Profaner Grund statt paranormaler Geister

Spukt es? Warum wir uns in alten Häusern gruseln

Unheimliche Stimmung in alten Häusern hat weniger mit Fantasie als mit Physik zu tun. Forschern zufolge kann Infraschall aus alten Heizungsrohren oder Lüftungen Stressreaktionen auslösen. Das könnte erklären, warum wir uns in dunklen Kellern und Fluren so oft gruseln.

Für Anhänger des Paranormalen können unheimliche Empfindungen in alten Gebäuden ein Hinweis auf umherirrende Geister sein. Doch eine neue Studie deutet auf eine viel profanere Erklärung hin.

© Imago/Everett Collection

Für Anhänger des Paranormalen können unheimliche Empfindungen in alten Gebäuden ein Hinweis auf umherirrende Geister sein. Doch eine neue Studie deutet auf eine viel profanere Erklärung hin.

Von Markus Brauer

Haben Sie auch schon mal einen Ort betreten, der sich unheimlich anfühlte? Für Anhänger des Paranormalen können unheimliche Empfindungen in alten Gebäuden ein Hinweis auf umherirrende Geister sein. Eine übernatürliche Erklärung mag spannend erscheinen, doch es könnte auch einen anderen Grund geben, warum es Ihnen plötzlich eiskalt über den Rücken läuft. Eine neue Studie deutet auf eine viel profanere Erklärung hin.

Was verursacht Grusel-Gefühle?

Gruselige Gefühle in alten Häusern können durch unhörbare Geräusche von alten Rohren, Lüftungsanlagen und Heizkesseln verursacht werden, wie Forscher jetzt herausgefunden haben. Dieser sogenannte Infraschall kann das Wohlbefinden durchaus beeinträchtigen.

„Infraschall erzeugt möglicherweise ein leichtes körperliches Unbehagen, an das sich dann eine Geister- oder Spuk-Erklärung anknüpfen kann“, erklärt Rodney Schmaltz, Psychologe an der MacEwan University in Kanada, der untersucht, warum Menschen an pseudowissenschaftliche und paranormale Behauptungen glauben.

Experiment in der Geisterbahn

Jemand, der nicht an Geister glaubt, würde diese Empfindung wahrscheinlich auf das stickige und ungemütliche Gemäuer zurückführen, erklärt MacEwan. „Für jemanden, der bereits darauf vorbereitet ist, könnte es sich wie ein Beweis für einen Geist oder eine Präsenz anfühlen.“

Für ihre Studie hatten Schmaltz und sein Team in der Geisterbahn von Edmonton ein Experiment durchgeführt, um herauszufinden, ob das Abspielen von Infraschall bei den Besuchern Angst auslöst. Da die Ergebnisse nicht eindeutig waren, führte das Team weitere Tests durch.

  • Zur Info: Alle Töne unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsschwelle – etwa 20 Hertz oder darunter – werden als Infraschall bezeichnet. Diese Töne besitzen die bemerkenswerte Fähigkeit, Hindernisse zu durchdringen, ohne sich zu dämpfen, weshalb ihr Einflussbereich weitreichend ist. Infraschall ist auch in neueren Gebäuden weit verbreitet. Er entsteht durch Verkehr, Industriemaschinen und Lüftungsanlagen – allesamt Bestandteile des modernen Lebens.

Was sind Infraschall-Phänomene?

Die im Fachjournal „Frontiers in Behavioral Neuroscience“ veröffentlichte Analyse zeigt, wie Infraschall-Phänome einen sehr realen Einfluss auf den Stresspegel und die Reizbarkeit von Menschen haben – zumindest kurzfristig. „Stellen Sie sich vor, Sie besuchen ein angeblich von Geistern heimgesuchtes Gebäude. Ihre Stimmungslage ändert sich, Sie fühlen sich unruhig, aber Sie können nichts Ungewöhnliches sehen oder hören“, erläutert Schmaltz.

„In einem alten Gebäude ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Infraschall vorhanden ist, insbesondere in Kellern, wo alternde Rohre und Lüftungsanlagen niederfrequente Vibrationen erzeugen“, fährt der Forscher fort. „Wenn man Ihnen sagte, das Gebäude sei verflucht, würden Sie diese Unruhe vielleicht auf etwas Übernatürliches zurückführen. In Wirklichkeit könnten Sie aber einfach nur Infraschall ausgesetzt gewesen sein.“

Infraschall kann von alten Rohren und Maschinen erzeugt werden – daher die Verbindung zu Spukhäusern –, aber auch von natürlichen Quellen wie Stürmen, Erdbeben, Vulkanen und Polarlichtern ausgehen. Manche Tiere nutzen Infraschall sogar zur Kommunikation und Navigation.

Probanden fühlten sich plötzlich gereizter und genervter

Im Experiment hörten 36 Freiwillige entweder beruhigende Instrumentalmusik oder die Art von unheimlicher Musik, die in Geisterbahnen gespielt wird. Die Hälfte der Zeit spielten die Forscher, ohne dass die Teilnehmer es wussten, zusätzlich Infraschall über versteckte Subwoofer ab – monofone Lautsprecherboxen, die für die alleinige Wiedergabe tieffrequenter Schallwellen optimiert sind.

Die Probanden konnten nicht feststellen, wann der Infraschall eingeschaltet war. Tests ergaben jedoch, dass sie sich gereizter und genervter fühlten, die Musik als trauriger bewerteten und einen höheren Cortisolspiegel im Speichel aufwiesen, sobald der Infraschall eingeschaltet war.

„Ob sie nun beruhigende Instrumentalmusik oder etwas Beunruhigenderes hörten, der Infraschall veränderte ihre Stimmung und ihre Stressreaktion negativ“, berichtet Schmaltz. „Man kann Infraschall nicht hören, aber der Körper und die Stimmung reagieren trotzdem darauf, und diese Reaktion ist in der Regel unangenehm.“

Vages Unbehagen in Spukhäusern

Schmaltz vermutet, dass Infraschall zu dem „vagen Unbehagen“ beitragen kann, das manche Menschen in Häusern empfinden, die sie für Spukhäuser halten. „Sie wissen höchstwahrscheinlich nicht, was Infraschall ist, aber man hat ihnen gesagt, dass sie sich an einem Spukort befinden. Deshalb schreiben sie das Gefühl der Irritation einem Geist zu, anstatt den alten, tief dröhnenden Rohren im Keller.“

Nach der Hör-Session füllten die Teilnehmer einen Fragebogen aus, in dem sie angaben, wie die Musik auf sie gewirkt hatte. Die Teilnehmer, die Infraschall ausgesetzt waren, berichteten von gesteigerter Reizbarkeit und Unwohlsein und empfanden die Musik als trauriger – selbst wenn sie zuvor beruhigende Musik gehört hatten. Sie konnten nicht feststellen, ob die subsonischen Schwingungen vorhanden waren oder nicht.

  • Zur Info: Subsonisch (auch Unterschall-) bedeutet, dass sich ein Objekt oder eine Strömung mit einer Geschwindigkeit unterhalb der Schallgeschwindigkeit bewegt.

Außerdem gaben sie vor und nach der Session Speichelproben ab, anhand derer die Forscher den Cortisolspiegel, einen Biomarker für Stress im menschlichen Körper, bestimmten.

  • Zur Info: Cortisol – auch Hydrocortison genannt – ist ein lebenswichtiges Steroidhormon aus der Nebennierenrinde, das den Stoffwechsel reguliert, entzündungshemmend wirkt und als Hauptstress-Hormon den Körper in Belastungssituationen aktiviert.

Was der Cortisolspiegel mit Gruseln zu tun hat

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass bereits eine kurze Exposition die Stimmung verändern und den Cortisolspiegel erhöhen kann. Dies unterstreicht die Wichtigkeit, zu verstehen, wie sich Infraschall auf Menschen in realen Situationen auswirkt“, erklärt Schmaltz.

Frühere Experimente ließen bereits vermuten, dass Infraschall eine emotional gefrierende Wirkung haben könnte. Die neue Studie fügt jedoch den Zusammenhang mit Cortisol hinzu, dessen Spiegel in Gegenwart von Infraschall signifikant anstieg.

„Gesteigerte Reizbarkeit und ein höherer Cortisolspiegel hängen zusammen, denn wenn sich Menschen gereizter oder gestresster fühlen, steigt der Cortisolspiegel tendenziell als Teil der normalen Stressreaktion des Körpers an“, erläutert Kale Scatterty, Verhaltensneurowissenschaftler an der Universität von Alberta. „Doch die Infraschallbelastung hatte Auswirkungen auf beide Ergebnisse, die über diesen natürlichen Zusammenhang hinausgingen.“

Instinkte wollen uns schützen

Es ist normal, dass der Cortisolspiegel von Zeit zu Zeit erhöht ist. Als Stresshormon soll er uns vor potenziellen Gefahren warnen, damit wir reagieren können. Es gibt Theorien, wonach einige Tiere auf den Infraschall von Naturereignissen wie Erdbeben und Tsunamis reagieren, bevor die eigentliche Katastrophe eintritt.

Vielleicht gibt es einen ähnlichen Grund, warum Menschen so negativ auf Infraschall reagieren: Es könnte etwas sein, das wir instinktiv zu unserem eigenen Schutz meiden.

„Diese Studie war in vielerlei Hinsicht ein erster Schritt zum Verständnis der Auswirkungen von Infraschall auf den Menschen“, resümiert Scatterty. „Bisher haben wir nur eine bestimmte Frequenz getestet. Es könnten viele weitere Frequenzen und Kombinationen mit jeweils eigenen differenziellen Wirkungen existieren.“

Info: Die Welt des Paranomalen

Reiz des Unheimlichen Das Paranormale begeistert Menschen jeden Alters und bietet Nervenkitzel. Gruselgeschichten und das Paranormale üben seit jeher eine besondere Faszination aus. Der Reiz des Unheimlichen ist allgegenwärtig. Dabei haben paranormale Phänomene profane Ursachen. Für unerklärliche Energiefelder sind oft marode Stromleitungen verantwortlich. Klopfgeräusche stammen von Mäusen und nicht von Poltergeistern. Beliebt bei Spuk-Anfälligen sind „cold spots“ (kalte Luftzüge): Ein plötzlicher Temperaturabfall soll auf die Anwesenheit eines Geistes hindeuten, der seiner Umgebung Wärme entzieht.

Nervenkitzel Ein wichtiger Aspekt beim Gruseln ist der Nervenkitzel, den das Unbekannte bietet. Hat der Mensch doch seit jeher versucht, seine Umwelt zu verstehen und zu erklären. Phänomene, die sich nicht rational fassen lassen, eröffnen eine Welt voller Geheimnisse und Spekulationen. Für viele ist der Gruselspaß zudem eine sichere Möglichkeit, sich mit Ängsten auseinanderzusetzen, ohne dabei in reale Gefahr zu geraten. Horrorfilme und Geistergeschichten setzen in uns Adrenalin frei, während wir gleichzeitig wissen, dass wir in einem geschützten Umfeld sind. Diese kontrollierte Angst erlaubt es uns, Emotionen wie Spannung und Erleichterung intensiv zu erleben.

Kultur Ein weiterer Faktor ist die kulturelle Bedeutung des Paranormalen. Mythen und Legenden über Geister, Hexen und übernatürliche Phänomene sind Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Sie verbinden dabei Generationen und dienen oft als moralische Geschichten oder Erklärungen für das Unerklärliche.

Anomalistik Anomalien sind Abweichungen von der Regel, Beobachtungen, die der Wissenschaft und dem gesunden Menschenverstand widersprechen. Die Anomalistik wendet nach eigener Aussage wissenschaftliche Methoden an, um rationale Erklärungen für das Paranormale zu finden.

Geisterflecken Esoteriker sehen darin paranormale Erscheinungen, in denen sich die Seelen Verstorbener widerspiegeln. Tatsächlich fotografiert man unscharfe Gegenstände wie Staubpartikel, die bei Aufnahmen mit Blitzlicht sichtbar werden.

Parapsychologie Paranormal heißen Phänomene, die von der Normalität abweichen und nicht wissenschaftlich erklärbar sind. Umgangssprachlich wird der Begriff oft gleichgesetzt mit außer- und übersinnlich. Die Parapsychologie will paranormale Phänomene beschreiben und erklären. Der Begriff wurde 1889 vom deutschen Philosophen Max Dessoir geprägt. Unterschieden werden mentale und paraphysische Sachverhalte.

• Mentale Sachverhalte umfassen Telepathie (Gedankenlesen) und Psychometrie (Hellsehen).

• Unter paraphysischen Sachverhalten versteht man die geistige Beeinflussung der Umwelt ohne direkten Kontakt durch Telekinese (Bewegung von Gegenständen durch geistige Einwirkung), Materialisation (Erscheinen von Gestalten durch Elektroplasma, das aus einem unter Trance stehenden Medium austritt), Spuk und Levitation (Schweben von Personen, Gegenständen).

PSI Dieser Buchstabe aus dem griechischen Alphabet wird als Überbegriff für parapsychologische Phänomene verwendet. Psi ist der Anfangsbuchstabe des Wortes Psyche (griechisch für Seele). Er bezeichnet oft eine unbekannte Kraft, die sich hinter paranormalen Phänomenen verbergen könnte.

Spuk Bei nicht erklärbaren Erscheinungen unterscheidet man zwischen ortsgebundenem Spuk, der Jahrhunderte andauern kann, und personengebundenem Spuk (auch Poltergeist-Spuk). Darunter fallen Klopfgeräusche, elektrische Störungen und Bewegung von Gegenständen. Gespenster sollen mit Vorliebe an Orten mit angeblich unheimlicher Atmosphäre wie Burgruinen, Schlössern und Friedhöfen ihr Unwesen treiben.

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Erstellt:
2. Mai 2026, 19:20 Uhr
Aktualisiert:
2. Mai 2026, 19:30 Uhr

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