Neues Fossil schließt Lücke
Stammt der älteste Vorfahre des Menschen vom Balkan?
Die Wiege des Menschen liegt möglicherweise woanders als gedacht – auf dem Balkan statt in Ostafrika. Darauf deutet ein neu entdeckter fossiler Oberschenkelknochen hin, wie an dem Fund beteiligte Tübinger Forscher vermelden.
© © Velizar Simeonovski/Madelaine Böhme/Nikolai Spassov
El Graeco (Graecopithecus freybergi) hat vor 7,2 Millionen Jahren in einer staubbelasteten Savannen-Landschaft im Athener Becken gelebt. Der Künstler Velizar Simeonovski hat dieses Gemälde nach wissenschaftlichen Vorgaben von Madelaine Böhme und Nikolai Spassov erstellt (Blick auf die Fundstelle El Graecos, Pyrgos Vassilissis.
Von Markus Brauer
Ein jüngst entdeckter fossiler Oberschenkelknochen aus Bulgarien könnte die Geschichte des menschlichen Ursprungs neu schreiben, wie Forscher des Nationalmuseums für Naturgeschichte in Bulgarien, der Aristoteles-Universität Thessaloniki in Griechenland, des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und der Universität Toronto in Kanada berichten.
Bedeutung des aufrechten Gangs
Der aufrechte Gang – also das Gehen auf zwei Beinen – gilt seit Langem als grundlegende Schwelle in der menschlichen Evolution und als eines unserer prägendsten Merkmale. Bislang gingen Forscher davon aus, dass die ersten fossilen Menschen aus Afrika stammten und dass sich der aufrechte Gang dort vor etwa sechs Millionen Jahren entwickelt hatte.
Der neue Oberschenkelknochen aus der Grabungsstelle Azmaka, nahe der Kleinstadt Chirpan in der Thrakischen Tiefebene, der jetzt im Fachjournal „Palaeodiversity and Palaeoenvironments“ beschrieben wird, weist jedoch unverkennbare Merkmale eines Zweibeiners auf, eines menschlichen Vorfahren, der bereits auf seinen Hinterbeinen ging.
Graecopithecus: Ältester Vertreter der menschlichen Linie
„Mit einem Alter von 7,2 Millionen Jahren könnte dieser Vorfahr, den wir der Gat-tung Graecopithecus zuordnen, der älteste bekannte Mensch sein“, sagt David Begun von der Universität Toronto.
Der erste Fund eines Exemplars von Graecopithecus, ein Unterkiefer, wurde an einer Fundstelle in der Nähe von Athen entdeckt. Bereits 2017 untersuchte das Forschungsteam diesen Fund und schlussfolgerte, dass die Form der Zahnwurzeln auf einen Vertreter der menschlichen Linie schließen lasse.
Doch eine Zweibeinigkeit des Graecopithecus ließ sich aus dem Unterkiefer nicht herleiten. Der neu entdeckte Oberschenkel aus Azmaka ändert nun die Datenlage entscheidend.
Graecopithecus lebte in einer Savannenlandschaft
An der bulgarischen Fundstelle Azmaka lebte Graecopithecus an einem Flusslauf in einer Savannenlandschaft, ähnlich denen im heutigen Ostafrika. Der Ober-schenkelknochen stammt von einem etwa 24 Kilogramm schweren, wahrscheinlich weiblichen, Individuum.
„Eine Reihe von äußeren und inneren morphologischen Merkmalen, wie der verlängerte und aufrecht gerichtete Oberschenkelhals, spezielle Ansatzstellen für die Gesäßmuskulatur oder die Dicke der äußeren Knochenschicht weisen Ähnlichkeiten mit zweibeinigen fossilen Menschenvorläufern und Menschen auf“, erklärt Nikolai Spassov vom bulgarischen Nationalmuseum für Naturgeschichte.
Hierin unterschieden diese sich von den Oberschenkeln baumbewohnender Affen. „Allerdings bewegte sich Graecopithecus noch nicht in der gleichen Weise wie der moderne Mensch“, fügt der Forscher hinzu. Der Az-maka-Oberschenkel vereine Merkmale von afrikanischen Menschenaffen mit solchen von jüngeren Zweibeinern.
Fehlendes Bindeglied
„Graecopithecus stellt eine Stufe in der menschlichen Evolution zwischen unseren in Bäumen und auf dem Boden lebenden Vorfahren, wie zum Beispiel dem fast zwölf Millionen Jahre alten Danuvius guggenmosi aus der Hammerschmiede im Allgäu, und jüngeren Funden aus Ostafrika dar“, erläutert Begun. „Man könnte ihn durchaus als fehlendes Bindeglied bezeichnen.“
Graecopithecus stamme höchstwahrscheinlich von den acht bis neun Millionen Jahre alten balkanisch-anatolischen Menschenaffen wie Ouranopithecus und Anadoluvius ab, die sich wiederum aus Vorfahren in West- und Mitteleuropa entwickelt haben.
Klimamotoren der Ausbreitung
„Wir wissen, dass großräumige Klimaveränderungen im östlichen Mittelmeerraum und Westasien vor acht bis sechs Millionen Jahren zum periodischen Entstehen ausgedehnter Halbwüsten und Wüsten führten. Diese Entwicklung initiierte mehrere Ausbreitungswellen eurasischer Säugetiere nach Afrika und legte den Grundstein der heutigen Säugetierfauna afrikanischer Savannen“, berichtet Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen.
Die Studienautoren vermuten daher, dass auch Menschenaffen sich nach Süden ausbreiteten. Ob sich die Vorfahren der Schimpansen, Gorillas und Menschen bereits in Europa getrennt hatten und ob diese Ausbreitungswellen sogar ein Grund für die genetische Isolation ihrer Linien war, muss durch künftige Entdeckungen noch geklärt werden.
Vom Balkan nach Afrika?
Möglicherweise breitete sich auch Graecopithecus vom Balkan nach Afrika aus, wo es ab sechs Millionen Jahren vor heute zur Entstehung früher menschlicher Vorfahren wie der Gattung Orrorin kam und später dem Australopithecus afarensis, dessen bekanntester Vertreter der Fund namens Lucy ist.
Die Arbeiten in Azmaka und an anderen Fundstätten auf dem Balkan werden fortgesetzt, um weitere Exemplare von Graecopithecus zu finden und mehr über die Ökologie und Evolution dieses überraschend frühen Zweibeiners und mögliche menschliche Vorfahren zu erfahren.
