Starkregen bedroht fast ganz Backnang

Ein Ingenieurbüro hat im Auftrag der Stadt Backnang die Auswirkungen eines Unwetters simuliert. Die Ergebnisse sind alarmierend: Bei massiven Regenfällen würden zahlreiche Straßen überflutet. Selbst höher liegende Wohngebiete sind nicht sicher.

Die Gefahrenkarte zeigt, welche Bereiche der Backnanger Innenstadt bei einem außergewöhnlichen Starkregen überflutet werden. In den dunkelblauen Bereichen steht das Wasser mehr als einen Meter hoch, in den hellen noch zehn Zentimeter. Karte: Winkler und Partner

© Kaltenleitner Lars

Die Gefahrenkarte zeigt, welche Bereiche der Backnanger Innenstadt bei einem außergewöhnlichen Starkregen überflutet werden. In den dunkelblauen Bereichen steht das Wasser mehr als einen Meter hoch, in den hellen noch zehn Zentimeter. Karte: Winkler und Partner

Von Kornelius Fritz

Backnang. Wer auf den Hügeln oberhalb des Murrtals wohnt, meint vielleicht, sein Haus sei vor Überflutung geschützt, doch das ist ein Trugschluss. Gefahr droht hier zwar nicht aus dem Fluss, aber vom Himmel. Starkregen, der oft sehr lokal auftritt, kann nämlich ebenso verheerende Schäden anrichten wie ein Hochwasser. Unvergessen sind etwa die Bilder aus Braunsbach im Kreis Schwäbisch Hall, wo im Mai 2016 nach einem Unwetter Häuser und Straßen durch eine Sturzflut zerstört wurden. Der Gesamtschaden lag damals bei rund 100 Millionen Euro. Wäre so etwas auch in Backnang möglich?

Grundsätzlich ja. Das zeigt die Untersuchung des Ingenieurbüros Winkler und Partner aus Stuttgart, das im Auftrag der Stadt das Starkregenrisiko untersucht hat. Dafür haben die Experten am Computer drei verschiedene Niederschlagsszenarien simuliert, von „selten“ (42 Millimeter pro Stunde) über „außergewöhnlich“ (53 Millimeter) bis „extrem“ (128 Millimeter) – Letzteres entspricht in etwa dem Unwetter von Braunsbach. Welche Bereiche der Stadt in diesen Fällen wie stark überflutet würden, wurde in sogenannten Starkregengefahrenkarten dargestellt, die Armin Binder von Winkler und Partner nun im Ausschuss für Technik und Umwelt vorstellte.

In der Simulation steht das Wasser zum Teil mehr als einen Meter hoch

Und die verheißen für große Teile des Stadtgebiets nichts Gutes. So stünde bereits bei einem Unwetter der zweiten Kategorie das Wasser im Bereich der Sulzbacher Straße, der Talstraße oder entlang der Gartenstraße über einen Meter hoch. Aber auch höher liegende Bereiche der Stadt wären betroffen, etwa das Gebiet rund um den Röntgenplatz oder das Kreisberufsschulzentrum an der Industriestraße. Und auch in den Stadtteilen drohen massive Schäden durch Starkregen. Zu den stark betroffenen Bereichen gehören unter anderem Teile von Maubach, Heiningen, Waldrems, Steinbach, Sachsenweiler und Unterschöntal.

Die Frage, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, beschäftigt nun den Gemeinderat. Zwar sei der Schutz vor Starkregen „nicht primär eine kommunale Aufgabe“, erklärte Baubürgermeister Stefan Setzer. Aber natürlich will die Stadt ihre Bewohner auch nicht alleine im Regen stehen lassen. „Unser Ziel ist es, die Bürgerschaft zu sensibilisieren“, sagte Setzer.

Deshalb plant die Verwaltung im Juli eine Informationsveranstaltung (siehe Infotext). Dabei werden nicht nur die Starkregengefahrenkarten vorgestellt, sondern Experten geben auch Tipps, wie Hausbesitzer ihre Immobilien schützen können, etwa durch Sicherungsmaßnahmen an Türen und Lichtschächten.

Aber auch die Stadt kann ihren Beitrag leisten, um das Problem zu entschärfen. Die Experten vom Büro Winkler und Partner haben dafür ein Handlungskonzept erarbeitet. Das sieht zum Beispiel vor, dass in besonders gefährdeten Gebieten, etwa rund um den Röntgenplatz, neue Retentionsflächen geschaffen werden, in denen sich bei einem Unwetter Wasser sammeln kann. Außerdem müsse verhindert werden, dass die Einläufe zu Gräben und Dolen durch Treibgut verstopfen. Dies kann laut Armin Binder durch den Einbau von Rechen erreicht werden. Wichtig ist außerdem, dass die Mauern, die die Innenstadt vor einem Hochwasser der Murr schützen sollen, bei Starkregen nicht den Wasserabfluss in umgekehrter Richtung behindern. Dafür seien Durchlässe nötig, die mit Ventilen gegen einen Rückstau gesichert sind.

Dort wo Ackerflächen an Wohngebiete grenzen, ist oft auch der Schlamm ein Problem. „Schlammhaltiges Wasser verursacht die größten Schäden“, weiß Binder. Dagegen könne man zum Beispiel bepflanzte Ackerrandstreifen anlegen, die die braunen Fluten zumindest teilweise aufhalten.

Ulfert fordert eine Prioritätenliste von der Verwaltung

Insgesamt gibt es also viel zu tun. Armin Binder regte an, das Thema Starkregen künftig bereits bei der Planung neuer Projekte stärker zu berücksichtigen. So könne es zum Beispiel sinnvoll sein, bei einer Straßensanierung das Profil so zu verändern, dass das Wasser in der Mitte der Fahrbahn abfließt statt sich am Straßenrand auf private Grundstücke zu ergießen.

Die Ausschussmitglieder zeigten sich zum Teil überrascht davon, dass so große Teile der Stadt von Starkregen bedroht sind. Angesichts der vielen notwendigen Maßnahmen forderte die CDU-Fraktionsvorsitzende Ute Ulfert die Verwaltung auf, eine Prioritätenliste zu erstellen. Willy Härtner (Bündnis 90/Die Grünen) mahnte zudem an, die Stadt solle die Einläufe in die Kanalisation häufiger reinigen. Meike Ribbeck (Christliche Initiative Backnang) sieht aber auch die Hausbesitzer in der Pflicht. Durch weniger versiegelte Flächen könne jeder dazu beitragen, dass mehr Wasser auf dem eigenen Grundstück versickern könne.

Bürgerinformation Eine Informationsveranstaltung zum Starkregenrisikomanagement in Backnang findet am Mittwoch, 19. Juli, um 18.30 Uhr im Technikforum, Wilhelmstraße 32, statt.

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Erstellt:
23. Juni 2023, 06:00 Uhr

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