Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Streit um Verschleierung im Freibad dauert an

Gespräch zwischen dem OB und einer Backnangerin, die im Burkini mit Nikab baden ging, bleibt ohne endgültiges Ergebnis

Für Anke Moutaqui waren die vergangenen Tage sehr aufwühlend. Weil sie im Burkini mit Gesichtsschleier baden ging, hatten sich andere Besucher des Wonnemars beschwert. Das mündete darin, dass der Erste Bürgermeister Backnangs ihr den Freibadbesuch in Vollverschleierung untersagte. Nun fand ein klärendes Gespräch statt, das Ergebnis dürfte aber keinen der Beteiligten zufriedenstellen.

Der Zugang zum Backnanger Freibad könnte Anke Moutaqui bald verwehrt sein. Sie trägt einen Gesichtsschleier – das gefällt der Stadtverwaltung nicht. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Der Zugang zum Backnanger Freibad könnte Anke Moutaqui bald verwehrt sein. Sie trägt einen Gesichtsschleier – das gefällt der Stadtverwaltung nicht. Foto: A. Becher

Von Lorena Greppo

BACKNANG. „Meine Kinder und ich sind ein Teil der Gesellschaft. Wir wollen uns genauso frei bewegen und Spaß haben, wie es andere Familien auch dürfen“, formuliert Anke Moutaqui ihre Forderung an die Backnanger Stadtverwaltung. Die Deutsche ist vor gut 13 Jahren zum Islam konvertiert, in der Öffentlichkeit trägt sie einen sogenannten Nikab – einen Schleier, der nur ihre Augen zeigt. Besucht sie mit ihren fünf Kindern das Wonnemar, so kleidet sich die Muslimin im Burkini, also in Badekleidung. Dieser ist ebenfalls mit einem Gesichtsschleier versehen, die Tochter trage den Nikab nicht. Der Erste Bürgermeister der Stadt, Siegfried Janocha, der auch Aufsichtsratsvorsitzender der Städtischen Bädergesellschaft ist, hatte ihr in der Folge in einer E-Mail ein Verbot des Besuchs der Murrbäder in Vollverschleierung ausgesprochen. Mehrere Besucher des Wonnemars hatten sich offenbar über die Badebekleidung der Backnangerin beschwert. Das Hausverbot wollte sich Moutaqui nicht so einfach gefallen lassen. Sie startete sogar eine Online-Petition, die sich an OB Frank Nopper wandte. „Soll ich mich zu Hause einsperren, damit die Gesellschaft zufrieden ist?“, fragte sie darin.

Nopper hat deshalb ein Gespräch anberaumt, das heute Mittag im Rathaus stattgefunden hat. „Das Gespräch hatte zum Ziel, wechselseitiges Verständnis zu schaffen und die angespannte Lage zu beruhigen“, erklärte der OB. Mit dabei war auch Ricardo Haas, der CenterManager des Wonnemars. Er war vom Verbot, das Janocha der Frau erteilte, ebenfalls überrascht worden, hatte er doch im Vorfeld der Diskussionen klargemacht: Solange eine Besucherin Badekleidung trägt, dürfe sie ins Becken. Das gelte auch für einen Burkini. Moutaqui habe ihm sogar einen Link geschickt zu der Online-Plattform, wo sie ihren Burkini gekauft hat. „So kann Herr Haas sich sicher sein, dass es sich um Badekleidung handelt“, sagt sie. Das sei aber offenbar gar nicht der Grund gewesen, weshalb die Stadtverwaltung der 35-Jährigen das Baden verbieten will. Vielmehr wurden Sicherheitsbedenken geäußert, zudem verwies die Stadtverwaltung darauf, dass andere Badegäste und vor allem Kinder sich beim Anblick einer vollverschleierten Frau ängstigten. Man habe Anke Moutaqui deshalb empfohlen, „von der nur mit Sehschlitzen ausgestatteten (Gesichts-)Verschleierung abzusehen.“

Das wiederum kann die Backnangerin nicht nachvollziehen. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass Kinder Angst vor mir hatten“, sagt sie. Manche hätte verwundert geschaut und ihre Eltern auf den ungewohnten Anblick angesprochen. Das sei doch aber nicht weiter schlimm, findet Moutaqui. Seit etwa sechs Jahren trage sie in der Öffentlichkeit den Nikab, erzählt sie. An schräge Blicke habe sie sich gewöhnt. Und nicht nur das.

Ein weiteres Gespräch soll nach den Sommerferien stattfinden

„Es kommt schon vor, dass mir jemand auf der Straße das Handy direkt vors Gesicht hält und ein Foto von mir macht.“ Auch blöde Sprüche bekomme sie zu hören. Dass sie aber aus einer Gruppe heraus angegangen und vor ihren Kindern heftig beschimpft wird, wie es ihrer Schilderung nach zu Anfang der Woche der Fall war, das habe sie bisher noch nicht erlebt. „Die Bademeisterin musste dazwischengehen“, erinnert sie sich. Man habe ihr gesagt, ihre Kleidung sei unhygienisch und passe nicht hierher. „Normalerweise versuche ich bei so etwas, den Mund zu halten. Aber das wollte ich dann nicht so stehen lassen.“ Sie habe versucht, den anderen Badegästen zu erklären, dass ihr Burkini durchaus Badekleidung sei, aber „die haben mich nicht mal zu Wort kommen lassen“. Ihr Eindruck sei, dass jene Leute nicht an einem Austausch interessiert waren, sondern nur ihren Unmut ausdrücken wollten.

Eine sachliche Unterhaltung habe sie mit OB Nopper immerhin geführt. Dennoch: Eine Einigung haben die betroffenen Parteien nicht erzielt. Denn Anke Moutaqui will ihren Gesichtsschleier nicht ablegen. Er sei ein Ausdruck ihres Glaubens. Die Stadtverwaltung kündigte deshalb an, die Sach- und Rechtslage ausgiebig zu prüfen. Solange habe man Moutaqui nahegelegt, „freiwillig auf den Besuch des Freibads zu verzichten.“ Dem stimmte die fünffache Mutter zu. Sie sei aber so enttäuscht gewesen, dass sie im Gespräch zu weinen angefangen habe, schildert sie. Nach den Sommerferien solle ein weiteres Gespräch mit der Bäderverwaltung stattfinden.

Welche Ergebnisse sind denkbar? Sollte tatsächlich ein Vollverschleierungsverbot ergehen, kündigte Anke Moutaqui an, rechtlich dagegen vorzugehen. „Mein Verständnis von Religionsfreiheit ist es, dass ich mich in meiner gewählten Kleidung frei bewegen darf.“ Dass ihren Kindern der Badespaß verwehrt bleiben soll, weil sie einen Nikab trägt, empfinde sie nicht als gerecht. Und das wäre die Konsequenz, denn mit anderen Personen möchte sie die Kinder nicht ins Bad schicken. Bislang, so Moutaqui, habe sich niemand an ihrem Auftreten gestört – weder im Kindergarten noch in Schulen oder in den Sportvereinen, in denen die Kinder Mitglieder sind. „Man spricht immer darüber, dass muslimische Frauen unterdrückt werden“, sagt sie. „Mein Mann unterdrückt mich nicht, die Stadt jetzt aber schon.“ Die zweite Möglichkeit ist, dass die Stadt Backnang feststellt, dass es keine rechtliche Grundlage für ein Haus- oder Badeverbot gibt. Dann würde sich die Angelegenheit als unnötige Aufregung erweisen.

Zum Artikel

Erstellt:
4. Juli 2019, 17:36 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!