TransnetBW-Chef Werner Götz
Strommanager kämpft für Freileitungen: „Wir könnten Milliarden sparen“
TransnetBW-Chef Werner Götz kämpft für Freileitungen statt Erdkabel beim Stromnetz-Ausbau. Er erklärt, warum das Milliarden spart – und was für ihn ein „Horrorszenario“ wäre.
© Christoph Schmidt
Werner Götz, CEO von TransnetBW, sieht in Freileitungen den Schlüssel für eine schnellere und bezahlbare Energiewende.
Von Jonas Schöll
Der Erfolg der Energiewende hängt maßgeblich am zügigen Ausbau der „Stromautobahnen“ – den Hochspannungsleitungen, die Ökostrom durchs Land leiten. Lange genossen unsichtbare Erdkabel den Vorrang. Doch nun plant die Bundesregierung eine Kehrtwende: Künftig sollen oberirdische Freileitungen wieder bevorzugt werden.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) setzt die Vorgaben des Koalitionsvertrags mit einer Novelle des Bundesbedarfsplangesetzes um. Werner Götz, Chef des Übertragungsnetzbetreibers TransnetBW, begrüßt das – doch Bauwirtschaft und Kabelhersteller laufen Sturm. Im Interview erklärt der Manager, warum der Kurswechsel trotzdem richtig ist.
Herr Götz, die Bundesregierung will den Vorrang für Erdkabel beim Ausbau des Stromnetzes stoppen. Sie kämpfen schon seit Jahren dafür. Warum ist das der richtige Weg?
Freileitungen sind in allen Belangen vorteilhafter: Sie sind wirtschaftlicher, deutlich schneller umzusetzen, wartungsfreundlicher und resilienter. Wir könnten Milliarden einsparen und die Energiewende insgesamt bezahlbarer machen. Deshalb werbe ich seit über zwei Jahren für ein Umdenken beim Erdkabel-Vorrang.
Sie sind aber nicht ganz am Ziel. Der Gesetzentwurf knüpft den Bau der Freileitungen an eine Bedingung: Sie sollen nur dann errichtet werden, wenn sie auch wirtschaftlich sind. Was stört Sie daran?
Ich bin ein Freund klarer und eindeutiger Formulierungen. Diese inhaltliche Bedingung, Freileitungen nur bei Wirtschaftlichkeit zu bauen, zwingt uns in einen umfassenden Variantenvergleich. Das heißt, obwohl Freileitungen wirtschaftlich ziemlich sicher immer dem Erdkabel überlegen sein werden, müssten wir für jeden Abschnitt zwei technische Konzepte durchplanen, räumlich und wirtschaftlich bewerten. Dieser Mehraufwand kostet uns ein bis zwei Jahre Zeit, die die Energiewende nicht hat. Zudem schafft es Angriffsflächen und Klagerisiken, die alles weiter verzögern können.
Fürchten Sie Neiddebatten, wenn an einem Ort Freileitungen sind, am anderen Erdkabel?
Eine Mischlösung wäre ein Horrorszenario – und zwar dreifach: Technologisch fange ich mir die Nachteile beider Systeme ein. Wirtschaftlich kostet jede Übergangsstelle zweistellige Millionenbeträge und die Fläche eines Fußballfeldes. Und bei der Akzeptanz hätten Sie den Super-GAU: Sie müssten immer argumentieren, warum die einen Erdkabel erdulden müssen und die anderen Freileitungen. Beide Seiten werden unzufrieden sein. Ein solches Zickzack müssen wir unbedingt vermeiden.
Die Bauwirtschaft und sieben weitere Verbände warnen vor Ihrem Kurs und fordern Planungssicherheit. Wie entgegnen Sie diesen Bedenken?
Unsere Präferenz für Freileitungen basiert auf volkswirtschaftlichen Überlegungen. Dass es Brancheninteressen gibt, insbesondere bei Unternehmen, die Erdkabel produzieren oder Tiefbau machen, ist nachvollziehbar. Aber wir müssen hier klar zwischen individuellen Brancheninteressen und dem übergeordneten Interesse der Bundesrepublik Deutschland trennen. Die Kabelindustrie bedient einen Weltmarkt; die Existenz von Herstellern hängt nicht von einzelnen nationalen Projekten ab. Wir reden über Projekte, die in den 2030er-Jahren realisiert werden. Ein politischer Vorlauf von vier bis fünf Jahren ist Planungssicherheit.
Ein Argument für Erdkabel war 2015 die Akzeptanz. Fürchten Sie eine neue Klagewelle?
Schauen Sie sich den SuedLink an. 2013 als Freileitung geplant, dann auf politischen Druck als Erdkabel beschlossen – in der Hoffnung auf mehr Akzeptanz. Die haben wir nicht gefunden. Wir haben heute noch massive Widerstände, vor allem in Thüringen, Hessen und Bayern. Gleichzeitig gibt es Probleme mit Landwirten, die sagen: Der Eingriff bedroht meinen Betrieb existenziell. Wir hatten zeitweise Hunderte Betretungsverbote. Der Technologiewechsel hat nicht zur Befriedung geführt, sondern nur die Betroffenen verschoben.
Die Bauwirtschaft argumentiert, Erdkabel seien sicherer gegen Sabotage und Extremwetter. Teilen Sie diese Einschätzung?
Erdkabel sind zwar 1,50 Meter tief vergraben und nicht sichtbar, doch diese Tiefe ist kein unüberwindbares Hindernis. Beide Technologien sind angreifbar. Der entscheidende Vorteil von Freileitungen ist die deutlich reduzierte Reparaturdauer. Während bei Erdkabeln zwei bis drei Wochen für Fehlersuche, Erdarbeiten und Reparaturen eingeplant werden müssen, können wir bei Freileitungen selbst im Worst Case, etwa einem Mastbruch, innerhalb von vier bis fünf Tagen einen provisorischen Mast setzen. Behauptungen von Kabelherstellern, Erdkabel seien in einer Woche repariert, sind in der Praxis unrealistisch und nicht vertraglich zugesichert.
Was sind Ihre Forderungen an die Politik?
Eindeutigkeit statt Zickzack. Eine klare Technologiewahl für Freileitungen – und eine stabile Position über Fraktionen sowie Bund und Länder hinweg. Im Bundesrat haben sich einige Länder massiv gegen Freileitungen positioniert. Ich wünsche mir, dass die Mehrheit der Bundesländer sich für die wirtschaftlich und technisch bessere Lösung entscheidet. Und ich wünsche mir eine Entscheidung vor der Sommerpause.
Warum engagieren Sie sich persönlich so stark für Freileitungen?
Die Energiewende war in den letzten Jahren erfolgreich – aber die einfachen Meter sind hinter uns. Wir sehen in der Bezahlbarkeit ein riesengroßes Akzeptanzproblem. Wir müssen die Kosten minimieren, damit die Energiewende für Bürger und Industrie bezahlbar bleibt. Bei Freileitungen haben wir keinen technologischen oder zeitlichen Nachteil – im Gegenteil.
