Baden-Württemberg
Studie: Männer hören Frauen im Landtag weniger aufmerksam zu
Dass Abgeordnete mal aufs Handy schauen, kennen Beobachter des Landtags. Offenbar mache es aber einen Unterschied, ob vorne eine Frau oder ein Mann redet, legt eine Studie nun nahe.
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Der Plenarsaal des Landtags in Stuttgart. (Archivbild)
Von red/dpa/lsw
Wenn im Landtag von Baden-Württemberg eine Frau spricht, hören männlichen Kollegen etwas weniger aufmerksam zu als wenn ein Mann spricht. Das ist das Ergebnis einer Studie von Wissenschaftlern der Universität Mannheim, die dafür die Videos von mehr als 1.000 Reden im Stuttgarter Landesparlament analysiert und ausgewertet haben.
„Frauen erhielten während ihrer Beiträge systematisch etwas weniger Aufmerksamkeit aus dem Plenum“, sagte Politikwissenschaftler Oliver Rittmann von der Universität Mannheim, einer der Autoren der Studie, die auch gemeinsam mit Kollegen des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) durchgeführt wurde. Männliche Abgeordnete zeigten der Studie zufolge im Schnitt fast sechs Prozentpunkte weniger Aufmerksamkeit, wenn eine Frau sprach im Vergleich zu einer Rede eines männlichen Kollegen. Bei einer Redelänge von fünf Minuten entspreche das rund 18 Sekunden, so die Forscher.
Andere Faktoren spielen laut Forschern keine Rolle
„Man mag sagen: Das ist doch nicht viel. Auffällig ist aber, dass das Aufmerksamkeitsdefizit zulasten der Frauen allein auf die Männer im Plenum zurückzuführen ist. Frauen gelingt es hingegen, Männern und Frauen gleichermaßen Gehör zu schenken“, sagte Rittmann.
Der Unterschied bleibe auch nach Berücksichtigung weiterer Faktoren wie etwa der Tageszeit oder der Länge der Reden bestehen, so Rittmann. „Diese spielen zwar für die allgemeine Publikumsaufmerksamkeit eine Rolle, können aber nicht erklären, weshalb Frauen im Schnitt weniger Aufmerksamkeit zuteilwird“, so der Forscher.
Es sei nicht nur eine Frage des Anstandes, dass Abgeordnete Rednerinnen und Rednern im Parlament aufmerksam zuhörten, sondern auch eine Frage der demokratischen Kultur, sagte Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne). „Frauen verdienen dabei selbstverständlich denselben Respekt wie Männer.“
Aras hat nach eigenem Bekunden bislang nicht den Eindruck eines Gefälles gehabt, sagt aber auch: „Ich stimme den Autoren voll und ganz zu, dass idealerweise überhaupt kein Unterschied auszumachen sein sollte.“
Landtagspräsidentin: Frauenanteil ist völlig ungenügend
Der Frauenanteil in den Parlamenten sei jedoch in jedem Fall völlig ungenügend, so Aras. „Wenn einer Gruppe zu wenige Frauen angehören, besteht die Gefahr, dass Männer nicht mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren.“ Die ersten Frauen im Parlament hätten noch mit offen breitbeinigem und schenkelklopfendem Machoverhalten zu kämpfen gehabt, heute seien die Unterschiede subtiler und sehr gering - aber offenbar noch da. „Auch deshalb brauchen wir mehr Parität“, sagte die Präsidentin.
In der vergangenen Legislaturperiode des Landtags, aus der die untersuchten Reden stammen, waren den Forschern zufolge 26 Prozent der Abgeordneten Frauen. In der nun zu Ende gegangenen Periode waren es laut Landtag knapp 33 Prozent. Bekämen Frauen dann auch noch weniger Aufmerksamkeit für ihre Reden, sei das für die Demokratie problematisch, sagte Rittmann. Weibliche Abgeordnete könnten nur dann gleichen Einfluss in Parlamenten ausüben, wenn sie denselben Respekt und dieselben Chancen wie Männer bekämen. „Dies setzt voraus, dass gewählte Frauen gleiche Möglichkeiten haben, ihre Meinung zu äußern, und dass ihre Perspektiven Gehör finden.“
Videos mit Analysesoftware ausgewertet
Für die Studie werteten die Wissenschaftler 1.003 Reden in 142 Debatten im Stuttgarter Landtag zwischen Juli 2018 und Juli 2019 aus. Mithilfe einer Analysesoftware prüften die Wissenschaftler, ob Abgeordnete während einer Rede zum Rednerpult schauten - und damit aus Sicht der Forscher aufmerksam waren - oder ob sie etwa mit ihren Nachbarn sprachen oder auf ihr Handy schauten.
Warum Männer weniger Aufmerksamkeit zeigten, wenn Frauen sprachen, können die Studienautoren nicht beantworten. Landtagspräsidentin Aras hat aber eine eigene Theorie. „Womöglich spielt in puncto Aufmerksamkeit ebenfalls eine Rolle, dass Frauen nicht gleichermaßen polternd oder provokant auftreten wie einzelne Männer“, sagte die Grünen-Politikerin. Plenarreden, die mit Ordnungsrufen geahndet würden, schafften etwa große Aufmerksamkeit. Das sei aber kein Ausweis gepflegter Debattenkultur. „Insofern sollten insgesamt vielmehr die besonnenen Beiträge im Plenarsaal Gehör und Anklang finden.“
