Stuttgart 21-Zusatz: Vielleicht machbar aber umstritten

dpa/lsw Stuttgart. Mit seiner Machbarkeitsstudie will Verkehrsminister Winfried Hermann vor allem die Stadt überzeugen. Denn der gewünschte Bahnhof soll auf deren Flächen gebaut werden. Bislang sieht es eher nicht so aus, als habe er das Rathaus überzeugt.

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann steht vor einem Regionalzug. Foto: Bernd Weißbrod/dpa/archivbild

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann steht vor einem Regionalzug. Foto: Bernd Weißbrod/dpa/archivbild

Man kann Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) nicht vorwerfen, er habe es nicht versucht. Vor ziemlich genau zwei Jahren brachte er eine zusätzliche Station für das Mega-Bauprojekt Stuttgart 21 der Bahn ins Spiel. Er sah die Kapazität des Bahn-Vorzeigeprojekts vor allem für den Regionalverkehr wegen steigender Fahrgastzahlen bereits als erschöpft an. Das tut er auch weiterhin. Und nach wie vor trommelt er unbeeindruckt von der lautstarken Kritik weiter für sein Projekt. Es wird inzwischen auch offiziell von der grün-schwarzen Koalition unterstützt. Allein, der Grünen-Minister findet nach wie vor wenig Gehör bei seinen möglichen Projektpartnern. Und auch die jüngste Studie, die den Plänen eine Machbarkeit bescheinigt, stoßen bei der Stadt zunächst auf Kritik.

„Wir haben bei der ersten Durchsicht feststellen müssen, dass zentrale Aspekte, die wir in das Verfahren eingebracht haben, fehlen“, sagte Stadtsprecher Sven Matis am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Nach dem Gutachten, durch das sich Hermann in seinen Plänen bestätigt sieht, greife ein möglicher Bau wesentlich in die Stadtflächen und deren Verfügbarkeit ein. Der Gemeinderat werde die Pläne im Juli beraten. „Zentral ist: Wir wollen auf den freiwerdenden Gleisflächen den neuen Stadtteil Stuttgart Rosenstein entwickeln“, sagte Matis. „Wir wollen, dass dort über 10 000 Menschen eine Wohnung finden, Arbeitsplätze entstehen oder dass Einrichtungen wie Schulen und Kitas gebaut werden können.“

Hermann hatte zuvor Zahlen und Zeitplan für den Vorschlag eines unterirdischen Bahnhofs vorgelegt. Er hält die zusätzliche Station für den Regionalverkehr trotz lautstarker Zweifel für notwendig und durch das Gutachten bestätigt. „Es bringt was und wir brauchen es“, sagte er. Technisch und baulich sei die Station unabhängig von Stuttgart 21 machbar. „Es ist ein separates Nahverkehrsprojekt“, betonte er, um nicht direkt mit dem 8,2 Milliarden teuren Tiefbahnhof- und Trassenbau gleich nebenan in Verbindung gebracht zu werden.

Zuschläge und Baukosten für einen Ergänzungsbahnhof summieren sich nach Schätzung des Landes auf 785 Millionen Euro. Diese müssten zum großen Teil über den Bund und das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz gezahlt werden. „Wenn man sieht, wofür Berlin so alles Geld ausgibt, ist das eine überschaubare Summe“, sagte Hermann. Ein Viertel der benötigten Mittel müssten aber nach seinen Vorstellungen auf die Rechnungen von Stadt, Verband Region Stuttgart und Land gehen.

Ohne weiteren Zulauf, neue Gleise und einen unterirdischen Kopfbahnhof zusätzlich zu den Stuttgart-21-Planungen werde es nicht möglich sein, doppelt so hohe Fahrgastzahlen auf der Schiene auch im Schienenknoten Stuttgart zu erreichen, argumentierte er. „Man ist im Jahr 2030 am Anschlag“, sagte er voraus. „Allerdings endet 2030 nicht die Geschichte des Eisenbahnwesens und die Notwendigkeit zum Klimaschutz.“

„Ich bin sehr optimistisch, dass wir das schaffen“, zeigte sich der Minister weiter überzeugt. Er räumte aber auch erneut ein, „dass es nicht so einfach ist, wie ich es mir am Anfang vorgestellt habe“. Er drängte zur Eile: „Wenn welche querschießen und dies und jenes wollen, dann wird es zu Verzögerungen kommen. Und dann wird's schwierig.“ Entscheidend sei, dass möglichst viel im Interesse der Stadt gebaut werden könne und es trotzdem möglich sei, die Ergänzungsstation zu bauen.

Für die FDP-Fraktion im Landtag sagte deren verkehrspolitischer Sprecher Christian Jung, das Konzept sei „noch nicht rund“, es blieben viele offene Fragen. Er äußerte zudem Zweifel, ob sich die Zahlen im Nahverkehr angesichts von demografischem Wandel, Homeoffice und Online-Konsum überhaupt verdoppelten. Dagegen sehen sich die Umweltschützer von BUND durch die Studie bestätigt. Die Landesvorsitzende Sylvia Pilarsky-Grosch forderte Stadt und Region auf, den Widerstand aufzugeben.

Die SPD im Gemeinderat wissen Minister und Pilarsky-Grosch allerdings noch nicht auf ihrer Seite. Der Vorsitzende der Gemeinderatsfraktion, Martin Körner, meinte: „Irgendwann ist einfach auch mal gut mit Tunnelbaustellen in der Innenstadt.“

© dpa-infocom, dpa:210614-99-990988/6

Zum Artikel

Erstellt:
15. Juni 2021, 03:30 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!