich der blaue Kletterbagger kopfunter an die Steilwand. Mit seinem langen, gelben Arm holt er weit nach unten aus, fasst eine Schaufel voll loser Erde, dreht sich elegant um die eigene Achse und füllt damit weit oben den tiefen Graben mit den neuen Leitungen. Jetzt muss er weiter nach oben klettern: Der lange Greifarm mit der einge-klappten Schaufel stützt das tonnenschwere Gerät nach unten ab wie ein zusätzlicher Fuß, dann werden nacheinander teleskopartig die beiden Pratzen eingezogen, die den Bagger nach unten gesichert haben. Die kettenbewehrten Räder ziehen das Gefährt ein paar Meter nach oben und verdichten dabei zugleich die Erde über den Rohren. Wenn’s gar zu gefährlich wird, kommt die Seilwinde am Bauch des spinnenartigen Kletterkünstlers zum Zug. Deren Stahlseil kann oberhalb an einem Baum oder an einem Anker im Fels festgemacht werden. Die Löcher dafür bohrt er selber mit einem gewaltigen Steinmeißel.

Jetzt bohren sich die Stützpratzen wieder in den Boden und der Zusatzfuß wird wieder zur Baggerschaufel. Zuletzt streicht er mit dem Schaufelrücken sanft die Oberfläche glatt und streut zärtlich etwas Humus und Laub darüber. Waldboden – wie wenn nichts gewesen wär.

Spezialmaschine ist überall da im Einsatz, wo normale Kettenbagger nichts mehr ausrichten können

Atemlos haben die zehn Gäste den Cliffhanger bei der Arbeit verfolgt. Als sie jetzt zum Gruppenfoto vor dem Kletterkünstler posieren, geht auch der Star mit stolz eingerollter Schaufel in Fotostellung. Dann steigt ein blutjunger Bursche aus dem Führerhäuschen und gesellt sich zu den illustren Gästen. „Servus“, grüßt Joel Wachter und beantwortet all die neugierigen Fragen zu seinem Wundergerät: Aus dem Montafon komme er, aus Vorarlberg also in den österreichischen Alpen. Drei solcher Steigbagger besitze sein Chef, Erdbau Rainer Wachter mit Namen. Aber nicht direkt verwandt, „bei uns gibt es nur wenige Nachnamen“. Folge der früher abgeschnittenen Alpentäler.

In der Silvretta ganz oben sei er sonst im Einsatz: „Skilifte einbauen, Beschneiungsanlagen, Lawinenverbauungen, Wasser- und Stromleitungen – überall da, wo normale Kettenbagger nichts mehr ausrichten können.“ Ja, da sei es einem schon manchmal mulmig, so hoch oben an der Felswand im Muck, wie er seinen Bagger nennt – mit dem Tal weit unter sich. Da sei doch die Arbeit hier im Schwäbischen Wald die reinste Erholung. „Hier geht es ja nur ein paar Meter runter.“ Genau genommen: zehn. „Was, nach Deutschland?!“, hätten ihn seine Kollegen auch erstaunt gefragt, „was machst du da? Da ist doch alles flach!“ Naja, doch nicht ganz alles.

„Da oben muss jeder Griff sitzen. Intuitiv.“ Und dann erläutert er die Steuerung seiner Krake, in der er selbst in jeder Lage waagrecht sitzt: Links und rechts einen Joystick habe er, „an jedem drei Poti“, sprich Hebelchen und für alles zwei Ebenen. Macht zusammen 34 Funktionen. Dazu noch ein paar Pedale und Steuerhebel. Und das alles intuitiv... Eine Ausbildung brauche man nicht dafür, „nur Mut“. Das müsse man halt nach und nach lernen. Von der Idee, mal kurz ein bisschen Bagger zu fahren, haben die technikbegeisterten Zuschauer ohnehin längst Abschied genommen. Dann lassen die hohen Herren die Bauexperten weiterarbeiten und steigen schwer beeindruckt den feuchten Gegenhang wieder hinauf.

Info
Stromunternehmen investiert für Leitungsverlegungen 750000 Euro in Sulzbach

Die Delegation bestand aus Thomas Ruoff, Geschäftsführer Kawag Netze, und den Syna-Mitarbeitern Michael Kronmüller, Dietmar Lenz (Leitung Netzplanung) und Michael Meyle (regionaler Standortleiter der Süwag Energie AG).

Die Süwag Energie AG ist eine Aktiengesellschaft mit kommunaler Beteiligung. Das knapp 5200 Quadratkilometer umfassende Versorgungsgebiet der Süwag und ihrer Tochterunternehmen verteilt sich auf vier Bundesländer: Hessen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bayern. Sie ist multiregional aufgestellt und mit zahlreichen Standorten nah an ihren Kunden. Die Süwag beschäftigt 1700 Mitarbeiter und bildet jährlich rund 100 Auszubildende aus.

In Kooperation mit der Gemeinde nutzt der Stromanbieter die Gelegenheit, die Freileitung zugleich mit der neuen Trinkwasserleitung unter die Erde zu bringen. Mit gebührendem Abstand versteht sich. „So eine günstige Gelegenheit lassen wir uns nicht entgehen“, sagt Thomas Ruoff von der Kawag, die 2018 rund 5,4 Millionen Euro in den Erhalt und Ausbau der kommunalen Netze investiert hat. Auch 2019 werden wiederum 750000 Euro in Sulzbach investiert. Zudem fließen etwa 300000 Euro in das Stromnetz in Aspach, Burgstetten, Kirchberg an der Murr sowie Weissach im Tal.

Zwischen Zwerenberg und Liemannsklinge wird die Stromleitung in den Bergteilorten also in Zukunft unterirdisch verlaufen. Stromausfälle durch umstürzende Bäume gehören auf dieser Strecke damit der Vergangenheit an. Freilich muss die Leitung für Notfälle zugänglich bleiben, sie darf nicht überbaut und der Bewuchs muss niedrig gehalten werden. Die Grundbesitzer erhalten für die Bauzeit und für Ertragsverluste unbürokratisch eine Entschädigung von der Gemeinde. Die Baufirma Gebrüder Eichele aus Abtsgmünd hat die Überlandleitungen inzwischen weitgehend verlegt, bis zur Inbetriebnahme fehlen nur noch Details.

Bereits vor vier Jahren war beim anspruchsvollen Wasserleitungsbau in Murrhardt bei Käsbach ein Steigbagger im Einsatz. Wie heute hatte auch damals das Ingenieurbüro Riker und Rebmann die Bauleitung.

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Erstellt:
12. Dezember 2018, 06:00 Uhr

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