Stärkung für den Familienzusammenhalt

Die Ziele einer Familienkonferenz sind einander zuhören, sich verstehen und die Besonderheiten des Einzelnen erkennen. In etlichen Familien gibt es solche Gesprächsrunden. Beate Oethinger vom Backnanger Jugendamt betont die vielen Vorteile des Familienrats.

Es ist manchmal überraschend, wie wenig man selbst in der eigenen Familie voneinander weiß. Eine Familienkonferenz kann dies nicht nur ändern, sondern hilft auch, das Miteinander zu klären und Probleme zu vermeiden. Symbolfoto: Philip Steury

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Es ist manchmal überraschend, wie wenig man selbst in der eigenen Familie voneinander weiß. Eine Familienkonferenz kann dies nicht nur ändern, sondern hilft auch, das Miteinander zu klären und Probleme zu vermeiden. Symbolfoto: Philip Steury

Von Simone Schneider-Seebeck

BACKNANG. Das Prinzip des Familienrats oder der Familienkonferenz bietet eine Möglichkeit, schon von klein auf demokratische Werte zu lernen und mitzugestalten und sich Gehör zu verschaffen, aber auch das Zuhören zu lernen. Hört man sich um, ist zwar vielen der Begriff nicht wirklich geläufig. Doch wenn man nachfragt, zeigt sich, dass einige der Prinzipien dennoch wichtiger Bestandteil des Familienlebens sind. So beschreibt der Kirchberger Martin Wolf diese Thematik: „Bei mir damals und auch jetzt bei meinen Mädels war es schon immer ein Thema, dass man mit zunehmendem Alter auch immer mehr Rechte einfordert. Und damit sind auch mehr Pflichten verbunden. Eine Konferenz einzuberufen, halte ich jedoch nicht für nötig. Wenn jemand ein Problem hat, kann man es ansprechen. Dass Kinder mit steigendem Alter mehr Verantwortung bekommen und somit auch mehr mitreden, versteht sich von selbst.“ Das Miteinanderreden und Klären von Problemen in gemeinsamer Runde scheint bei Familien allgemein anerkannt und bewährt zu sein, wenn auch nicht unbedingt zu festgelegten Zeiten, wie es das Prinzip der Familienkonferenz vorsieht. Beliebt ist beispielsweise das Ansprechen wichtiger Themen während des gemeinsamen Essens. Eine Mutter gibt zu bedenken, dass es heutzutage, besonders wenn auch beide Elternteile berufstätig sind, nicht so einfach sei, immer im konstruktiven Austausch miteinander zu sein, was der hektische Alltag erschweren mag. Da kann das gemeinsame Essen ein guter Zeitpunkt sein, wenn alle am Abendbrottisch versammelt sind.

Im Jahr 1970 erschien Parent Effectiveness Training (deutsch: Familienkonferenz) des US-Psychologen Thomas Gordon. Das sogenannte Gordon-Modell soll dazu dienen, Konflikte zu lösen – und zwar möglichst so, dass alle Seiten damit zufrieden sind. Dazu gehören verschiedene Kategorien. Beim aktiven Zuhören sollen beispielsweise die dargelegten Probleme von den Teilnehmern mit eigenen Worten wiedergegeben und somit wirklich verstanden werden und somit eine Lösung hergeleitet werden. Auch Ich-Botschaften gehören dazu, sachliche Aussagen, durch die der Sprecher mitteilt, wie etwas sich auf ihn auswirkt. Das wiederum hilft den anderen in der Runde, die Position des Sprechenden zu verstehen und so ein fremdes Problem nachzuvollziehen. Die Runde soll dazu dienen, eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösung für ein Problem zu finden und somit das Gefühl der Niederlage für den Einzelnen zu vermeiden. Zwar wird es nicht realistisch sein, die Familienkonferenz vollkommen demokratisch durchzuführen, da Kinder in einem gewissen Grad von ihren Eltern abhängig sind, doch wirkt sich das (beinahe) gleiche Mitspracherecht von Kindern und Eltern auf alle Beteiligten positiv aus. Kinder lernen, wie Konflikte auf faire Weise ausgetragen werden können, ohne Beleidigungen oder Verletzungen zuzufügen. Zudem erfahren sie, dass Entscheidungen unweigerlich zu Konsequenzen führen. Ist man bei der Entscheidungsfindung beteiligt, sieht man sich eher in der Verantwortung, diese Konsequenzen auch mitzutragen. Nachvollziehbare Argumente erhöhen das Verständnis für die getroffene Entscheidung. Ein Machtwort zu sprechen oder Strafen zu vergeben, können damit im Idealfall der Vergangenheit angehören. Bis heute wurden zahlreiche wissenschaftliche Studien durchgeführt, die die Wirksamkeit dieses Modells belegen.

Für Beate Oethinger ist die Familienkonferenz eine wunderbare Methode, um Familienmitglieder wieder zusammen an einen Tisch zu bringen – und auch zu ermöglichen, dass diese etwas mehr über sich erfahren. Es sei überraschend, wie wenig man in der Familie manchmal voneinander wüsste, erklärt die Mitarbeiterin beim Ambulanten Dienst des Kreisjugendamts Backnang. Sie unterstützt und begleitet Familien dabei, bestimmte Ziele, die man sich gesetzt hat, über einen längeren Zeitraum zu verfolgen und auch zu erreichen.

Zu Beginn ist ein Außenstehender als Moderator hilfreich.

„Die Familienkonferenz ist etwas Tolles und es liegen viele Möglichkeiten darin“, ist Oethinger überzeugt. So gehören die Anerkennungsrunden immer wieder dazu. Dabei soll jedes Familienmitglied über jedes andere etwas Positives aussagen. Das hilft dabei, den Blick auf das Positive im anderen zu richten. „Das wirkt oft schon Wunder!“ Zunächst übt Oethinger die Funktion des Moderators bei diesen Konferenzen aus, Ziel ist jedoch, dass Familien das schließlich allein durchführen können. Zu Beginn ist ein Außenstehender allerdings hilfreich – Regeln werden leichter eingehalten, der Ernst der Sitzung wird betont. Alle Themen sind zulässig, wichtige Fragestellungen können etwa sein: Was wünsche ich mir im Moment? Was brauche ich am meisten? Was sind meine Ziele? „Eine Familie ist ein System, alles bedingt sich gegenseitig“, so die Sozialpädagogin. Daher wirken sich die Verhältnisse untereinander auch auf alle aus. Jeder darf und soll sich einbringen, selbst wenn es erst einmal durch stilles Dabeisitzen ist. Wichtig dabei: sich gegenseitig ausreden lassen und gut zuhören. Und auch zu verstehen, was gesagt wurde. Die Besonderheiten des Einzelnen erkennen, akzeptieren und wertschätzen. Und das hilft schließlich dabei, den Familienzusammenhalt zu festigen, oder, unter Umständen, auch erst aufzubauen. In der nächsten Sitzung kann man dann darüber sprechen, ob das, was man sich vorgenommen hat, auch funktioniert hat, und wie man damit zurechtgekommen ist.

Stellt Beate Oethinger die Methode vor, sind häufig zuerst die Erwachsenen bereit, sie auszuprobieren. Kinder können sich oft nicht vorstellen, wie es ablaufen soll. Doch meistens funktioniert das Ganze dann doch sehr gut. Die Fragen in der Runde sollten so gestellt werden, dass es mit dem Alter der Kinder passt. Und häufig kommen vollkommen überraschende Antworten heraus. „Besonders jüngere Kinder bringen das ganz gut auf den Punkt“, so Oethinger.

Die Rückmeldungen über das Funktionieren der Familienkonferenz sind in den meisten Fällen positiv, auch wenn Oethinger schon längst nicht mehr dabei ist. Oft nimmt sich die Familie dann am Wochenende oder nach dem Essen die Zeit, sich zu einer Konferenz zusammenzufinden. Gut ist es, sie zeitlich zu begrenzen und auch eine Person zu bestimmen, die Regeln und Dauer überwacht. Das können die Eltern sein, aber auch ältere Kinder. „Alle merken, wie wichtig es ist, Dinge auszusprechen, zu klären und zu handeln“, unterstreicht Oethinger.

Ablauf der Familienkonferenz

Die Konferenz sollte einmal in der Woche zu einem festen Zeitpunkt, der nicht beliebig verschoben werden darf, stattfinden. Nach Bedarf kann ein außerordentlicher Termin eingeschoben werden.

Die Dauer richtet sich nach Alter und Konzentrationsfähigkeit der beteiligten Kinder.

Jeder darf ein Problem ansprechen und muss gleichrangig gehört und behandelt werden. Ebenso hat jede Stimme das gleiche Gewicht.

Sollte es einmal nicht möglich sein, eine für alle gerechte Entscheidung zu treffen, entscheidet die Mehrheit.

Der Vorsitz sollte nach Möglichkeit wechseln, damit nicht eine Person die Konferenz beherrschen kann.

Alle Familienmitglieder haben sich – zumindest bis zur nächsten Konferenz – an die getroffene Entscheidung zu halten. Sollte die Entscheidung sich als schwierig oder nicht durchführbar erweisen, ist eine außerplanmäßige Sitzung möglich. Ansonsten darf erst in der nächsten planmäßigen Sitzung darüber diskutiert werden, sollte jemand unzufrieden sein.

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Erstellt:
20. Oktober 2020, 11:30 Uhr

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