Stuttgart macht sich stark gegen rechts

Zur Kundgebung „Rechte Welle brechen“ kamen laut Veranstalter generationenübergreifend zwischen 10 000 und 15 000 Menschen auf den Marktplatz nebst Zugangsstraßen. Die Polizei spricht von bis zu 9000 Demonstranten.

Auf dem Marktplatz hat man Demonstrierende aus dem pfälzischen Landau genauso wie aus dem badischen Freiburg oder dem bayerischen München getroffen.

© Lichtgut/Julian Rettig

Auf dem Marktplatz hat man Demonstrierende aus dem pfälzischen Landau genauso wie aus dem badischen Freiburg oder dem bayerischen München getroffen.

Von Petra Mostbacher-Dix

Stuttgart - „Wenn es fünfstellig wird, ist es richtig gut gelaufen. Die Stadt rechnet mit 10 000 Teilnehmenden, wir auch.“ Das betonte Dominik Schmeiser, Pressesprecher des Aktionsbündnisses Stuttgart gegen rechts, vor der Demonstration „Rechte Welle brechen“, zu der man für Samstag aufgerufen hatte. Und es ist gut gelaufen. Auf der Webcam am Rathaus war nicht nur zu sehen, dass die Menschen dicht an dicht auf dem Stuttgarter Marktplatz standen. Auch in den Nebenstraßen wie der Schul-, Münz- oder Kirchstraße fanden sich mehr und mehr Leute ein. Laut Veranstalter waren zwischen 10 000 und 15 000 Leute da. Die Polizei schätzt die Zahl auf bis zu 9000 Menschen. Schon vor etwa einem Monat konnte das Aktionsbündnis schätzungsweise 20 000 Menschen auf dem Stuttgarter Schlossplatz versammeln.

Der Zusammenhalt gegen rechts scheint ungebrochen. Am Samstag vor Demobeginn lag die Zahl der Organisationen und Partner, die den Aufruf unterstützten, bei 94. „Keiner wird ausgeschlossen“, so Schmeiser. Jeder und jede, der gegen rechts kämpfe, sich für Menschenrechte sowie Demokratie einsetze, könne und solle teilnehmen. „Klar ist aber auch, wir stellen statt Parteien Themen in den Vordergrund mit unterschiedlichen Beiträgen und Ansätzen in diesem Kampf gegen rechts.“ Die Protestbewegung fange an, sich ein bisschen auszudifferenzieren, und man wolle keine Sonntagsreden, sondern sich mit Inhalten auseinandersetzen. „Dazu gehört die Kritik an allen Regierungs- und Oppositionsparteien dazu.“ Man müsse analysieren, woher dass Erstarken der rechten Bewegung komme, und dafür müsse man auch auf die Politik der vergangenen 20 Jahre schauen. Und so knüpfe man nicht nur an die große Demonstration vom 20. Januar auf dem Stuttgarter Schlossplatz an. Man wolle Akzente darüber hinaus setzen.

Das spiegelte sich am Samstag in der Vielfalt der Teilnehmenden. Denn die kamen längst nicht nur aus der Landeshauptstadt, sondern aus dem ganzen Land und darüber hinaus. So traf man auf dem Marktplatz Demonstrierende aus dem pfälzischen Landau genauso wie aus dem badischen Freiburg oder den bayerischen Städten Augsburg und München. Und das jeden Alters, Familien mit Babys, Klein- und Schulkindern bis zu Omas und Opas gegen rechts und alles dazwischen. Sie hielten Schilder hoch mit Aufschriften wie „Menschenrechte statt rechte Menschen“, „Meine Nationalität? Mensch!“ oder „Nazis hatten wir schon. War scheiße“, „Demokratie statt Deportation“ oder „Remigriert euch ins Knie“.

Ein Familienvater, gut ausgestattet mit Rasseln, Pfeifen und Keksen, betonte: „Jetzt ist Schluss, wir müssen hinstehen, Gesicht und den Rechten die Rote Karte zeigen.“ Und eine Seniorin, die sich „durchaus als gutbürgerlich“ bezeichnete, betonte, dass man sich schon Gedanken machen müsse, wie die Auswüchse des Turbokapitalismus nicht nur zum Zustand der Welt und den Krisen geführt hätten. Das hätte den menschenfeindlichen Rechten den Boden bereitet, die noch antisozialer seien und keine Lösungen anbieten würden.

Das wurde auch von den Rednerinnen und Rednern auf der Bühne angesprochen. Rechte und neoliberale Politik wurde angeprangert, härtere Asyl- und Abschiebegesetze und eine Migrationspolitik moniert, die sich an der ökonomischen Verwertbarkeit von Menschen orientiere, Kritik an Verschärfungen von Polizeigesetzen sowie Angriffen auf den Sozialstaat artikuliert. Zu den Themen „Flucht & Asyl“, „Gewerkschaften im Kampf gegen rechts“ sowie „Antifa von unten“ sprachen auf dem Marktplatz Vertreter und Vertreterinnen von Seebrücke, Amnesty Stuttgart, Flüchtlingsrat Baden-Württemberg, IG Metall Baden-Württemberg, Verdi-Jugend Baden-Württemberg sowie „Antifa von unten“ für die süddeutsche Antifa-Bewegung.

Zur Abschlusskundgebung auf dem Marienplatz folgten Beiträge zu „Rassismus in Deutschland“ von der organisierten migrantischen Bewegung sowie zu „Feministschen Perspektiven gegen rechts“ von Vertreterinnen des Aktionsbündnis 8. März, des Feministischen Frauengesundheitszentrums (FF*GZ) und des Frauenkollektivs – musikalisch untermalt vom Rap und den südamerikanischen Rhythmen der Stuttgarter Latinboys sowie von PTK und Sechser aus Berlin. Spontan formierte sich laut Polizei, die mit mehreren Hundert Kräften im Einsatz war, nach der Kundgebung ein Zug mit 200 Menschen in Richtung Lilo-Hermann-Haus im Stuttgarter Süden. Dabei seien Rauchtöpfe angezündet worden.

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Erstellt:
25. Februar 2024, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
26. Februar 2024, 21:59 Uhr

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