Stelldichein mit Saturn und Jupiter

Sommerreportage: Die Sternwarte Welzheim ermöglicht Gästen Einblicke in ferne Welten. Die Station am Rande von Maisfeld und Streuobstwiese hält zudem eine wertvolle Erkenntnis bereit: Die Relativität einer irdischen Perspektive.

Reinhard Fürst und Hubert Gräber (von rechts) auf der Jagd nach dem nächsten Anschauungsobjekt. Sie führen zehn Besucher in die Welt der Astronomie ein.

© Jörg Fiedler

Reinhard Fürst und Hubert Gräber (von rechts) auf der Jagd nach dem nächsten Anschauungsobjekt. Sie führen zehn Besucher in die Welt der Astronomie ein.

Von Christine Schick

Welzheim. Vom Parkplatz bei Langenberg sind es noch ein paar Minuten Fußweg zur Welzheimer Sternwarte. An diesem Abend werden Besucher und ehrenamtliches Sternwartenteam daran erinnert, dass der Standort aber so was von mitten in der Natur liegt. Klar, die Beobachtung muss abgerückt von nächtlichen Lichtern möglich sein. Rund um die Sternwarte sind gefühlt unendlich viele fliegende Ameisen unterwegs, die auf Zweibeiner treffen, aber auch bis in die Kuppeln vordringen. Hubert Gräber, der später mit Reinhard Fürst eine Führung anbietet, muss zum Staubsauger greifen, um der Sache Herr zu werden. Hans-Ulrich Keller, der die Sternwarte betreut, berichtet außerdem von Begegnungen mit Wespen und Hornissen, die ebenfalls zwischenzeitlich Einzug hielten.

„Die Westkuppel ist die Keimzelle“, sagt er. Keller war nicht nur an der Planung des Planetariums Stuttgart beteiligt und dessen erster Direktor, sondern hat es nach längerer Standortsuche mit vielen Mitstreitern und Unterstützern ermöglicht, dass die Sternwarte 1992 in Welzheim errichtet wurde. Es geht nach drinnen. Auch dort wird auf Helligkeit verzichtet. „Wir machen nur Rotlicht an, dass sich die Augen an die Dunkelheit anpassen können“, erklärt er. Die Sonne geht unter, auf dem schmalen Balkonrund um die Kuppel stellt der Astronom und Honorarprofessor der Universität Stuttgart fest: „Das ist ein schöner Platz, hier kann man relaxen, ob bei der Ernte oder im Winter bei Schnee“, und kommt auf seine Passion zu sprechen. Vom Venustransit oder Sommerdreieck mit Wega, Deneb und Atair ist da die Rede.

Für Hans-Ulrich Keller war schon in Kindertagen klar, dass er sich der Welt der Astronomie widmen will. Es sind die Dimensionen, die ihn faszinieren. „Aus einem Büchlein habe ich erfahren, dass man von der Erde zur Sonne in einem Flugzeug etwa 17 Jahre lang unterwegs sein müsste. Das fand ich sehr beeindruckend“, sagt er. Auch wenn er vor der brotlosen Kunst gewarnt wird, „ich bin drangeblieben“. Im Herzen der Kuppel zeigt Keller das Linsenteleskop mit seiner 25 Zentimeter großen Öffnung und wo Kamera und Computer angeschlossen werden können. In der Sternwarte werden neben den Führungen auch Aufnahmen fürs Stuttgarter Planetarium gemacht. Der 78-Jährige kurbelt die Kuppel auf – noch ist der Himmel nicht schwarz, sondern dunkelblau – und erklärt, dass die unterschiedlichen Lufttemperaturen anfangs eine Unschärfe bewirken können. In der Ostkuppel steht ein nicht minder beeindruckendes Beobachtungsinstrument: ein Spiegelteleskop, das 2006 angeschafft wurde und das größte und leistungsfähigste in Baden-Württemberg ist. Die Universität Heidelberg verfüge zwar auch über entsprechend große, aber die befänden sich in Chile. „Das liegt daran, dass es bei uns vielleicht 50 klare Nächte gibt, dort aber über 300.“

Die zehn Besucher, die sich an diesem Abend um 21 Uhr in der Westkuppel einfinden, haben Glück. Die Witterungsverhältnisse sind so, dass sich der Blick ins Weltall richten lässt und auch einiges vor die Linsen zu bekommen ist. Hubert Gräber und Reinhard Fürst sind die Ausflugsbegleiter und ihre eigene Faszination für die Materie ist ihnen anzumerken.

Sie richten das Teleskop auf den Saturn mit seinen Ringen. „Die lassen sich nicht alle ausmachen, aber vielleicht sehen Sie eine schwarze Linie, die sogenannte Cassinische Teilung als Lücke innerhalb des Ringsystems“, sagt Fürst und vergleicht Letzteres mit den Rillen einer Schallplatte. Der Saturn ist etwa zehnmal so groß wie die Erde, hat keine feste Oberfläche und eine ausgedehnte Atmosphäre aus Wasserstoff, Helium, Methan und Ammoniak. „Ob es einen harten Kern gibt, ist unklar.“ Die beiden ehrenamtlichen Mitarbeiter haben eine Treppe auf Rädern neben das Teleskop gestellt, sodass die Gäste einer nach dem anderen an einem unteren und oberen Okular ins All blicken können.

Eine Besucherin ist überrascht: „Ich hab eigentlich erwartet, dass die Bilder farbig sind.“ Dazu reicht die Helligkeit nicht aus, erklären die zwei, und versichern: „Es ist bunt da oben.“ Zugegeben, Saturn ist auf den ersten Blick klein, vermutlich insbesondere für unerfahrene Sternengucker, die die Brille ablegen müssen, aber er ist auch sehr weit entfernt. Hubert Gräber macht klar: Das Licht der Sterne eilt Jahre, Jahrtausende, Jahrmillionen durchs Weltall, bis es den Beobachter erreicht. Insofern ist der Blick durchs Okular auch einer in die Vergangenheit. Trotz dieser Dimensionen sagt Reinhard Fürst aber auch: „Der Kosmos hat seine Lebenszyklen, auch ein Stern nur eine gewisse Lebenszeit, es gibt nichts, was unendlich währt.“ Er berichtet von Sternenentstehungsnestern genauso wie dem Ende, das in einer gewaltigen Explosion, einer Supernovadetonation, besteht.

Dann kommt Jupiter in den Fokus, und das große Leitrohr des Teleskops wechselt seine Position. Der Planet dreht sich nicht nur schneller – er hat einen Neunstundentag – als die Erde, sondern ihm sind auch vier größere Monde zur Seite gestellt. Das Ensemble servieren Gräber und Fürst wieder auf der Treppe. „Die drei kleinen Punkte daneben, das sind die Monde?“, erkundigt sich eine Besucherin. Genau, einer hat sich vor Jupiter versteckt.

Als Nächstes und abschließendes Objekt haben sich die zwei den Ringnebel M57 im Sternzeichen Leier ausgesucht. „Gehört er noch zu unser Galaxie?“, will ein Besucher wissen. „Ja!“ Erst soll sich das Teleskop per Eingabe ausrichten, dann steuern die beiden Referenten aber doch wieder von Hand nach. Auszumachen ist das Bild zweier Sterne in unterschiedlichen Farben – Gelb und Blau. Um der Gruppe eine räumliche Orientierung zu geben, holt Fürst einen Laserpointer und zeigt das Sternbild kurz an der offenen Kuppel. „Die Farbe sagt übrigens etwas über die Temperatur aus.“ Blau ist mit hohen Werten, Rot mit niedrigen verbunden, Weiß liegt irgendwo dazwischen. „Die ISS ist sehr gut sichtbar, wenn sie hier vorbeifliegt. Leider kommt sie heute erst um 4 Uhr“, erzählt er noch.

Als die Gäste sich verabschiedet haben, machen sich Hans-Ulrich Keller, Hubert Gräber und Reinhard Fürst ans Aufräumen. Das Teleskop bekommt an den Linsen Schutzhüllen aufgesetzt, weitere Schutzkappen finden ihren Platz an verschiedenen Stellen des Geräts. „Und wir fesseln es zur Sicherheit mit einem Expander“, sagt Keller mit einem Schmunzeln. Ein Besucher hat sich auch nach der Wartung erkundigt. Ab und an wird es mit Pressluft gereinigt, nutzt sich aber wenig ab. Trotzdem: „Es ist gut, dass Hans-Ulrich Keller rund 90 Prozent der Reparaturen in der Sternwarte selbst erledigen kann“, sagt Gräber. Er und acht bis zwölf weitere Ehrenamtliche, die aus ganz unterschiedlichen Berufen kommen, stemmen den Führungsbetrieb. „Dafür sind wir bei Keller natürlich zunächst in die Lehre gegangen.“ Auch Kellers Engagement in dieser Hinsicht ist ehrenamtlich.

Die Frage, ob er denn als Pensionär und mit 78 Jahren die Arbeit mittlerweile Arbeit sein lässt, beantwortet er mit der Einschätzung: „Ich habe ja nie gearbeitet, sondern bin meinem Hobby nachgegangen.“ Und die Tatsache, dass ein Kleinplanet nach ihm benannt ist (HU Keller), findet er etwas fragwürdig. Ein Blick in die Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der Sternwarte lässt einen erahnen, woher diese leidenschaftliche und gleichsam bescheidene Haltung kommt. Im Beitrag „Mensch und Weltall“ schreibt Keller: „Unermesslich war die Kränkung der Menschheit, als die Astronomen nachwiesen, dass die Erde keineswegs im Mittelpunkt des Universums ruht, sondern um einen beliebigen Durchschnittsstern – unsere Sonne – taumelt. Und die Sonne ist wiederum einer unter mehreren hundert Milliarden Sternen am Rande unseres Milchstraßensystems, also in keiner hervorgehobenen Position.“ Die Astronomie „soll möglichst vielen Menschen ihre Herkunft und ihre Stellung im Universum veranschaulichen. Sie soll einen Denkprozess anregen, der für ein friedvolles und vernünftiges Zusammenleben aller Menschen sorgen kann, Fanatismus und Aggressionen abbaut und uns Ehrfurcht vor der Schöpfung lehrt.“

Hans-Ulrich Keller
über die Aufgabe seiner Profession „Die Astronomie soll möglichst vielen Menschen ihre Herkunft und ihre Stellung im Universum veranschaulichen.“
Warten auf die Dunkelheit: Noch ist der Himmel über der Westkuppel tiefblau.

© Jörg Fiedler

Warten auf die Dunkelheit: Noch ist der Himmel über der Westkuppel tiefblau.

Hans-Ulrich Keller vor der Welzheimer Sternwarte. Sie verfügt über das größte und leistungsfähigste Teleskop in Baden-Württemberg. Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Hans-Ulrich Keller vor der Welzheimer Sternwarte. Sie verfügt über das größte und leistungsfähigste Teleskop in Baden-Württemberg. Fotos: J. Fiedler

Stelldichein mit Saturn und Jupiter

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Erstellt:
14. September 2021, 06:00 Uhr

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