Gesundheitsprobleme bei US-Diplomaten
Stecken doch ausländische Angriffe hinter dem Havanna-Syndrom?
Seit 2016 grassiert ein seltsames Leiden unter US-Diplomaten und Militärs: das „Havanna-Syndrom“. Mehr als 1500 Betroffene gibt es inzwischen. Nun gibt es neue Theorien, die Licht in den mysteriösen Geheimdiesnt-Fall bringen könnte.
© Imago/Christian Ohde
Havanna-Syndrom: Betroffene gaben an, dass die Symptome begannen, nachdem sie etwa ein seltsames Geräusch hörten oder starken Druck in ihrem Kopf spürten.
Von Markus Brauer
Als Havanna-Syndrom werden rätselhafte Symptome wie Kopfschmerzen, Hörverlust, Schwindel und Übelkeit zusammengefasst, über die ab 2016 zahlreiche in der kubanischen Hauptstadt Havanna lebende US-Diplomaten und ihre Angehörigen klagten.
Betroffene gaben an, dass die Symptome begannen, nachdem sie etwa ein seltsames Geräusch hörten oder starken Druck in ihrem Kopf spürten.
2018, 2020 und 2021 weitere Fälle
Die US-Diplomaten aus Kuba waren nicht die einzigen Betroffenen. Inzwischen gibt es mehr als 1500 Fälle des Havanna-Syndroms:
- So erkrankten im Jahr 2018 mehrere US-Diplomaten in China.
- 2021 häuften sich Fälle an der US-Botschaft in Wien.
- Im gleichen Jahr gab es auch an der US-Botschaft in Berlin mehrere Fälle des Havanna-Syndroms.
- Im Jahr 2020 entwickelten sogar einige Personen in der Nähe des Weißen Hauses solche Symptome.
Was steckt hinter den mysteriösen Erkrankungen?
Was hinter diesem rätselhaften Leiden steckt, ist trotz wissenschaftlicher Expertise bis heute ungeklärt. Trotz aller Tests konnten Ärzte keine medizinische Ursache für die Symptome finden. Immer wieder werden daher psychosomatische Ursachen und Stress als Ursache genannt.
Auffällig ist jedoch, dass das Havanna-Syndrom fast nur Angehörige des US-Militärs, des diplomatischen Dienstes und der CIA betrifft – und fast alle Fälle ereigneten sich im Ausland.
2018: Beschuss mit gepulster Mikrowellenstrahlung?
Dies weckte den Verdacht, dass diese Symptome absichtlich herbeigeführt wurden – beispielsweise durch gezielten Beschuss mit gepulster Radio- oder Mikrowellenstrahlung. Agenten Russlands oder eines anderen Staates könnten demnach die Betroffenen mit solcher Strahlung attackiert haben.
Gestützt wurde dieser Verdacht 2018 durch eine Studie, die untersuchte, ob gepulste Strahlung solche Symptome auslösen kann. „Gepulste Strahlung im Bereich von 2,4 bis 10.000 Megahertz kann Geräusche im Ohr erzeugen. Auch die Schlafstörungen, Kopfschmerzen und kognitiven Ausfälle passen ins Bild“, erklärte damals Beatrice Golomb von der University of California in San Diego. In ihren Tests ließen sich auch Hirnschwellungen und andere Hirnveränderungen durch die Bestrahlung erklären.
2023: Steckt eine feindliche Macht dahinter?
Die US-Regierung hatte anfangs nicht ausgeschlossen, dass es sich um eine Art Angriff gehandelt haben könnte. I
Im Jahr 2023 veröffentlichten die US-Geheimdienste einen offiziellen Bericht, in dem man davon ausging, dass kein „ausländischer Gegner“ für das Havanna-Syndrom verantwortlich sei. Die gemeldeten Beschwerden seien stattdessen wahrscheinlich das Ergebnis von Vorerkrankungen, anderer Krankheiten oder Umweltfaktoren.
2024: Sind die Symptome real?
Das bestätigte im Jahr ein Forscherteam um Leighton Chan von den National Institutes of Health (NIH) mit Sitz in Bethesda im US-Bundesstaat Maryland. Die Experten analysierten über mehrere Jahre 86 Patienten mit Havanna-Syndrom – Regierungsangestellte und deren erwachsene Familienangehörige. Die Untersuchungen fanden dabei gewöhnlich einige Wochen bis Monate nach dem Einsetzen der Symptome statt.
Laut der Studie aus dem Jahr 2024 habe es „keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf die meisten Werte“ gegeben, „außer bei objektiven und selbstberichteten Messungen zu Gleichgewicht und zu Symptomen von Müdigkeit, posttraumatischem Stress und Depression“. Trotzdem sei es wichtig anzuerkennen, dass die Symptome real seien und die Leben der Betroffenen erheblich beeinträchtigten, erklärte Chan.
Darauf erschienen weitere Veröffentlichungen, die teils für teils gegen die Strahlen-Hypothese argumentierten.
2026: Heimliche Tests mit tragbarem Pulsgenerator
Jetzt gibt es eine neue Entwicklung: Ein Investigativ-Team des US-Nachrichtensenders CNN berichtet, dass die US-Regierung Ende 2024 ein Gerät erworben habe, das gepulste Radiowellen aussenden kann. Dieser Pulsgenerator ist tragbar und so groß wie ein kleiner Rucksack. Laut Quellen in offiziellen Kreisen sollen dafür Millionen von US-Dollar aus dem US-Verteidigungshaushalt geflossen sein – an wen, ist unbekannt.
Das Pulswellen-Gerät ist demnach zwar nicht russischen Ursprungs, enthält aber Bauteile, die aus Russland stammen. Während die CIA offiziell keinerlei Kommentar zu der Thematik abgegeben hat, berichten drei Personen aus dem Umfeld der Geheimdienste laut CNN, dass das Pentagon seit gut einem Jahr Tests mit dem Gerät durchführt. Diese hätten ergeben, dass diese gepulsten Radiowellen die Symptome des Havanna-Syndroms reproduzieren können.
Angesichts dieser neuen Erkenntnisse fordern Betroffene des Havanna-Syndroms, die Resultate der Untersuchungen öffentlich zu machen. „Die CIA hat immer behauptet, dass eine solche Technologie und ein solches Gerät nicht existieren. Jetzt muss eine vollstündige Aufklärung erfolgen“, fordert Marc Polymeropoulos, ehemaliger leitender CIA-Agent. Er war 20117 nach einem Einsatz in Moskau selbst vom Havanna-Syndrom betroffen.
