Strategiewechsel im Sulzbacher Wald

Mit neuem Forstschlepper und höherem Hiebsatz bei Fichten stellt sich die Gemeinde im Forst neu auf.

Das Team vom Sulzbacher Gemeindewald nimmt den neuen Schlepper in Empfang (von links): Maik Kretschmann, Marko Seifert, Axel Kalmbach und Marcel Binhammer. Foto: U. Gruber

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Das Team vom Sulzbacher Gemeindewald nimmt den neuen Schlepper in Empfang (von links): Maik Kretschmann, Marko Seifert, Axel Kalmbach und Marcel Binhammer. Foto: U. Gruber

Von Ute Gruber

SULZBACH AN DER MURR. Es ist ein bisschen wie eine vorgezogene Bescherung, als das Team des Gemeindewaldes kurz vor Weihnachten den nagelneuen Forstschlepper vorgestellt und erklärt bekommt. Wunschgemäß ist es ein Steyr Kompakt 4095 mit Forstausrüstung, einem Frontlader, dazu eine Seilwinde.

Der eigene Schlepper soll den kommunalen Waldarbeitern Autonomie verschaffen, wenn es etwa darum geht, nach einem Sturm einen Weg freizuräumen, einen einzelnen käferbefallenen Baum aus dem Wald oder einer tiefen Klinge zu entfernen oder bei einem größeren Hieb einfach mal zwischendurch aufzuräumen. „Da mussten wir seither immer die Arbeit unterbrechen und auf den Lohnunternehmer warten“, beschreibt Revierförster Axel Kalmbach, „oder der auf uns. Was dann wieder Geld kostet.“ Neben der Arbeitswirtschaft spielt gerade nach den Dürrejahren die Arbeitssicherheit eine große Rolle: „Abgestorbene Laubbäume sind hoch riskant, da brechen unverhofft ganze Äste ab.“ Durch das lange Seil braucht sich beim Fällen jetzt niemand mehr im Gefahrenbereich aufhalten. Sprich: Die Anschaffung der Maschine war schon lange überfällig.

Die Holzpreise sind europaweit im Keller.

Finanziell kommt sie allerdings zur Unzeit. Die fetten Jahre, in denen mit Waldbau Geld zu verdienen war, sind vorerst vorbei. Schon 2019 und auch im laufenden Jahr mussten rund 50 Prozent mehr Holz gemacht werden als geplant, ganz einfach weil die Bäume entweder vom Sturm umgelegt, verdorrt oder vom Borkenkäfer befallen waren. Da dies europaweit so ist, sind die Preise miserabel und decken nicht einmal den Arbeitslohn der Holzfäller. Das Forstwirtschaftsjahr 2019 schloss der Sulzbacher Forstbetrieb mit einem Defizit von knapp 35000 Euro ab. „Auch 2020 werden wir leider noch mal ein kräftiges Defizit einfahren“, prognostiziert Kalmbach in der jüngsten Ratssitzung.

Dass im nun dem Gemeinderat vorgelegten Betriebsplan trotz allem für das kommende Jahr 2021 nur ein Defizit von 2400 Euro erwartet wird, hat zweierlei Gründe: Zum einen hofft man durch den eigenen Forstschlepper die Ausgaben für Lohnunternehmen auf 60000 Euro halbieren zu können. Damit wären auch die 120000 Euro Kosten für den neuen Schlepper in zwei Jahren bereits eingespart. Zum anderen sind die Appelle und Demonstrationen der Waldbesitzer nicht ungehört verklungen: Das Land Baden-Württemberg unterstützt die Aufarbeitung von Schadholz aus 2020 mit sechs Euro pro Festmeter und aus dem Coronafonds hat die Bundesregierung 500 Millionen Euro für zertifiziert nachhaltig wirtschaftende Forstbetriebe jetzt als einmalige Prämie von 100 Euro pro Hektar zur Verfügung gestellt. Für die Sulzbacher Gemeinde mit ihren 700 Hektar Wald würde dies eine Einnahme von 70000 Euro aus der Bundeskasse bedeuten, dazu rund 23000 Euro Zuschuss aus Landesmitteln für Schadholzaufarbeitung und Neupflanzung klimatoleranter Baumarten. Dagmar Wulfes, die als neue Leiterin des Kreisforstamts für den Kommunalwald zuständig ist und die forsttechnische Betriebsleitung auch in Sulzbach übernimmt, mahnt: „Wir müssen wieder agieren statt reagieren.“ 100 Prozent zufällige Nutzung wie zuletzt dürfe es nicht mehr geben. „Die 52 Prozent Schadholz in den Vorjahren waren eigentlich schon zu viel.“ Das meiste Fällholz solle eigentlich der Förster nach Gesichtspunkten der sinnvollen Bestandsführung festlegen und nicht Stürme und Käferplagen im Schatten des Klimawandels.

Aufforstung geschieht mit trockentoleranten Arten.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat man die Strategie geändert. „Der Wald muss jetzt rasch umgebaut werden“, erklärt Forstamtsleiterin Wulfes, und „wir dürfen die Fichten nicht mehr so alt werden lassen – denn je älter, desto anfälliger sind sie“. Die Fichten mit über 60 Zentimeter Durchmesser gehörten gefällt, „sobald der Preis wieder bei über 75 Euro je Festmeter Frischholz liegt“. Gleichzeitig sollen jährlich 1,5 bis 2 Hektar neu eingepflanzt werden, und zwar mit trockentoleranten Arten: „Eiche, Roteiche, Douglasie empfiehlt die Forstliche Versuchsanstalt in Freiburg für unsere Lage.“ In Sulzbach hat man außerdem Spitzahorn, Esskastanie und Flatterulme auf der Bestellliste. Rund 2300 Jungpflanzen, darunter auch 700 Fichten. „Ich dachte, die sind nicht zukunftstauglich“, kommt der erstaunte Einwurf aus dem Gemeinderat. „Die Fichte ist ein hervorragender Nutzbaum, er darf nur nicht bestandsbildend sein“, erklären die Fachleute, „zwischen die Douglasien gepflanzt, treiben die einander hoch und asten sich gegenseitig.“ Die Pflanzungen sollen die Naturverjüngung lediglich anreichern, um den Wald widerstandsfähiger zu machen. Wie so oft: Die gesunde Mischung macht’s.

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Erstellt:
28. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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