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Steine mit Geschichte

Carl-Eugen Vogt restauriert alte Grabmäler auf dem Backnanger Stadtfriedhof

Jeder Stein hat seine Geschichte. Noch mehr: Es geht nicht nur um die Steine selbst, sondern auch um die Menschen, für die sie stehen. Jedes Grabmal erinnert an Personen und würdigt Verstorbene – eine Mahnung auch, respektvoll mit den alten Steinen umzugehen. Carl-Eugen Vogt hat es sich zum Anliegen gemacht, Gedenkstätten zu restaurieren, die wegen ihrer Gestaltung oder historischen Bedeutung herausragen.

Carl-Eugen Vogt bei der Arbeit: Nachdem er die später angebrachte Tafel entfernt hat, kommt die erste Inschrift zum Vorschein. Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Carl-Eugen Vogt bei der Arbeit: Nachdem er die später angebrachte Tafel entfernt hat, kommt die erste Inschrift zum Vorschein. Fotos: A. Becher

Von Armin Fechter

BACKNANG. Der Steinmetz- und Bildhauermeister ist viel auf Friedhöfen unterwegs. Nicht nur auf dem Backnanger Stadtfriedhof, der vor der Tür seines Betriebs liegt, sondern auch in der ganzen Umgebung. Sein besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf Grabmäler, die aus vergangenen Zeiten noch erhalten geblieben sind. In Sulzbach an der Murr etwa stehen überraschend viele schöne alte Denkmäler, zum Teil unterliegen diese sogar dem Denkmalschutz.

An anderen Orten hingegen findet Carl-Eugen Vogt herzlich wenig historische Substanz. Und das betrifft nicht nur Bestattungsflächen, die erst in den letzten Jahrzehnten neu angelegt wurden, sondern öfter auch alte Friedhöfe. Ihm blutet das Herz, wenn er erkennen muss, dass offenkundig alles Alte abgeräumt wurde – weil es keine Angehörigen oder Nachkommen mehr gibt, die sich darum kümmern würden. „Mit den Namen verschwinden die Geschichten“, bedauert er und mahnt gleichzeitig die öffentliche Hand, behutsam mit diesen stillen Zeugen der Vergangenheit umzugehen.

Behutsamer Umgang mit stillen Zeugen der Vergangenheit

In der Backnanger Stadtverwaltung stößt Vogt mit seinem Anliegen auf offene Ohren: Vor einigen Jahren schon hat er eine Liste von erhaltenswerten Grabmälern ausgearbeitet und dem Rathaus zur Verfügung gestellt. Ein Teil dieser Steine kann am Ort stehen bleiben, andere werden versetzt und sollen dann zusammen mit anderen alten Stücken sukzessive zu einem Lapidarium heranwachsen. Der Platz für diese künftige Sammlung von Steinwerken befindet sich auf einer zentralen Fläche im Stadtfriedhof.

In den vergangenen Jahren hat Vogt, der dem Arbeitskreis „Gedenken und Erinnern“ im Heimat- und Kunstverein angehört, schon etliche Grabsteine gesäubert und wieder hergerichtet. Er arbeitet dabei auch mit Renate von Babka zusammen, die in ihrem 2017 erschienenen Bildband „Backnanger Gräber. Stille Zeugen auf dem Stadtfriedhof“ viele Beispiele dokumentiert hat.

Zu den restaurierten Steinen gehört unter anderem das Grabmal für Dr. Albert Müller. Der Mediziner hat vor über 200 Jahren an drei Napoleon-Feldzügen teilgenommen und war anschließend mehrere Jahrzehnte lang der einzige Arzt in Backnang. Mit Müller verbinden sich besondere historische Fakten: Er gehörte zu den wenigen Hundert von den ursprünglich 15000 Württembergern, die zurückgekehrt sind. Bonapartes Feldzug hatte mit einer katastrophalen Niederlage geendet. An seinem Grab galt es nicht nur, den angegriffenen, von Flechten, Pilzen und Moos überzogenen Sockel zu reinigen. Es musste auch die Schrift erneuert werden, die an den hoch angesehenen Backnanger Bürger erinnert.

Dieser Tage hat Vogt den Grabstein der Familie Belz aus dem 19. Jahrhundert bearbeitet. Das Sandstein-Monument war nachträglich mit einer weißen Marmorplatte versehen worden, die drei Namen von Familienangehörigen mit den jeweiligen Lebensdaten trägt. Als Vogt diese Tafel abmontierte, kam, wie er vermutet hatte, die Original-Inschrift zutage. Sie wies nur zwei Namen auf. Für den dritten Familienangehörigen hätte der Platz nicht mehr gereicht, wenn der Name in gleicher Größe und Form erscheinen sollte. Also wurde der Stein damals mit einer neuen Inschriftenplatte versehen. Doch inzwischen war die Tafel unansehnlich geworden, die Schrift hatte gelitten. Auf dem Stein wuchs Moos, er wies Verwitterungsschäden und „Schalenbildung“ auf, wie Vogt sagt, eine Art von Luftblasen unter der Oberfläche. Eindringendes Wasser weicht dabei den Stein auf, bei Frost kann es sogar Sprengwirkung entfalten – dann platzen ganze Stücke flächig ab. Und zu allem Unglück hatte sich der Stein abgesenkt, er stand so schief wie der Turm in Pisa.

Wenn sich Vogt einen solchen Stein vornimmt, dann gilt es für ihn als Erstes, eine Dokumentation anzufertigen. Darin wird genau festgehalten, was es an Informationen zu dem Objekt gibt und welche Schäden vorliegen. Auf dieser Grundlage wird dann im nächsten Schritt überlegt, welche Maßnahmen erforderlich sind. Es geht dabei, wie Vogt erläutert, vor allem darum, den Istzustand zu erhalten und die weitere Verwitterung möglichst zu verhindern. Das beginnt mit einer mechanischen Reinigung – nur mit Wasser, ohne chemische Zusätze, denn Substanzen, wie sie in Reinigungsmitteln enthalten sind, können den Stein schädigen.

Unterhöhlte Sandsteinteile

werden Stück für Stück saniert

Die nachträglich angebrachte Tafel war ein Fall für die Werkstatt, in der die Oberfläche aufpoliert und die Buchstaben neu eingefärbt wurden; die problematische Schalenbildung bearbeitete Vogt vor Ort. Dazu werden die unterhöhlten Teile abgehoben, um die Spannung im Material zu lösen, dann wird das lose Material mit Sandsteinersatzmasse wieder befestigt, verfüllt und überarbeitet. Seit gestern steht der Stein nun wieder, wie er stehen soll – aufrecht, gesäubert, mit einer gut lesbaren Tafel versehen.

Auf dem Friedhof zeigt Vogt einige Grabmäler, an denen er tätig war oder die er für besonders erhaltenswert hält. „Ich habe Achtung vor diesen Arbeiten“, sagt er. Man müsse sicherlich nicht alles Alte erhalten, aber „ein paar Eckpunkte“ sollten es wert sein. „Einfach schön“ findet er den Engel mit der feinen Lilie am Grabmal für Karl Käß, den Gründer der Backnanger Gerberei Kaess, eine Arbeit aus Carrara-Marmor. Eine Besonderheit stellt für ihn aber auch der Findling dar, der an Dr. Walter Baumgärtner, Backnangs früheren Oberbürgermeister, erinnert. Und Vogt erinnert sich da auch der Momente, als er gerade dazukam, wie ein Stein schon am Baggerhaken hing. Andere Exemplare waren komplett mit Efeu zugewachsen oder lagen verkehrt herum, wie eine Abdeckplatte, auf der Stadtmauer oder gar schon auf dem Schutthaufen – gerettet in letzter Minute.

Vorher: Der Grabstein steht schief und weist Verwitterungsschäden auf.

© Pressefotografie Alexander Beche

Vorher: Der Grabstein steht schief und weist Verwitterungsschäden auf.

Nachher: Der Stein erstrahlt in neuem Glanz.

© Pressefotografie Alexander Beche

Nachher: Der Stein erstrahlt in neuem Glanz.

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Erstellt:
26. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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